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Corona-Pandemie:Stark in der Krise

Coronavirus - Training

Work-out zu Hause? Die Leute bestellen gerade deutlich mehr Hanteln.

(Foto: dpa)

Deutschland droht eine Rezession, viele bangen um ihre Jobs. Doch es gibt auch Profiteure der Krise: Hanteln, Kochboxen, Lieferdienste und das gute alte Festnetz sind jetzt besonders gefragt.

Von Caspar Busse

Kurzarbeit, Firmenpleiten, geschlossene Geschäfte, Restaurants und Bars, stillgelegte Fabriken: Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft in Deutschland extrem hart. Die Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen mit einer Rezession, Jobs stehen auf dem Spiel. Und doch gibt es Profiteure und einige Bereiche, für die es gerade besser läuft. Eine kleine Auswahl.

Jogginghosen und Hanteln

Beim Hamburger Online- und Versandhändler Otto sind derzeit "bequeme Textilien" gefragt, also Jogginghosen, Sweatshirts oder Hoodies. Beliebt seien auch Hanteln, sie würden jetzt sechsmal so oft bestellt wie zuvor. Angesichts der geschlossenen Friseurläden würden auch sehr viele Bart- und Haarschneider geordert. Normalerweise gefragte Waren wie die Frühjahrs-, Sommer- und Bademode lägen unter Plan, teilte Otto mit. Dagegen gebe es bei Elektronik-Artikeln, Computern, Haushaltsgeräten, Spielekonsolen, Wohn- und Einrichtungsgegenständen "ungewohnte Nachfragespitzen". Jeder dritte Verbraucher hat seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland ein Elektronikprodukt gekauft und dafür im Durchschnitt 340 Euro ausgegeben, hat eine Umfrage der Shopping-Seite Mydealz.de ergeben. Gesucht seien auch elektronisches Spielzeug, Filme, Gesellschafts- oder Videospiele. Oft bestellt werden zudem Kopfhörer, Smartphones, Notebooks, Fernseher, Tablets.

Telekommunikation

"Wir haben derzeit eine deutlich höhere Nutzung", heißt es bei der Deutschen Telekom. Viele Menschen arbeiten im Home-Office, machen dort Video-Chats, transferieren Daten, telefonieren, streamen Filme im Netz oder nutzen die sozialen Netzwerke. Das bringt natürlich deutlich mehr Verkehr auf die Netze. Allein im Telekom-Festnetz ist die Zahl der Anrufe um etwa 50 Prozent gestiegen, die Mobilfunknutzung geht dagegen leicht zurück, weil viele zu Hause sind und dort Wlan nutzen. Ob die Telekom und andere Anbieter insgesamt auch mehr Umsatz und Gewinne machen, ist unklar, da die meisten Kunden inzwischen Flatrates nutzen, also einen Festpreis für unbegrenzte Nutzung zahlen. Telekom-Chef Tim Höttges glaubt aber, dass es nach dem Ende der Pandemie einen Digitalisierungsschub geben könnte. Viele würden nun die neuen Möglichkeiten erleben. "Auch ich selbst: Ich werde meine Reisetätigkeit nach der Krise deutlich verringern. Ich bin viel produktiver, als wenn ich die ganze Zeit unterwegs bin", so Höttges.

Immobilien

Die Corona-Krise könnte den zuletzt sehr starken Anstieg von Immobilienpreisen und Mieten, vor allem in Ballungsgebieten, abbremsen. Damit könnte der Druck besonders auf dem Wohnungsmarkt möglicherweise etwas nachlassen, was gut für Mieter wäre. "Angesichts der Schärfe der zu erwartenden Rezession gehen wir davon aus, dass der Aufschwung am deutschen Immobilienmarkt beendet ist", heißt es in einer Untersuchung der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Viele Interessenten dürften angesichts der großen Unsicherheit zumindest kurzfristig den geplanten Immobilienkauf oder den Umzug in eine neue Wohnung verschieben. "Vor allem in den teuren Lagen der Großstädte könnten daher die Wohnimmobilienpreise etwas nachgeben", heißt es. Rückläufige Mieten und Immobilienwerte in einzelnen Marktsegmenten seien also möglich. Der Wohnungskonzern Vonovia hat bereits angekündigt, während der Corona-Krise die Mieten nicht zu erhöhen.

Fernsehen

Nachrichtensendungen haben gerade hohe Einschaltquoten, bis zu zwölf Millionen Menschen schauen etwa im Ersten die Tagesschau, aber auch Shows, Krimis und Filme sind gefragt. In einer Umfrage der Beratungsfirma Deloitte gaben 21 Prozent an, das TV-Gerät laufe jetzt täglich über zwei Stunden länger als vor der Pandemie. Weitere 23 Prozent schauen bis zu zwei Stunden mehr am Tag. Darunter sind auch viele Jüngere, die eigentlich Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime bevorzugen. Die RTL-Gruppe meldete gerade mit 30 Millionen Zuschauern für alle Sender ein Rekordhoch. "In der Corona-Krise wenden sich Menschen den Medienmarken zu, denen sie vertrauen", sagt Tanit Koch, die Chefin des Nachrichtensenders n-tv. Auch Streamingdienste werden beliebter, jeder zweite konsumiere "deutlich mehr Inhalte" als vor der Krise, so die Studie. An Mediatheken gibt es auch reges Interesse.

Bücher

Viele Buchhandlungen mussten zwar schließen, Bücher sind aber trotzdem gefragt - passend zur Pandemie besonders der Titel "Die Pest" von Albert Camus. Das Buch ist nicht überall sofort zu haben, der Verlag druckt nach. "Aufgrund der aktuellen Marktsituation und der sehr hohen Nachfrage kommt es im Handel zu Lieferverzögerungen", teilte eine Sprecherin von Rowohlt mit. Der Roman aus dem Jahr 1947 schildert den Verlauf einer Pestseuche in der Stadt Oran an der algerischen Küste: Bald herrscht Ausnahmezustand und die Stadt wird abgeriegelt. Besonders gefragt ist laut Rowohlt auch "Im Grunde gut - Eine neue Geschichte der Menschheit" des Niederländers Rutger Bregman.

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Klopapier und Seife

Gut läuft es für die Anbieter von Desinfektionsmitteln, Toilettenpapier und Seife. Die Nachfrage nach Seife sei in der vergangenen Woche mehr als viermal so hoch gewesen wie im Durchschnitt der vorangegangenen sechs Monate, die Nachfrage nach Toilettenpapier mehr als dreimal so hoch wie normal, berichtete das Statistische Bundesamt, das sich auf die Auswertung digital verfügbarer Kassendaten stützt. Demnach schnellten die Absatzzahlen ausgewählter Lebensmittel und Hygieneartikel bereits in der letzten Februar-Woche erstmals in die Höhe. Ende Februar hätten sich die Verkaufszahlen für Mehl, Seife und Nudeln plötzlich mehr als verdoppelt. Die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln stieg in der ersten März-Woche kurzzeitig auf mehr als das Achtfache des üblichen Niveaus. Danach brach der Absatz allerdings wieder ein und lag zuletzt nur noch bei der Hälfte des Üblichen. "Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Produkt vorübergehend praktisch ausverkauft war", betonten die Statistiker. Auch in der vergangenen Woche lag die Nachfrage nach Nudeln, Mehl, Zucker, Reis und passierten Tomaten nach Angaben des Statistischen Bundesamts noch mehr als doppelt so hoch wie normal. Gefragt ist auch Tiefkühlkost.

Lieferdienste und Pakete

So viele Pakete wie sonst nur in der Vorweihnachtszeit liefert derzeit die Deutsche Post DHL aus. Gut läuft es auch bei den Konkurrenten DPD und Hermes. Andere Lieferdienste sind gleichzeitig für viele Restaurants, die nun keine Gäste mehr empfangen dürfen, die große Chance. Das Geschäft der Essenskuriere zieht an, und zwar weltweit. In den vergangenen drei Wochen seien 50 000 Restaurants und 1500 andere Händler neu dazugekommen, sagt Niklas Östberg, Chef und Gründer des Berliner Lieferdienstes Delivery Hero, der weltweit aktiv ist. Östberg rechnet nicht mit einer schnellen Aufhebung der Beschränkungen, er erweitert gerade seine Plattform für weitere Restaurants, außerdem will er sich stärker für Lebensmittelgeschäfte und Apotheken öffnen, deren Produkte nun auch von Delivery-Hero-Fahrern ausgeliefert würden.

Kochboxen

Einen ungeahnten Aufschwung nimmt die noch relativ kleine Berliner Firma Hellofresh. Sie bietet sogenannte Kochboxen mit portionierten Zutaten und einem Rezept an, mit denen eine Mahlzeit zubereitet werden kann und die man im Abonnement bestellt. Das Wachstum habe sich erheblich beschleunigt, teilte Hellofresh vor Kurzem mit. Der Umsatz werde im ersten Halbjahr um bis zu drei Viertel auf 685 bis 710 Millionen Euro steigen. Die Firma, die 2011 gegründet wurde und auch in vielen anderen Ländern aktiv ist, ist seit 2017 an der Börse. Die Aktie ging zuletzt deutlich nach oben. Inzwischen ist Hellofresh fast genauso viel wert wie Europas größte Fluggesellschaft, die Lufthansa.

Bahn und Auto

Freuen können sich Auto- und Bahnfahrer. Die Spritpreise sind derzeit so niedrig wie schon lange nicht mehr. Zum einen ist die Nachfrage gesunken, zum anderen gibt es Verwerfungen auf den internationalen Ölmärkten. Und die Züge der Deutschen Bahn sind in diesen Tagen nicht nur deutlich leerer, sondern auch pünktlicher. 82,4 Prozent der Verbindungen kamen im März rechtzeitig an, 4,1 Prozentpunkte mehr als im März des Vorjahres.

Videokonferenzen

Enorm beliebt sind wegen der Ausgangs- und Kontaktsperren Videokonferenzen. Der US-Anbieter Zoom etwa hat die Zahl seiner täglichen Nutzer im März auf 200 Millionen gesteigert. Vor dem Ausbruch des Coronavirus hätten täglich maximal zehn Millionen Menschen den Dienst genutzt, teilte Zoom-Gründer Eric Yuan mit - der jetzt aber Sicherheitsprobleme beseitigen muss. Auch andere Anbieter sind sehr gefragt, der Videochatdienst "Houseparty" rangiert gerade besonders hoch in den App-Stores. Gute Geschäfte macht auch Teamviewer: Die deutsche Firma bietet Lösungen fürs Heimarbeiten, die Fernsteuerung von Industrierobotern und für Fernwartung an.

© SZ vom 09.04.2020/bbr
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