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Supermärkte:Los, los, kontaktlos

Coronavirus - Schutzmaßnahmen im Einzelhandel

Penny-Filiale in Hamburg: Das Virus könnte bewirken, dass im bargeldaffinen Deutschland mehr Menschen per Karte bezahlen.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

In Corona-Zeiten werden Kunden in Supermärkten und Einzelhandel oft gebeten, mit Karte zu zahlen - angeblich aus hygienischen Gründen. Manche halten das für einen Vorwand.

In Schwerte bei Dortmund hat eine neue Zeit begonnen. Bei der Bäckerei Becker können Kunden jetzt schon kleinste Beträge mit der Karte bezahlen. "Den Mindestbetrag von fünf Euro haben wir wegen Corona ausgesetzt", sagt Verkäuferin Sarah Ruhnke. Seitdem das Virus in Deutschland endgültig angekommen ist und viele Menschen unsicher sind, ob sie noch bar zahlen sollten, habe sich der Umsatz der Kartenzahlungen "gefühlt verzehnfacht", sagt Ruhnke.

Nicht nur in der Bäckerei im Ruhrgebiet lässt sich diese Entwicklung beobachten. In so mancher Bäckereifiliale steht neuerdings ein Kartenterminal auf der Verkaufstheke, in Supermärkten oder Drogerien wird die Kundschaft darauf hingewiesen, wegen des Coronavirus doch möglichst bargeldlos zu bezahlen.

In den vergangenen Tagen sei mehr als die Hälfte aller Girocard-Zahlungen "kontaktlos" durchgeführt worden, sagt eine Sprecherin der Deutschen Kreditwirtschaft. Im Dezember habe dieser Anteil noch bei 35 Prozent gelegen. Bei diesem kontaktlosen Bezahlen müssen die Käufer ihre Plastikkarten nicht in ein Lesegerät stecken und an dem Terminal eine PIN eingeben, sondern brauchen die Karte nur an das Terminal zu halten. Eine PIN-Eingabe ist erst ab einem Betrag von 25 Euro notwendig. Wer ein Smartphone oder eine Smartwatch hat, muss den Bezahlterminal nicht einmal berühren.

Die Fans bargeldloser Bezahlmethoden frohlocken. Ausgerechnet ein Virus könnte bewirken, dass im bargeldaffinen Deutschland bald deutlich mehr Menschen ihre Rechnung per Karte begleichen - und dass in der Folge noch mehr Geschäfte die Kartenzahlung ermöglichen.

Fragt man bei Aldi Süd nach, warum das Unternehmen seine Kunden in diesen Tagen darum bittet, möglichst bargeldlos zu bezahlen, heißt es, dass darin "hygienisch ein Vorteil" für Mitarbeiter und Kunden bestehe. Besonders empfehle es sich in der aktuellen Situation, kontaktlos zu bezahlen. "Die kontaktlose Kartenzahlung hat sich enorm gesteigert", teilt Aldi Süd mit.

Ob bargeldloses Bezahlen die Kassierer und Kunden tatsächlich vor einer Infektion schützt, ist ungewiss. Zwar zeigt eine US-Studie, dass das Virus bis zu vier Stunden auf Kupfer und bis zu 24 Stunden auf Pappe nachweisbar ist. Doch erstens sind Münzen nur zum Teil aus Kupfer und Geldscheine nicht aus Pappe. Und zweitens gab der Virologe René Gottschalk auf einer Pressekonferenz der Bundesbank öffentlich Entwarnung: Von Bargeld gehe keine große Infektionsgefahr aus. Andere Experten äußerten sich ähnlich. "Das auf dem Geldstück klebende Virus würde ich mal weitgehend vergessen", sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité in seinem NDR-Podcast.

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Es sind Aussagen dieser Art, die die Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten derzeit eifrig auf ihrem Twitter-Account teilt. In dem Verband sammeln sich die unabhängigen Geldautomatenbetreiber, die zu keiner Bank gehören und an deren Geräten eine Abhebung meist mehrere Euro kostet. Würde Corona die Abkehr vom Bargeld befördern, wäre das nicht gerade im Interesse der Lobbyorganisation.

Sie hält einen anderen Grund für vorstellbar, weshalb der Handel die Kundschaft dazu auffordert, die Münzen und Scheine stecken zu lassen - einen Grund, den er "unter dem Deckmantel von Covid-19" verschweige. Weil viele Menschen gerade im großen Stil Lebensmittel einkaufen, befinde sich in den Kassen der Lebensmittelmärkte mehr Bargeld. Dadurch, so heißt es bei der AG Geldautomaten, stiegen beispielsweise die Kosten für die Geld- und Werttransporte. Folgt man der Argumentation, könnte der Handel diese Kosten senken, wenn mehr Menschen mit der Karte zahlen - wobei dabei wiederum andere Kosten anfallen.

Die vernünftigste Lösung ist, einfach die Kassiererin zu fragen

Aldi Süd weist das zurück. "Den Vorwurf der Kostenersparnis bei einer Vermeidung von Barzahlungen können wir nicht bestätigen", teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. "Die Kosten für die Gebühren für die Abwicklung von Kartenzahlungen sind im Vergleich zu denen für Geldtransporte sogar signifikant höher."

Nach Ansicht des Handelsverbands Deutschland (HDE) liegt der Grund für das bargeldlose Zahlen eher in dem Versuch, den Abstand zwischen Kassierer und Kunde zu wahren. "Dies wird sich möglicherweise aber mit der zunehmenden Ausstattung mit Plexiglas-Scheiben an den Kassen wieder relativieren", sagt ein HDE-Sprecher.

Vielleicht ist es momentan die vernünftigste Lösung, einfach die Kassierer zu fragen, welche Bezahlmethode ihnen am liebsten ist. Denn fest steht, dass sie es sind, die den ganzen Tag über mit deutlich mehr Geldscheinen und Münzen in Berührung kommen als die Kunden. Wer einkaufen war, sollte sich zu Hause in jedem Fall die Hände waschen. Ganz unabhängig davon, ob man mit Bargeld bezahlt, den PIN-Code eingegeben oder ganz und gar kontaktlos bezahlt hat.

© SZ vom 27.03.2020/vd
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