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Chronik eines Abstiegs:Wie die Commerzbank in die Krise schlitterte

Commerzbank Bankenkrise

Im Visier der Ermittler: die Commerzbank in Frankfurt.

(Foto: Lisi Niesner/Reuters)

Die Commerzbank muss 5200 Arbeitsplätze abbauen. Dabei haben im ersten Sparprogramm ab 2008 bereits 9000 Mitarbeiter ihren Job verloren. Dass sich die zweitgrößte Bank Deutschlands von einer Sparrunde zur nächsten hangelt, ist nicht nur außerordentlichem Pech geschuldet - es gab auch dramatische Fehlentscheidungen.

Von Stolz ist nichts mehr zu spüren. Die Zeiten, in denen Mitarbeiter der Commerzbank mit steifem Rücken das Eingangsfoyer des höchsten Turms in Frankfurt betreten haben, sind passé. In diesen Tagen stecken ein paar Mitarbeiter die Köpfe an der Kaffeetheke zusammen, die Gespräche bleiben gedämpft. Kein Wunder: 5200 von 54.000 Mitarbeitern verlieren bis Ende 2016 ihren Job, das ist das Ergebnis der monatelangen zähen Verhandlungen zwischen dem Management und den Arbeitnehmervertretern.

Schon wieder, möchte man sagen. Denn eigentlich läuft noch bis Jahresende ein anderes Stellenabbauprogramm: 9000 Mitarbeiter haben in der ersten Sparrunde ab 2008 schon den Job verloren.

Manche Beobachter haben inzwischen die Geduld mit der Bank verloren: "Wenn eine Bank innerhalb von fünf Jahren von einem Restrukturierungsprogramm ins nächste stolpert, stimmt etwas nicht. Da wird stümperhaft gearbeitet", sagt etwa Dieter Hein, der die Bank als Analyst seit vielen Jahren begleitet.

Der Abstieg der Commerzbank

Der Abstieg der Commerzbank lässt sich an Zahlen sehr plastisch nachzeichnen: Seit Ende August wurden nach Analystenberechnungen 93 Prozent des Börsenwerts vernichtet. Die Bilanzsumme nach dem Zusammenschluss mit der Dresdner Bank betrug über eine Billion Euro - heute weist sie nur knapp 650 Milliarden Euro aus. Immerhin ist auch der Staatsanteil wieder kleiner geworden: In der Hochphase der Finanzkrise sprang der Staat mit über 18 Milliarden Euro ein, mehr als 16 Milliarden davon sind inzwischen wieder abgelöst.

Doch was steckt hinter diesen Zahlen? Wie konnte es so weit kommen? Ist alles nur auf die Finanzkrise und eine große Portion Pech zurückzuführen? Oder sind Vorstandschef Martin Blessing und Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller auch hausgemachte Fehler unterlaufen? Für Analyst Hein ist die Sache klar: "Wenn man unterstellt, dass sich Blessing und Müller zum Ziel gesetzt haben, die Bank möglichst schnell kaputt zu machen, dann macht jeder einzelne Schritt ihrer Strategie Sinn." Die SZ hat die wichtigsten Entscheidungen der letzten Jahre aufgezeichnet. Wie man es auch dreht und wendet: Es ist die Chronik eines Abstiegs.

15. November 2005: Übernahme Eurohypo

Es sollte ein "Quantensprung" für die Commerzbank werden. So formulierte es der damalige Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller - gemeint war die vollständige Übernahme des Immobilien- und Staatsfinanzierers in Eschborn, an dem die Commerzbank schon zuvor ein Drittel der Anteile besaß. Eigentlich sollte die Eurohypo fit für die Börse gemacht werden, die anderen beiden Großbanken wollten die Bank, die nur niedrige Margen abwarf, möglichst schnell loswerden. Müller hingegen griff zu. Solange der Immobilienboom anhielt, ging seine Strategie auf.

Doch dann kam die Immobilienkrise - und auf sie folgend die europäische Staatsschuldenkrise. Damit waren beide Standbeine der Eurohypo schwer getroffen. In den Jahren von 2008 bis 2012 häufte die Eurohypo Verluste von 7,52 Milliarden Euro auf, rechnet Analyst Hein vor. Zusätzlich musste die Commerzbank über fünf Milliarden Euro an Kapital nachschießen. Auf Geheiß der EU-Kommission muss die Bank, die 2012 flugs in "Frankfurter Hypothekenbank" umbenannt wurde, abgewickelt werden.

6. März 2008: Das Abenteuer Bank Forum

Das Ukraine-Abenteuer klang vielversprechend. Die Commerzbank rechnete sich aus, mit dem Zukauf am Wachstum in Osteuropa teilhaben zu können. Doch 2010, als die Schuldenkrise schon im Anmarsch war, erhöhte sie den Anteil weiter. Das kam sie teuer zu stehen: Denn die Ukraine litt in der Krise stärker als viele Nachbarländer. Die Commerzbank versuchte die Bank wieder loszuschlagen, das gelang erst im Oktober 2012. Verluste von bis zu einer Milliarde Euro wurden kolportiert, die Bank hielt Stillschweigen über die Einzelheiten der Transaktion.

31. August 2008: Übernahme der Dresdner Bank

Eine folgenreiche Entscheidung fällt an diesem letzten Tag im August: Die Commerzbank kauft der Allianz die Dresdner Bank ab. Ganze 8,8 Milliarden Euro legt sie auf den Tisch - für ein Institut, das in den Jahren von 2002 bis 2008 satte 7,5 Milliarden Euro Verlust gemacht hat. Intern und extern gibt es warnende Stimmen: Warum sollten sich die Risiken, die offensichtlich in den Bankbüchern sind, von heute auf morgen in Luft auflösen?

Dann kommt auch noch die Pleite der Investmentbank Lehman dazwischen, die Bankenwelt gerät ins Wanken - doch die Commerzbank hält an ihren Plänen fest. Der Prozess wird sogar beschleunigt - wohl auch unter Druck der Politik, die verhindern will, dass die Allianz ins Wanken gerät. Da gibt man dann lieber der Commerzbank ein Polster mit auf den Weg: Es fließen Staatshilfen, und zwar nicht zu knapp. In mehreren Tranchen werden stille Einlagen und Eigenkapital gewährt, den ersten Zuschuss gibt es schon am 19. Dezember, also nur kurz nach Abschluss des Deals. Wie hoch die Verluste aus der Übernahme der Dresdner Bank sind, lässt sich aus den Geschäftsberichten nicht klar ablesen. Denn viele "faule" Vermögenswerte der Dresdner werden gemeinsam mit solchen der Eurohypo in eine Abbau-Einheit gesteckt. Analyst Hein hat zusammengerechnet, wie viel Minus diese Einheiten in den Jahren 2008 bis 2012 verursacht haben: Er kommt auf 16,5 Milliarden Euro vor Steuern.