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Weltwirtschaft:Das Coronavirus zwingt globalisierte Unternehmen zur Verantwortung

Coronavirus - Vorbereitungen in Essen

Vorbereitungen wegen des Coronavirus in einem Krankenhaus in Essen.

(Foto: dpa)

Nicht nur Waren, sondern auch Viren nutzen die weltweiten Handels- und Reiserouten. Genau diese Vernetzung aber ist auch ein Teil der Lösung zur Bekämpfung der aktuellen Gesundheitskrise.

Webasto aus Stockdorf war bis vor wenigen Tagen nur einer von vielen deutschen Automobilzulieferern. Ein Hersteller von Autodächern am Rande Münchens, seit mehr als 100 Jahren in Familienbesitz. Bis zu jenem Moment, als das Coronavirus nach Oberbayern kam. Seither ist die Firma, die elf Fabriken in China hat - die größte übrigens in Wuhan, also jener Stadt, in der das Virus seinen Anfang nahm - zum Symbol für die Kehrseite der Globalisierung geworden.

In einer Welt, in der Handel und globale Arbeitsteilung selbst abgelegene Orte immer enger zusammenrücken lassen, werden nicht nur Cabriodächer, Autobatterien und Mitarbeiter zwischen den Kontinenten hin und her geschoben. Auch lebensbedrohliche Viren finden so ihren Weg von Wuhan über Shanghai nach Stockdorf, nach Frankreich, in die USA, nach Indien und Brasilien. Wer schon immer der Meinung war, dass die Welt unwirtlicher wird, wenn Märkte und Regionen enger zusammenwachsen, dürfte sich bestätigt fühlen: Wenn jetzt auch tödliche Viren die Handelsrouten der Globalisierung nutzen, dann wird es gefährlich.

Dabei ist die Globalisierung nicht das Problem. Sie ist Teil der Lösung. Dass Unternehmen heute oft auf allen Kontinenten vertreten sind, dass sie ihre Lieferketten flexibel von Region zu Region umlegen können, hilft ihnen in einer Situation wie dieser, da die Zahl der Neuinfektionen in China steigt und das Land abgeschottet wird. Langfristig zurückdrehen lässt sich die Globalisierung ohnehin kaum - auch nicht wegen einer global grassierenden Lungenkrankheit.

Globalisierung bedeutet auch, globale Verantwortung zu übernehmen

Die Ereignisse in Stockdorf erinnern an einen dieser dystopischen Filme über Pandemien und weltumspannende Seuchen, deshalb bieten sie sich als Projektionsfläche an: Eine Chinesin fährt zu einem Lehrgang bei ihrem deutschen Arbeitgeber in die bayerische Provinz. Als sie nach ein paar Tagen wieder zurück nach Shanghai fliegt, bleiben infizierte Kollegen zurück. Wenig später ist die Webasto-Zentrale geschlossen, Lufthansa und British Airways haben ihre Flüge nach China gestrichen, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet mit negativen Folgen für den Standort Deutschland und der Vorsitzende der US-Notenbank warnt vor Problemen für die amerikanische Wirtschaft.

Ausgerechnet den Machthabern in Peking, die mit ihrem Megaprojekt einer "Neuen Seidenstraße" zurzeit ihre ganz eigene Globalisierung unter chinesischen Vorzeichen vorantreiben und überall in der Welt ihren Einfluss ausbauen wollen, ist über Nacht die Kontrolle entglitten. Vollbremsung auf der Seidenstraße: Ein Virus, aufgeschnappt wahrscheinlich auf einem lokalen Tiermarkt in Wuhan, wird innerhalb weniger Tage zur Bedrohung für China und die gesamte Weltwirtschaft. In Krisenzeiten wie diesen können Regierungen und Konzernlenker zeigen, dass ihnen Globalisierung mehr bedeutet als freier Warenverkehr, die Schaffung neuer Absatzmärkte und das Ausnutzen von Kostenvorteilen in anderen Ländern. Jahrelang haben große Firmen in China hervorragend verdient. Allein bei den deutschen Autoherstellern Audi, Daimler und BMW stand der Milliardenmarkt zuletzt für ein Drittel ihrer Gewinne. Globalisierung, das bedeutet auch: Wer lange von einem Land profitiert hat, darf sich jetzt nicht einfach daraus zurückziehen. Globalisierung, das bedeutet auch: globale Verantwortung zu übernehmen.

© SZ vom 31.01.2020
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