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Glossar zur Finanzkrise:Von Schweinen, Schrott und Schirmen

Die Finanzkrise rückt Wirtschaftsthemen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - und mit ihnen Vokabeln, von denen viele Menschen noch nie gehört haben. Die SZ hat die wichtigsten Begriffe der Krise gesammelt und erklärt, was wirklich dahinter steckt. Denn eines ist sicher: Diese Begriffe werden uns noch lange begleiten.

zur Krise von A bis Z

AAA. Es gibt Eltern, die geben ihren Neugeborenen Vornamen, die partout mit "A" beginnen sollen. Weil Menschen oft nach dem Alphabet aufgerufen werden, sind all die Annas und Alexanders dann vorn dabei. A ist also ein besonderer Buchstabe, und wer "A" sagt, muss auch "B" sagen. Übertragen auf die Finanzlage von Ländern heißt das: Wer die Bestnote bei der Bonität haben will - das ist logischerweise dreimal A -, der ist gezwungen, zu sparen.

Euro-Skulptur in Frankfurt

R wie Regenschirm oder R wie Rettungsschirm?

(Foto: dpa)

Leider fällt das vielen Staaten immer schwerer, sodass Ratingagenturen zur Strafe das begehrte "AAA", das sogenannte Triple-A, entziehen. Standard & Poor's ist so mit den USA umgegangen und reduzierte auf "AA". Auch Frankreich droht die Vertreibung aus dem A-Paradies. Aber was sollen erst die Leute in Island denken? Das Land wird, je nach Agentur, mit "BBB-" oder "Baa3" oder "BBB+" benotet. Oder die Griechen (-> Junkbonds)? Die Ratingwelt will schullehrerartig ordnen, was kompliziert ist. Für die Deutschen gilt, noch, schönstes Triple-A.

Blutbad. Das Wort taucht immer dann auf, wenn es sehr ernst wird. Als ein Fehlgeleiteter auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen tötete, war davon die Rede, in Libyen befürchtete man es beim Kampf zwischen Revolutionsführer Gaddafi und den Rebellen.

An der Börse fiel es am Freitag, 5. August, nach langer Zeit wieder. "Es war ein absolutes Blutbad", fasste Analyst John Richards von der Royal Bank of Scotland eine Woche zusammen, in der Aktien-Indizes auf der ganzen Welt mehr als zehn Prozent verloren hatten. In der Woche darauf sollte es noch schlimmer kommen. Auf seinem Tiefpunkt verlor der Deutsche Aktienindex 25 Prozent. Einen solchen Absturz in so wenigen Tagen hatte es zuletzt nach der Lehman-Pleite 2008 gegeben.

"Crash" und "Panik" sind andere Wörter, die in solchen Fällen zirkulieren, im Vergleich zum "Blutbad" klingen sie aber harmlos. Nur ein Händler an der New Yorker Börse schaffte es im August, das Wort zu toppen: Er sah sich auf dem "Vorhof zur Hölle".

Credit Default Swap (CDS). Der Anglizismus bedeutet: Kreditausfalltausch, es handelt sich um Versicherungen. Dabei sagt die eine Bank, sie springe ein, wenn die andere Bank nicht zahlen kann. Der CDS-Markt ist riesengroß und völlig unreguliert. Niemand weiß, wo die Risiken genau liegen. Im Einzelfall funktioniert das so: Anleger, die zum Beispiel eine griechische Staatsanleihe gekauft haben, können sich gegen den Zahlungsausfall Griechenlands versichern.

Der Preis der Police steigt mit dem Risiko des Kreditausfalls. Diese Versicherungen werden aber auch von Zockern gehandelt, die, um im Beispiel zu bleiben, überhaupt keine Griechenland-Anleihe besitzen. Diese windigen Spekulanten hoffen dann darauf, dass Griechenland tatsächlich in die Pleite geht, weil dann der Wert ihrer Versicherungspolice steigt. So machen sie einen Gewinn (-> Märkte). Das ist so, als ob der eine Nachbar darauf wettet, dass im Nachbarhaus Feuer ausbricht. Da besteht die Gefahr, dass er nachhilft.

Double Dip. Hiermit ist das zweifache Eintauchen in eine Rezession gemeint - ein völlig ungewöhnliches Ereignis. "Dip" und noch einmal "Dip". Normalerweise geht es nach einer Rezession aufwärts mit der Konjunktur. Die globale Finanzkrise aber hat diese Normalität außer Kraft gesetzt. Portugal, Griechenland und auch Dänemark verzeichneten zuletzt zwei Quartale in Folge, in denen die Wirtschaftsleistung schrumpfte - wie schon im Jahr 2008.

Ähnliches wird derzeit für die USA befürchtet. Ein Double Dip könnte durch höhere Staatsschulden verhindert werden, denn Staatsausgaben vergrößern das Einkommen, also den heimischen Konsum und die Investitionen. Mehrausgaben, so das Argument, steigerten das Wachstum (-> Konjunkturpaket). Japan machte auch deshalb eine zehnjährige Rezession durch, weil der Staat gespart hat. Die westlichen Länder sind aber mittlerweile klamm: Kredite gibt es nur zu höheren Zinsen - das wiederum kann die Konjunktur abwürgen.

Von E wie Euro-Bonds bis H wie Haircut

Euro-Bonds. Die Einführung von Europa-Anleihen, also von EuroBonds, ist politisch sehr umstritten. Es geht um viel Geld: Alle Euro-Staaten würden bei Vergabe der gemeinsamen Anleihe für ihre Kredite künftig denselben Zinssatz bezahlen, was dem einen mehr nutzt als dem anderen. Alle gemeinsam würden haften (-> Transferunion).

Die Zinsen für Deutschland würden im Falle der Euro-Bonds sehr wahrscheinlich steigen - derzeit liegen sie bei 2,5 Prozent -, denn die Bonität der gesamten Euro-Zone ist schlechter als die Bonität Deutschlands. Im Gegenzug sinken die Zinsen für die Peripheriestaaten, weil die starken Euro-Länder, darunter Deutschland, für die schwachen haften. Es besteht die Gefahr, dass sich Griechenland und andere angeschlagene Euro-Staaten (-> PIIGS) weiterverschulden. Deshalb ist ein Euro-Bond nur dann sinnvoll, wenn die schwachen Euro-Staaten einer strikten Haushaltskontrolle unterworfen werden. Sie müssten also Kompetenzen abgeben.

Fluchtwährung. Langweilig, mäßig verzinst, dafür sprichwörtlich solide - lange waren US-Staatsanleihen der sichere Hafen, in dem Notenbanken, Fonds und Privatanleger ihr Geld verwahrten. Doch seit die USA Milliarden freigiebig ausgeben, ohne dass die Konjunktur auf die Beine kommt und US-Anleihen nicht mehr die Bestnote (-> AAA) haben, wird es stürmisch im einst sicheren Hafen. Auch in den Euro legen Anleger seit Aufflackern der Schuldenkrise nicht mehr viel Vertrauen.

Wer Wert auf Sicherheit legt, zieht weiter. Aber so einfach ist das nicht. "Nowhere to hide", sagen Profis, wenn Fluchtmöglichkeiten fehlen. Einige setzen auf Exoten wie Neuseeland. Doch wie in jeder Krise trifft es die üblichen Verdächtigen: Gold und Schweizer Franken. In diesen Häfen wird es langsam eng: Der Goldpreis steigt und steigt, und auch der Franken hat seit Krisenbeginn an Wert gewonnen, um 50 Prozent. Weil das die Wirtschaft belastet, senkt die Schweizer Notenbank die Zinsen - langweilig, aber sicher.

Gläubiger. Der Begriff des Gläubigers geht auf das lateinische Wort credere zurück, und das heißt: glauben. Geglaubt wird in der Wirtschaft auch, und zwar dass einer nicht säumig bleibt. Der Gläubiger, der jemandem Geld geliehen hat, vertraut demnach darauf, dass der Schuldner seinen Kredit wie vereinbart zurückzahlt, samt Zinsen.

Das spiegelt sich auch in der Redewendung wider, dass Geldverleihen auf "Treu und Glauben" beruhe. Die riesigen Schuldenberge der europäischen Staaten und der USA hätten nicht wachsen können, wenn es keine Gläubiger gäbe. Denn ein Staat, der sich verschuldet, leiht sich Geld bei seinen Bürgern, bei Banken und Unternehmen. Jedem Euro an Verbindlichkeiten steht also ein Euro an Forderungen der Gläubiger gegenüber. Anders gesagt: Die Schulden der Staaten sind das Vermögen der Bürger und Banken. Daraus folgt leider, dass automatisch Vermögen der Gläubiger vernichtet ist, wenn ein Staat seine Schulden nicht oder nur in Teilen zurückzahlt (-> Überschuldung).

Haircut. Von Zeit zu Zeit nervt die Matte auf dem Kopf. Dann müssen auch Männer, für die Schönheitsarbeiten in eigener Sache Zeitverschwendung sind, zum Coiffeur. Vielleicht haben männliche Experten des Finanzwesens, die einen Namen für Unangenehmes in ihrem Umfeld suchten, an die nutzlose Zeit im Friseursalon gedacht, als sie die Formel vom "Haircut" benutzten. Hier werden nicht Haare geschnitten, sondern Schulden künstlich reduziert.

Gläubiger einigen sich dann darauf, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten. Der Schuldner muss weniger zurückzahlen. Für das chronisch klamme Griechenland ließ sich der EU-Gipfel im Juli jenes Frisurmodell einfallen, bei dem private Banken und Versicherungen beim Umtausch alter in neue Hellas-Staatsanleihen auf 21 Prozent ihrer Ansprüche verzichten. Das war so wenig, dass bald garantiert ein neuer Haircut fällig wird. Schließlich halten die fünf Wirtschaftsweisen im Fall der griechischen Wucherungen einen Schnitt von 50 Prozent für nötig.

Von I wie IWF bis L Liquidität

IWF. Früher spielte der Internationale Währungsfonds (IWF) in der öffentlichen Debatte allenfalls eine untergeordnete Rolle; inzwischen aber ist er durch die Euro-Zonen-Krise für alle erkennbar zum wichtigen Player geworden. Dahinter verbirgt sich eine internationale Organisation, deren Aufgabe es ist, Welthandel und Zusammenarbeit der 188 Mitgliedsländer in Währungsfragen zu fördern. Gerät ein Land in Zahlungsprobleme, gewährt der IWF befristete Kredite, die an strenge Bedingungen geknüpft sind: Verschuldete Mitglieder müssen etwa ihre Staatsausgaben kappen, um Darlehen zu bekommen.

Nach Gründung des IWF auf der Finanzkonferenz der UN in Bretton Woods im Jahr 1944 half er vor allem Entwicklungsländern - bis die Euro-Krise ausbrach. Seitdem vergab der Fonds etwa an Griechenland Milliardenkredite und half später bei Fertigung von Rettungsschirmen für andere angeschlagene EU-Staaten. Für den Franzosen Dominique Strauss-Kahn folgte im Juli an der Spitze des IWF die Französin Christine Lagarde.

Junkbonds. Wer einem anderen Geld leiht und sicher ist, es wiederzubekommen, der kann keine hohen Zinsen verlangen - "no risk, no fun." Ist es aber fraglich, dass der Kreditnehmer morgen noch existiert, gibt's hohe Zinsen. In den achtziger Jahren merkten immer mehr marode Unternehmen und wacklige Staaten, dass auch sie auf diesem Weg an frisches Geld gelangen können. "Junkbonds" wurden diese Papiere getauft. Investor Michael Milken machte ein Vermögen mit den Schrottanleihen, man nannte ihn den "Junkbond-König".

Gefährlich wird es, wenn Schrott nicht als Schrott zu erkennen ist. Die aktuelle Krise kam ins Rolle, weil Ratingagenturen Anleihen gut bewerteten, die mit wertlosen Hypotheken gedeckt waren. Schlecht für die Käufer der Anleihen, viele gingen Pleite. Schlecht für die Emittenten ist es, wenn ihre einst soliden Anleihen zu Schrott erklärt werden. So erging es jüngst Portugal, Irland und Griechenland (-> PIIGS). Für Kredite müssen sie nun hohe Zinsen zahlen.

Konjunkturpakete. Hierbei geht es immer um viel Geld vom Staat. Der verschuldet sich, um in der Krise Aufträge zu vergeben und die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Die Konjunkturbelebung durch Staatsverschuldung nennt man auch "Deficit Spending" (Defizitfinanzierung). In der Hochkonjunktur sollen die Schulden dann wieder abgebaut werden. So das Ideal. Doch das gelingt nicht immer.

Einige Länder sind so hoch verschuldet, dass sie das Defizit nie werden abbauen können (-> Überschuldung). Konjunkturprogramme sollen Firmen dazu bringen, zu investieren und Arbeitsplätze zu sichern. Weil Massenentlassungen die Krise verschlimmern. Denn wer arbeitslos ist, konsumiert nicht und den Firmen fehlt der Umsatz. Um den Konsum anzukurbeln, werden oft Steuern und Sozialbeiträge gesenkt. Damit bleibt den Arbeitnehmern mehr Geld zum Einkaufen übrig. Viel Geld machen die Staaten in Krisenzeiten oft für die Infrastruktur locker. Dann werden Straßen gebaut oder Schulen saniert.

Liquidität. Liquidus ist lateinisch und heißt "flüssig". Wenn eine Bank nicht mehr flüssig ist, dann verdurstet sie. Sie kann ihre täglichen Verpflichtungen nicht mehr einhalten, also zum Beispiel Geld auszahlen. Die schlimmste Form von Illiquidität ist ein Banken-Run: Wenn plötzlich alle Kunden aus Verunsicherung ihr Geld abheben wollen. Das drohte nach der Lehman-Pleite auch in Deutschland, deshalb garantierte die Bundesregierung für das Ersparte der Bürger.

Die Finanzkrise war im Kern eine Liquiditätskrise. Banken vertrauten sich nicht mehr und liehen sich gegenseitig kein Geld. Auch in der jüngsten Schuldenkrise kam die Liquidität wieder ins Gerede: Banken legten ihr Geld lieber zu niedrigen Zinsen bei der Europäischen Zentralbank an, als es sich gegenseitig zu leihen. Die Zahlen erreichten schon fast wieder Höhen wie in der Nach-Lehman-Zeit. Zur großen Krise kommt es dadurch aber nicht mehr: Die Notenbanken stellen Geldhäusern inzwischen unbegrenzt Liquidität zur Verfügung.

Von M wie Märkte bis P wie PIIGS

Märkte. Ursprünglich ein Wort, das positive Gefühle weckte, zum Beispiel in Verbindung mit "Wochen-" oder "Gemüse-". Hat in letzter Zeit an Sympathien eingebüßt, vor allem, wenn ihm ein "Finanz-" vorangestellt ist. Für viele Politiker sind sie das Böse schlechthin. "Die Märkte" sorgen dafür, dass Aktien ins Bodenlose fallen (-> Blutbad) und Zinsen für Anleihen verschuldeter Staaten extrem steigen, woraufhin diese von der Politik gerettet werden müssen.

"Die Märkte treiben die Politik vor sich her", ist ein Satz, der in diesem Zusammenhang oft fällt. Marktgläubige halten dem entgegen, dass die eigentliche Ursache der Krise die hohe Staatsverschuldung sei, für die ja wohl die Politiker verantwortlich seien; "die Märkte" hielten nur den Spiegel vor. Außerdem seien "die Märkte" die Gesamtheit aller Anleger, also auch Lebensversicherte oder Privatanleger. Das Grundproblem ist, dass die Märkte gelegentlich von aggressiven Spekulanten dominiert werden, die ihre eigenen Methoden haben (-> Short selling).

Notenbank. Die Notenbank druckt in der Krise notfalls Banknoten. Auf jeden Fall spielt sie die Feuerwehr. Erst löscht sie mit konventionellen Mitteln, sie senkt Leitzinsen, um Banken, Unternehmen und den Staat zu entlasten. Wenn das nicht reicht, kann sie die Finanzmärkte mit so viel Geld fluten, wie die Banken verlangen. Flüssig muss die Wirtschaft sein, um zu funktionieren. Die Notenbank kann zudem Anleihen vom Markt nehmen, um für Stabilität zu sorgen.

Während die Amerikaner und Briten in großem Umfang diese versteckte Form der Staatsfinanzierung praktizieren, tun sich die Europäer damit schwer. Deutsche Stabilitätspolitiker warnen vor massiver Monetarisierung der Staatsschulden. Die Geldflut wird der Inflation den Weg bereiten, fürchten viele Experten. Schlimmer noch, sie gilt als Auslöser von künftigen Krisen, weil der Überfluss an Kapital stets nach Anlage strebt - und so Vermögen übermäßig verteuert, was zu "Blasen" führt.

Öffentliche Haushalte. Helfen reicht nicht in der Krise. Die Schuldnerländer dürfen nicht nur Geld und Garantien entgegennehmen. Sie müssen auch sparen. Das ist offenbar nicht so einfach. In Griechenland drohen sofort Generalstreiks oder mindestens große Demonstrationen in Athen, wenn es um Kürzungen der Öffentlichen Haushalte und damit an die Versorgung von Staatsbediensteten geht. Der öffentliche Dienst ist stramm organisiert, wehrhaft und zahlreich.

Fast ein Viertel der arbeitenden griechischen Bevölkerung ist beim Staat beschäftigt, es ist ein mehr als doppelt so hoher Anteil wie in Deutschland. Nicht nur in Griechenland engagieren sich die Mitarbeiter des Staates in den politischen Parteien. Auch hierzulande tun sie es: Bei CDU, SPD und FDP sind jeweils um die 20 Prozent der Mitglieder Beamte, bei den Grünen beträgt der Anteil sogar 37 Prozent. Aus den Parteimitgliedern rekrutieren sich die Volksvertreter für die Parlamente. Sparen bei den Staatsdienern ist da politisch gar nicht so einfach.

PIIGS. Wie zerrissen Europa durch die Euro-Krise ist, zeigt sich an der Sprache: Als PIIGS werden seit 2010 die Krisenländer im Euro-Raum bezeichnet: Gemeint sind Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien. Die fünf Staaten finden sich mit ihrem Anfangsbuchstaben in der Abkürzung wieder. Ganz bewusst erinnert PIIGS an den englischen Begriff für Schwein ("Pig") - es schwingt eine Abwertung mit. Nach dem Motto: Hier handelt es sich um Europas "Schweine". Um diejenigen, die ihre Budgets nicht beherrschen. Deren Staatsverschuldung so hoch ist, dass ein Bankrott droht, der allen Staaten in der Währungsunion schadet.

Tatsächlich lasten auf den PIIGS-Staaten wachsende Schulden. In Portugal, Irland und Griechenland kletterten die Zinsen auf Rekordstände, selbst nachdem die EU und der IWF große Rettungspakete beschlossen hatten. Der Ökonom Hans-Werner Sinn ist einer der schärfsten Kritiker, meidet aber das Wort PIIGS und verwendet lieber GIPS, ein anderes Akronym für die gleiche Sache.

Von R wie Rettungsschirm bis Ü wie Überschuldung

Rettungsschirm. Plötzlich waren sie überall, in den Zeitungen, in den Abendnachrichten, auf den Wahlplakaten: Regenschirme. Dabei regnete es gar nicht so stark, jedenfalls auch nicht mehr als sonst. Die Regenschirme wurden zum Symbol der Krise. Sie sollten das versinnbildlichen, was man bis dahin kaum kannte: Politiker spannten sogenannte Rettungsschirme auf, erst über wankende Banken, später über taumelnde Staaten. Sie wollten sie schützen - mit viel Geld. Inzwischen ist es sehr viel Geld geworden, die Rettungsschirme werden immer größer. Und sie tragen vorzugsweise Namen, mit denen sich kaum einer auskennt.

Da gibt es die Buchstabenkombinationen EFSF (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität), EFSM (Europäischer Finanzstabilisierungsmechanismus) und ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus). Immerhin: Im März 2011 beschloss die Europäische Union, nach Auslaufen von EFSF und EFSM einen dauerhaften Rettungsschirm zu schaffen: ESM. Denn so viel steht fest: Es regnet viel.

Short Selling. Diese Praxis an den Börsen soll Schuld sein an spektakulären Kursabstürzen (-> Blutbad). "Short" - das klingt schon gefährlich. Der Begriff beschreibt die Chance, auch bei fallenden Kursen Geld zu verdienen. Und das geht so: Spekulanten leihen sich gegen eine Gebühr Wertpapiere und verkaufen sie an der Börse weiter. Sie wetten darauf, dass der Kurs dieser Papiere einbricht. Geht das Kalkül auf, kaufen die Zocker später die gleichen Aktien zum günstigeren Preis und geben sie dem Entleiher zurück. Die Differenz aus Verkaufs- und Kaufkurs bleibt ihnen als Gewinn, abzüglich der Leihgebühr.

Aus Angst, dass diese Leerverkäufe - vor allem in Verbindung mit üblen Gerüchten - in eine gefährliche Abwärtsspirale münden, wurden sie während der Finanzkrise teils verboten. Als besonders schlimm gilt das "naked short selling" (ungedeckte Leerverkäufe). Dabei besitzt der Spekulant nicht mal die Papiere, mit denen er dealt. Leerverkäufe eignen sich aber zur Absicherung bestehender Positionen.

Transferunion. Eine Transferunion bedeutet - je nach Sichtweise - entweder die Rettung der Europäischen Währungsunion oder aber ihren Untergang. Meist hat der Begriff einen negativen Beigeschmack. Er beschreibt den Eindruck, dass die Bundesrepublik und andere Kernländer der Euro-Zone für die großen Schuldensünder Griechenland, Portugal oder Irland zahlen müssen.

In seiner weitesten Definition schließt die Transferunion die Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank, die Kredite des Rettungsfonds EFSF, bilaterale Finanzhilfen aber auch Euro-Bonds mit ein. Ziel dieser Maßnahmen ist es, den Krisenstaaten einen Weg raus aus den Schulden zu ermöglichen und eine Ansteckung anderer Mitglieder zu verhindern. Die Sorge der Kritiker: Am Ende haften Helfer dann ungebremst für die Schulden fremder Staaten, ohne dass sie Einfluss nehmen könnten auf deren Fiskal- und Wirtschaftspolitik. Eine solche Hilfe ("bail-out") untersagt der Maastricht-Vertrag.

Überschuldung. Die Regierungen der USA und Europas haben seit den 1970er Jahren ihre Schulden erhöht, dann mussten sie in der Krise auch noch ihre Banken retten. Natürlich sind Schulden ein notwendiger Teil des Wirtschaftslebens. Aber die Länder wurden zu sorglos, nahmen immer höhere Kredite auf. Die Gläubiger verliehen immer leichtfertiger ihr Geld und verzichteten auf Sicherheiten, weil es in den Jahren zuvor immer gutging.

Das ist vorbei. Aus Verschuldung ist Überschuldung geworden - eine Rückzahlung vieler Kredite ist nicht mehr möglich. Ob Staaten überschuldet sind, messen die Stabilitätskriterien der Maastrichter Verträge: Die Gesamtverschuldung darf 60 Prozent des BIP nicht übersteigen. Wird diese Marke geknackt, spricht man von Überschuldung. Der Schuldenberg in Deutschland beträgt mehr als zwei Billionen Euro, also über 80 Prozent des BIP. Die "Schuldenbremse" führt nun jedoch dazu, dass der Zwang zur Haushaltskonsolidierung in Deutschland erheblich zunimmt.

Von V wie Volatilität bis Z wie Zins

Volatilität. Wenn es an der Börse heftig auf und ab geht, wenn Charts wie Zickzack-Kurse aussehen, ist die Volatilität hoch. Die Vola, wie Finanzexperten sagen, bezeichnet das Schwankungsmaß von Kursen. Seit Ausbruch der Finanzkrise kommt es zu immer stärkeren Ausschlägen - zehn Prozent an einem Tag sind kein Einzelfall. Dabei ist es noch nicht lange her, da gehörte die Volatilität der Vergangenheit an. Zwischen Ende 2003 und Ende 2006 gab es nur zwei Tage, an denen der Kurs des S&P-500-Index um mehr als zwei Prozent schwankte.

Spätestens seit der Lehman-Pleite im September 2008 erleben wir ein massives Rauf und Runter. Aber warum? Verhaltensökonomen fanden heraus, dass Investoren in der Krise risikofreudiger sind als in normalen Zeiten. Sie verhalten sich wie Glücksspieler: Wer Geld verloren hat, riskiert viel mehr, um den verlorenen Einsatz wieder zurückzubekommen. So lange die Unsicherheit so groß ist, werden die Kurse schwanken. Zickzack.

Währungspolitik. In Europa haben die 17-Euro Länder diese Kompetenz an die Europäische Zentralbank (EZB) übertragen. Ihre Aufgabe ist es, die Währung und besonders den Wechselkurs stabil zu halten. Mit dem Zusammenbruch von Bretton-Woods 1973 war die Zeit fester Wechselkurse vorbei. Das Hauptziel der EZB ist eine niedrige Inflation - am besten knapp unter zwei Prozent. Um dieses Ziel zu erreichen, greift die EZB in den Markt ein, fragt Währungen nach oder verkauft sie, erhöht oder senkt die Zinsen, kauft Staatsanleihen.

In einer schlechten wirtschaftlichen Lage kann die EZB Zinsen senken und den Banken mehr Geld geben, erleichtert damit die Kreditvergabe und ermuntert zu Investitionen. In guten Zeiten besteht hingegen die Gefahr, dass es zu einer stärkeren Inflation kommt. Dann vergibt sie weniger Geld und erhöht die Zinsen. In der Krise kaufte die EZB innerhalb weniger Tage für viele Milliarden Euro Staatsanleihen. Viele kritisieren: Die EZB hat damit ihre Unabhängigkeit verloren.

Yen. Der Yen wird die nächste Krisenwährung sein, oder die übernächste. Derzeit ist er ein Krisengewinnler. Für die exportabhängige Wirtschaft Japans ist das freilich eine Krise. Der starke Yen macht ihre Waren zu teuer. Eigentlich hat der Yen keinen Grund zur Stärke. Japan ist hoch verschuldet, der Staat gibt mehr Geld aus, als er aufnimmt. Dagegen scheint Griechenland gesund.

Doch 95 Prozent der Staatsschulden werden von Japanern gehalten, sie spekulieren nicht gegen den Yen. Jedenfalls nicht, bis sie irgendwann Jahren alle ihre Ersparnisse dem Staat geliehen haben werden. Der Yen ist nur stark, weil Dollar und Euro schwach sind. Man flüchtet in den Yen (-> Fluchtwährung). Der Yen machte schon einmal alles schlimmer. Da er seit Jahren zum Minimalzins zu haben war, liehen sich viele Spekulanten Yen und pumpten das Geld in abstruse Anlage-Instrumente. Bis die Blase platzte und sie Yen zurückkaufen mussten, um ihre Schulden zu zahlen.

Zins. Der Preis des Geldes heißt Zins. Anleger werden mit Zinsen belohnt, Kreditnehmer mit Zinsen belastet. Die Höhe des Lohns oder der Strafe gibt die Notenbank vor. Sie setzt die Leitzinsen fest, zu denen sich die Banken kurzfristig refinanzieren können. Mit zeitlicher Verzögerung geben die Banken Zinsänderungen an die Kunden weiter. In der Krise wurden die Zinsen in weiten Teilen der Welt, vor allem durch die amerikanische Notenbank, quasi abgeschafft.

Das kann auf die Dauer Probleme bereiten, wie die Entwicklung in Japan zeigt. Dort gibt es schon seit langem kaum Zinsen (-> Yen). Deshalb wandert immer mehr Geld unter die Kopfkissen. Das Vertrauen in die eigene Währung schwindet. Außerdem fördern niedrige Zinsen die Bereitschaft, sich zu verschulden. Wohin das führt, demonstrieren gerade eindrucksvoll die Schwierigkeiten im Euro-Raum und in den Vereinigten Staaten. Der Zins sollte die Risiken widerspiegeln, die in einer Geldanlage oder im Kredit stecken.

© SZ vom 03.09.2011/luk
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