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Ceta:Die EU hat Kanada vorgeführt

Ewig wurde das Land bei den Verhandlungen um Ceta hingehalten. Europa ist Kanada jetzt etwas schuldig. Zumindest eine kleine Geste.

Sie werden gefeiert wie die unbeugsamen Helden eines kleinen Dorfes in Gallien. Die Wallonen haben am Ende das Freihandelsabkommen mit Kanada nicht zu Fall gebracht, aber schon die Tatsache, dass sie eine Verschiebung des Ceta-Gipfels erzwungen haben, trägt ihnen Ruhm und Anerkennung der vereinten EU-Skeptiker und Globalisierungsgegner ein.

Alles sieht aus wie ein kleiner Sieg braver Zwerge über einen bösen Riesen. Nur ein paar Stunden zu spät kam die Einigung der belgischen Regierung mit den Regionen, um eine Absage des Gipfels zu verhindern. Genau das war wohl beabsichtigt. Eine Machtdemonstration.

Wo aber in diesem Bild steckt Kanada? Das Land hat gerade einmal 36 Millionen Einwohner, eine weltoffene Regierung und eine Wirtschaft, die auf mehr Handel mit dem großen Europa hofft. Im kommenden Jahr werden kanadische Soldaten nach Lettland geschickt, um eine Truppe zu führen, die dem EU-Land ein stärkeres Gefühl der Sicherheit gegenüber Russland gibt. Bis zur Selbstverleugnung haben die Kanadier immer neue Nachverhandlungswünsche der Europäer bei Ceta erduldet. Sie haben hingenommen, am Mittwoch nicht zu wissen, ob sie am Donnerstag zur Unterschrift nach Brüssel anreisen dürfen. Ist es wirklich eine Heldentat, das kleine Kanada so vorzuführen?

In ihrer Selbstbeschäftigung ist den Europäern jedes Gefühl für ihre Größe, Macht und die Folgen ihres Tuns abhandengekommen. Kanada hat diese Art der Behandlung nicht verdient. Wenn die Europäer nun endlich fertig sind, sollten sie zur Unterzeichnung von Ceta nach Ottawa reisen. Diese Geste wäre das Mindeste.

© SZ.de/jps
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