Corona-Krise:Pandemie zwingt Eltern, nach Feierabend zu arbeiten

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Im Meeting sein und zugleich das Kind betreuen - manchmal klappt das, manchmal nicht.

(Foto: Xavier Lorenzo/Imago)

Um 2.20 Uhr noch E-Mails schicken? Die Arbeitszeiten von Müttern und Vätern haben sich in der Pandemie enorm verschoben, zeigt eine neue Studie.

Von Alexander Hagelüken

Timm Bönke mailte in den vergangenen Monaten öfter mitten in der Nacht. Mal bekam man von dem Berliner Professor für Volkswirtschaftslehre eine Nachricht um 0.30 Uhr, mal um 2.20 Uhr. Der Vater nennt es Schichtsystem: tags die Kinder betreuen, weil die Kita nur Notbetrieb hat. Abends und nachts der Beruf. Das klingt nicht nur aufreibend, es ist es auch - und war doch so oder so ähnlich für viele Eltern in den vergangenen eineinhalb Jahren Realität.

Die Corona-Pandemie zwang Eltern, ihr Arbeiten zu verändern. Kitas schlossen monatelang, Schulen ebenfalls. Oder sie boten kaum Unterricht an - sodass Eltern neben den jüngeren Kindern saßen, damit diese von der Lehrerin kopierte Seiten mit Aufgaben auch wirklich angingen. Was das für den Beruf bedeutet, dafür ist der Berliner Ökonom Bönke ein Beispiel. Jeder dritte Vater verlagerte nach Beginn der Pandemie im April 2020 seine bezahlte Arbeit zumindest teilweise in den Abend oder das Wochenende. Bei Müttern mit Kindern unter 14 Jahren war es sogar jede zweite. Das zeigt nun eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

"Vor allem Mütter arbeiteten häufiger am Wochenende oder abends, unter anderem um ihre Kinder bei Schul- und Kitaschließungen oder während des Distanzunterrichts betreuen zu können", erklärt IAB-Forscherin Corinna Frodermann. Ihre Befragung zeigt auch, dass die Corona-Mehrfachbelastung nicht bald vorbei war. Im Oktober 2020 verschob immer noch jede vierte Mutter und jeder fünfte Vater mit jüngerem Nachwuchs seine Arbeitszeit.

Das alles betrifft viele Menschen in Deutschland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gibt es 3,2 Millionen Familien mit Kindern unter elf Jahren, in denen Mutter und Vater berufstätig sind. Arbeiten gehen auch 600 000 Alleinerziehende mit Kindern in diesem Alter. Davon ist fast jede zweite in Vollzeit tätig.

In manchen Berufen kann man die Arbeitszeit gar nicht aufs Wochenende verschieben

Forscher berichten, dass dies nur einen Teil der Herausforderungen der Pandemie zeigt. Frühere Studien der Hans-Böckler-Stiftung legen nahe, dass gerade Mütter oft ihre Arbeitszeit für die Firma reduzierten, um die Kinder zu betreuen - und entsprechend weniger verdienten. Während sich Büroarbeit eher abends oder am Wochenende nachholen lässt, gilt das für Berufe im Krankenhaus, Geschäft oder Handwerksbetrieb häufig nicht.

Zudem stellten die Eltern nicht nur geschlossene Kitas und Schulen vor Probleme. Auch Spielplätze, Zoos oder andere Freizeitstätten waren dicht. "Zu den Herausforderungen des Alltags kommen Sorgen der Eltern um Bildung, Gesundheit und Zukunft ihrer Kinder und in nicht wenigen Familien auch um die wirtschaftliche Situation", sagt C. Katharina Spieß, Abteilungsleiterin Bildung und Familie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Spieß fordert von der Politik mehr Anstrengungen. Das beschlossene Aufholprogramm von zwei Milliarden Euro, um Familien zu entlasten und Lernrückstände zu kompensieren, sei nur ein Anfang. "Das wird nicht ausreichen, um insbesondere jene Familien zu unterstützen, die von der Pandemie besonders betroffen waren und es noch immer sind."

Viele wünschen sich nach der Pandemie flexiblere Arbeitszeiten als bisher

Was die Verlagerung der Arbeitszeiten angeht, sehen dies Berufstätige nicht nur negativ. Klar strengt es an, hintereinander Kinder und Beruf zu erledigen. Ganz generell schätzen es Eltern und andere Berufstätige jedoch, ihre Arbeitszeiten auch mal zu flexibilisieren. So liefert die Untersuchung von IAB-Forscherin Frodermann Hinweise darauf, dass die Arbeitszeiten in der Pandemie nicht nur wegen der Kinder verlagert wurden. Auch das Arbeiten zu Hause spielt dabei eine Rolle. In der Pandemie verschoben auch Beschäftigte ihre Arbeit, die keine Kinder haben.

Nach verschiedenen Untersuchungen wünschen sich viele Beschäftigte nach der Pandemie flexiblere Arbeitszeiten als bisher. Sie hoffen, dass die Unternehmen darauf häufiger eingehen als bisher - weil sich herausgestellt hat, dass Arbeitnehmer im Home-Office genauso produktiv oder noch produktiver sind als in der Firma.

Eine solche Flexibilisierung wirft genau wie das Arbeiten zu Hause auch Fragen auf. Etwa, ob Beschäftigte sich dabei selbst ausbeuten, zusätzliche Kosten für Geräte und Möbel haben oder der Arbeitsschutz abnimmt. Die Gewerkschaften fordern daher, diese Fragen betrieblich oder gesetzlich zu regeln, damit Arbeitnehmer in der schönen neuen Flexibilisierungswelt nicht benachteiligt werden.

© SZ
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