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Technikmesse CES:Dann lieber Blasen an den Füßen

Technik-Messe CES - Google

In echt ist es dann doch schöner: Besucher der Technikmesse CES 2020, die noch analog stattfinden konnte.

(Foto: Ross D. Franklin/dpa/AP)

Die virtuelle Version der Technikmesse CES zeigt die Grenzen der Branche - und wen sie in ihrer Rechnung vergessen hat.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

So nach drei, vier Stunden des zweiten Tages, da wird einem der fundamentale Fehler dieser Veranstaltung bewusst: Es gibt ja immer allerhand zu bestaunen auf der Technikmesse CES, die heuer nicht in Las Vegas, sondern wegen der Coronavirus-Pandemie komplett virtuell stattfindet, und zunächst ist es die reine Wonne: Man nähert sich nicht schon kurz vor dem Mittagessen der Marathondistanz, man ist nicht andauernd auf der Suche nach Räumen, Toiletten und Wasser (Stationen finden ohnehin nur erfahrene Wünschelrutengänger), man sitzt bequem daheim und wechselt per Mausklick zwischen virtuellen Räumen. Es gibt Gespräche per Videotelefonie, Daten zum Herunterladen, Visitenkarten werden automatisch gespeichert. Alles wunderbar, man fragt sich sogar: Hätte man das nicht schon längst so machen können?

Die Technikbranche verspricht seit Jahren, das Leben einfacher, effizienter und angenehmer zu machen, die CES ist ihre heilige Messe dafür. Die Pandemie hat gezeigt, dass man durchaus auch von daheim aus arbeiten, mit Freunden per App ein Feierabend-Bierchen trinken und sich so ziemlich alles nach Hause liefern lassen kann. Läuft also, oder? Es gibt nun auf der CES kein Chaos, kein Gehetze und auch keine Danach-Grippe, weil man fünf Tage lang verschwitzt durch Labyrinth-hafte Gänge gehetzt ist und dann mit anderen Verschwitzten in bis zum Gefrierpunkt gekühlten Konferenzsälen hockte; und doch ist irgendwas falsch, und es manifestiert in der Frage: Wie fühlt sich das an?

Es gibt zum Beispiel eine Firma, die verspricht Lösung für ein postmodernes Dilemma: Wie findet der Brillenträger ohne Brille seine Brille? Sie zeigen einem das Gerät per Video, beantworten alle Fragen und schicken detaillierte Infos, und doch bleibt eines offen: Wie fühlt sich das denn an, wenn dieses Ding mit dem Namen Findy am Brillengestell angebracht ist? Die gleiche Frage stellt sich bei einem Gerät, das per Smartphone und Kopfhörer die Teilnahme an einem Gespräch in lauten Räumen ermöglichen soll. Oder bei einer Atemschutzmaske, die auch als Telefon dient. Oder bei einem Gadget, das die exakte Dosierung von Tabak und Marihuana verspricht.

Auf einer virtuellen Messe gibt es nichts anzufassen, auszuprobieren, zu entdecken

Man darf alles hören und sehen auf dieser virtuellen CES, aber man darf nichts anfassen, nichts ausprobieren, nichts entdecken. Doch es liegt in der Natur des Menschen, dass er genau das tun will. Vor ein paar Jahren, da stand ein ulkiger Typ in der Ecke und spielte an einem Flipperautomaten - man hätte ihn nie entdeckt, hätte man Räume per Mausklick gewechselt und wäre nicht mit einem Bier in der Hand (es war bereits 22 Uhr) durch die Gänge flaniert. Es stellte sich heraus, dass es der bekannte Flipper-Hersteller Gary Stern war; schnell ein Interview vereinbart und eine spannende Geschichte mit nach Hause gebracht. So läuft das manchmal auf einer Messe.

Oder, ein Jahr davor, da lud der Chef eines milliardenschweren Unternehmens zum Abendessen - es kam nur kein anderer. Das passiert, man verpasst dauernd Termine oder verspätet sich, man darf das nicht persönlich nehmen. In diesem Fall bestellte der Chef eine teure Flasche Wein, und dann noch eine. Und bevor er einem viel mehr erzählte, als man sich zu fragen getraut hätte, da sagte er: "Ich bestrafe niemanden, der nicht gekommen ist - aber ich belohne den, der da ist." Der gleiche Chef quält sich nun durch 15-Minuten-Interviews per Videotelefonie, wahrscheinlich trinkt er danach ein Glas Wein allein vor dem Bildschirm.

Das führt zur zweiten Erkenntnis: Ja, man hört und sieht sehr viel auf der virtuellen Konferenz; viel mehr, als man vor Ort erfahren würde - man spart sich ja die Zeit auf den Gängen. Man sieht und hört aber auch nur, was man sehen und hören soll. Das war schon beim Tennisturnier US Open so, als die Veranstalter alles perfekt organisiert hatten. Nur: Hatte Serena Williams nicht viel zu viele Begleiter dabei? Vor Ort hätte man nach Antworten geforscht, virtuell blieben Anfragen unbeantwortet. Ist halt ein Sport-Event, dachte man sich, die Technikbranche wird da andere Lösungen anbieten. Tat sie aber nicht. Es ist alles so, wie man es erwarten konnte.

Drei Viertel der Informationen, die man auf einer Messe wie der CES bekommt, erhält man durch zufällige Begegnungen

Das alles ist erstmal nicht der Fehler der Organisatoren: Es gibt wie immer Keynotes, die Frauenquote liegt erfreulicherweise bei 50 Prozent, doch sind die Vorträge virtuell noch ein bisschen öder, weil Bill Gates eben nicht an der Gitarre schrammelt oder es kein Virtual-Reality-Erlebnis gibt.

Das ist doch eigentlich die heilige Messe, auf der die Technikbranche zeigen will, wie der Mensch in Zukunft leben soll, mit tollen Gadgets - auch heuer: Das Armaturenbrett Hyperscreen von Mercedes, das aufrollbare Telefon Rollable von LG oder das Fitnesssystem Smart Trainer von Samsung. Die Messe selbst jedoch zeigt, was jeder, der während dieser Pandemie auf Technik angewiesen war, zu hassen gelernt hat: Nein, das Leben ist nicht einfacher, effizienter und angenehmer geworden dadurch.

Drei Viertel der Informationen, die man auf einer Messe wie der CES bekommt, erhält man durch zufällige Begegnungen oder, ja, sehr häufig auch: an der Bar nach Dienstschluss. Knapp ein Jahr nach Beginn der Pandemie zeigt die Branche, dass sie bei aller Perfektion des virtuellen Angebots keine Lösung dafür gefunden hat, dass der Mensch den Großteil seines Lebens damit verbringt, Fehler zu machen. Dass sich nicht alle seine Handlungen von Algorithmen prognostizieren lassen, dass er gerne selbst entdeckt und seine spannendsten Momente erlebt, wenn er nicht effizient sein muss. Das Problem von Technik bleibt der Mensch, dieses unvernünftige Wesen.

Es war also okay dieses Jahr, liebe CES, aber im nächsten Jahr dann wieder Blasen an den Füßen, völlige Verwirrung und gerne auch die Erkältung danach. Irgendwie ist die Erkenntnis dann ja auch schön: Technik kann und muss nicht jedes Problem lösen.

© SZ
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