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Deutsche Bahn:Umsteigen wie in der U-Bahn - aber erst 2030

Lokführer streiken für mehr Lohn

Alle einsteigen am Bahnhof von Ulm: Irgendwann einmal soll es schneller von Stadt zu Stadt gehen.

(Foto: Felix Kästle/dpa)
  • Die Deutsche Bahn will mit dem neuen Fahrplansystem "Deutschland-Takt" Anschlüsse direkter und verlässlicher machen.
  • Zumindest die Pläne werden nun immer konkreter - kommen soll es allerdings erst im Jahr 2030.
  • Bis dahin müssen noch viele Strecken modernisiert, Bahnsteige verlängert und Verkehrsknoten ausgebaut werden.

Wer mit der Bahn durch Deutschland fährt, weiß, wie zugig es in Mannheim oder wie voll es in Hamburg auf Bahnsteigen werden kann. Die Wartezeit auf den Anschlusszug ist manchmal länger als die restliche Fahrzeit zum Ziel. Seit langem schon arbeiten Fachleute an einem neuen Fahrplansystem für die Deutsche Bahn, mit dem das nervige Warten auf den nächsten Zug entfallen oder wenigstens kürzer ausfallen soll. Am Dienstag stellten Gutachter des Bundesverkehrsministeriums die Pläne nun erstmals öffentlich vor. Das wichtigste Ziel: Kein Warten mehr.

In ganz Deutschland soll den Plänen zufolge in den nächsten Jahren ein grundlegend neues System mit besser abgestimmten Umsteige-Verbindungen entstehen. "Der Deutschland-Takt macht das Bahnfahren pünktlicher, schneller und die Anschlüsse direkter und verlässlicher", sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Er bedeute für die Kunden kürzere Aufenthalte an Bahnhöfen und kürzere Fahrzeiten. Allerdings müssen Kunden wohl auf das neue System selbst noch ziemlich lange warten und erst mal weiter Geduld mitbringen. Von 2020 an sollten die nötigen Maßnahmen für die Einführung getroffen werden, teilt das Verkehrsministerium mit. Zur Gänze umgesetzt werden soll der ausgetüftelte Takt erst bis 2030.

Die Pläne immerhin sind schon konkret. Auf den Hauptachsen wie den Trassen Hamburg - Frankfurt - München, Berlin - München, Dresden - Mannheim - Basel und Hamburg - Dortmund - Köln - Stuttgart soll künftig alle 30 Minuten ein Zug fahren. Auf diese Verbindungen sollen Anschlüsse der Nahverkehrszüge besser abgestimmt und die Kapazitäten des Schienennetzes ausgebaut werden. So sollen sich die Fahrzeiten zum Beispiel zwischen Stuttgart und Hamburg von derzeit 5:10 Stunden auf 4:27 Stunden oder zwischen Berlin und Düsseldorf von 4:14 Stunden auf 3:34 Stunden reduzieren.

Dabei gilt für einen neuen bundesweiten Taktfahrplan, dass an wichtigen Knoten Züge ungefähr zeitgleich eintreffen und kurz darauf wieder abfahren. Passagiere könnten dann bequem von einem in den anderen Zug umsteigen. Einfacher werden soll der Fahrplan auch durch feste Abfahrtszeiten - etwa zur vollen und halben Stunde. Das Beispiel Schweiz zeigt, dass ein solcher Fahrplan möglich ist. Dort fahren Züge schon seit mehreren Jahrzehnten zu festen Zeiten aufeinander abgestimmt. Eine Machbarkeitsstudie hatte im Jahr 2015 gezeigt, dass sich mit dem so genannten Deutschland-Takt pro Jahr zwischen acht und zwölf Millionen Stunden an Reisezeit einsparen ließen. Fahrgastverbände und Experten werben deshalb seit Jahren für ein solches System.

Schnell gehen wird das alles nicht

Damit wird ein Paradigmenwechsel bei der Bahn eingeleitet. Bislang wurden die Fahrpläne je nach Belastungsgrenze der Bahn geplant. Nun soll das System für den geplanten Fahrplan ausgebaut werden. Der Vorlauf ist deshalb entsprechend groß. Denn die Gutachter des Verkehrsministeriums sehen noch enormen Bedarf am Ausbau des Netzes, um entsprechend viele Züge fahren zu lassen. So müssten nicht nur Abschnitte wie die Strecke zwischen Nürnberg und Würzburg zu Schnelltrassen ausgebaut werden. Nötig würden an vielen Bahnhöfen längere Bahnsteige, um auch mal zwei Züge hintereinander abzufertigen. Vor allem Verkehrsknoten müssten mit mehr Gleisen ausgebaut werden. Zudem müssten Züge in kürzeren Abständen fahren können. Das erfordert die Digitalisierung des gesamten Zugsystems.

Schnell gehen wird das alles nicht. Der "Deutschland-Takt" sei ein "Langfristprojekt", urteilen die Gutachter. "Er benötigt deshalb ein Konzept, in welchen Etappen er umgesetzt werden könnte. Die Fachleute selbst bleiben vorsichtig. Der Plan wecke vielerlei Erwartungen. "Nicht alle wird er sofort erfüllen können." Verkehrsminister Scheuer sprach dagegen vom "größte Projekt im Eisenbahnbereich seit der Bahnreform von 1994".

Die große Koalition will bis 2030 die Zahl der Bahnkunden verdoppeln und mehr Güter von der Straße auf die Schiene verlagern. Eine wichtige Voraussetzung, dafür soll der neue Takt sein. Der Verbraucherzentrale Bundesverband lobte das Modell am Dienstag aus Kundensicht. Der private Bahnkonkurrent Flixmobility sieht den neuen Takt dagegen skeptisch. Es gehe um einen politischen Fahrplan, sagte Geschäftsführer André Schwämmlein. Wichtiger als eine neue Taktfrequenz für den Staatskonzern sei es, die zentralen Strecken auszubauen, um mehr Verkehr zu ermöglichen.

© SZ vom 10.10.2018/vit
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