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Deutsche Bank:Deutsche Bank vor turbulenter Hauptversammlung

Fotos: dpa, Deutsche Bank

Waffen, Kohle, Atom: Die Deutsche Bank war stets dabei, wenn es Geld zu verdienen gab. Auf der Hauptversammlung dürften viele Aktionäre nun skeptisch sein, ob Chef Cryan die moralische Wende schafft.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Natürlich hatte bei der Deutschen Bank niemand ernsthaft geglaubt, dass das Geldinstitut von heute auf morgen in einem anderen Licht dasteht, nur weil man in North Carolina gegen ein neues Gesetz protestiert. Um die Diskriminierung von Homo-, Bi- und Transsexuellen ging es, weswegen die Bank in dem US-Bundesstaat vorerst keine neuen Arbeitsplätze schaffen will. Dass aber sogar Vorstandschef John Cryan betonte, wie wichtig der Bank eine tolerante Arbeitsumgebung sei, hat viele in den Frankfurter Doppeltürmen gefreut. Allzu weh tat das dem Konzern allerdings nicht, denn die Zukunft der Bank wird nicht gerade in North Carolina entschieden.

Immerhin aber waren es zur Abwechslung einmal gute Nachrichten, und die sind im Zusammenhang mit der Deutschen Bank bekanntlich so selten wie Eisberge in der Wüste. Auf der Hauptversammlung an diesem Donnerstag in der Festhalle der Frankfurter Messe werden sich daher viele wütende Anteilseigner ans Rednerpult wagen. Den Verfall des Aktienkurses werden sie kritisieren, den Ausfall der Dividende und das Geschäftsmodell, das viele für wenig vielversprechend halten. Außerdem wird es um die Milliarden gehen, die die Bank für Skandale im Investmentbanking bezahlen musste und darum, ob das alles nicht noch einmal von unabhängigen Prüfern untersucht werden müsste. Zwar wird die große Mehrheit der Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat wohl das Vertrauen aussprechen. Ein glänzendes Abstimmungsergebnis erwartet jedoch kaum jemand. Die gesellschaftliche Rolle der Bank wird dabei nicht minder im Fokus stehen. Seit Jahrzehnten ist die Deutsche Bank - mehr als die meisten anderen Unternehmen - über ihre eigentliche Rolle hinausgewachsen, allein schon deshalb, weil Banken als Kreditspender der Wirtschaft und Herzkammern der Kapitalmärkte ungleich mächtiger sind als Industriekonzerne. Für die größte Bank der Republik gilt das ganz besonders.

Vor der Festhalle und wohl auch im Saal werden daher wie jedes Jahr Nichtregierungsorganisationen demonstrieren. Vor zwei Jahren schaffte es ein Grüppchen Demonstranten sogar, Ex-Vorstandschef Anshu Jain derart aus dem Konzept zu bringen, dass Aufsichtsratschef Paul Achleitner dem sonst so souveränen Briten verbal zur Seite springen musste. Jain hatte gerade versucht, seine erste Hauptversammlungs-Rede auf Deutsch zu halten.

Das könnte auch dieses Jahr passieren. Denn Redner wie Demonstranten werden sich am Donnerstag den neuen Vorstandschef Cryan - ein Brite wie Jain - vorknöpfen. Im Kern geht es ihnen um die Frage: Wird er der Deutschen Bank nicht nur ein solides Geschäftsmodell, sondern auch das moralische Fundament zurückgeben?

"Auch John Cryan hat den Kulturwandel nicht geschafft"

Thomas Küchenmeister von der bankenkritischen Organisation Facing Finance ist skeptisch: "Auch John Cryan hat den Kulturwandel der Deutschen Bank nicht geschafft, noch nicht einmal in Ansätzen". Er kritisiert zum Beispiel, dass sich Cryan auf das "besonders profitable Geschäft" im Investmentbanking konzentrieren wolle. "Unsere Erfahrung lehrt, dass besondere Profite in der Regel dort zu erwarten sind, wo es eben keine, beziehungsweise zu wenige Regeln im sozialen und ökologischen Bereich zu beachten gibt", warnt Küchenmeister. Wie die Commerzbank steht auch die Deutsche Bank vor dem Dilemma, dass sie angesichts hoher Kosten dringend auf Erträge angewiesen ist. Da fällt es umso schwerer, verantwortlich zu wirtschaften.

900

Mitarbeiter der Deutschen Bank haben 2015 insgesamt 1200 Arbeitstage an 150 Integrationsprojekten für Flüchtlinge mitgearbeitet. So steht es im Nachhaltigkeits- bericht des Instituts.

Da ist das Beispiel Rüstung: Insgesamt 1,47 Milliarden Euro an Krediten und anderen Finanzierungen hat die Bank an die Rüstungsindustrie vergeben, schätzt Facing Finance. "Die Deutsche Bank kennt kaum Skrupel", schreibt die Organisation in einer Studie. Sie unterhalte zu fast allen großen Rüstungskonzernen Geschäftsbeziehungen, darunter auch acht der zehn weltweit größten Waffenhersteller. Allesamt hätten sie mit der Herstellung von Atomwaffensystemen zu tun, würden Rüstungsgüter in Krisengebiete exportieren.

So ganz will das die Deutsche Bank nicht stehen lassen. Man achte besonders auf Krisengebiete in Afrika, Lateinamerika und Asien. Der Arabische Raum, zuletzt auch Russland seien zuletzt durch unterschiedliche Regierungen für Waffengeschäfte ausgeschlossen worden. Facing Finance hält die Erklärung der Bank trotzdem für zu weich. "Eine Richtlinie zu Waffenexporten gibt es nicht", kritisiert die Organisation.

Auch im Punkto Kohleindustrie kannte die Deutsche Bank zuletzt wenig Hemmungen. Laut der Organisation Urgewald ist sie nach wie vor die wichtigste deutsche Bank bei der Braunkohle-Finanzierung. Das stünde dem Pariser Klimaabkommen entgegen, das die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius halten soll.

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Milliarden Euro an Krediten und anderen Finanzierungen hat die Deutsche Bank an die Rüstungsindustrie vergeben, schätzt die bankenkritische Organisation Facing Finance. Bewertet wurde die direkte Kapitalzufuhr in Form von Krediten und die indirekte Versorgung mit Kapital durch Anleihe- und Aktien- Emissionen im Zeitraum 2012 bis 2015.

Die Deutsche Bank hält dem entgegen, es sei in vielen Ländern weiterhin politisch und gesellschaftlich gewollt, Energie aus Kohle zu gewinnen. Wenn die Bank Kohle-Unternehmen finanziere, würde sie aber darauf achten, dass bestimmte Technologie- Umwelt- und Sozialstandards erfüllt seien. Außerdem habe die Deutsche Bank nach Informationen eines Sprechers inzwischen eine Arbeitsgruppe eingerichtet, um die Bank "in Bezug auf den Klimawandel besser aufzustellen".

Es kommt also Bewegung in die Sache, zumindest ein wenig. Und so würden es die kritische Aktionäre sicherlich auch begrüßen, dass sich zahlreiche Deutschbanker im vergangenen Jahr auch um andere Dinge kümmerten, als um Bank oder Karriere. Rund 900 Mitarbeiter, so steht es im Nachhaltigkeitsbericht des Instituts, hätten 2015 rund 1200 Arbeitstage an 150 Integrationsprojekten für Flüchtlinge mitgearbeitet. Ein ehemaliges Ausbildungszentrum wurde sogar zur Flüchtlingsunterkunft.

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© SZ vom 19.05.2016
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