Börsen:Steigender Ölpreis wäre eine Gefahr

Gelegentlich geben Experten zu bedenken, dass Aktien nach einem elfjährigen Börsenboom inzwischen zu teuer sind, schließlich könne es nicht ewig nach oben gehen. Es gibt jedoch ein Gegenargument: Wegen der in dem Zeitraum relativ guten Weltkonjunktur sind auch die Unternehmensgewinne stark gestiegen. Die entscheidende Bewertungsgröße an der Börse ist das Verhältnis zwischen Gewinn und Aktienkurs. Und dieses Verhältnis ist nicht übermäßig hoch. "Wir sehen deshalb die hohen Kurse gerechtfertigt, allemal in Europa", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. In den USA seien Aktien zwar etwas teurer, aber nicht unangemessen, wenn die Wirtschaftsdynamik anhalte und die Zinsen niedrig blieben.

Erstaunlich wirkt auch der Umstand, dass die Börse trotz des Konflikts zwischen den USA und Iran steigt. Nach der Tötung des iranischen Generals Soleimani durch die USA herrschte große Unsicherheit. Allerdings waren die Weltbörsen nur kurz verunsichert, die Kurse gingen um ein, zwei, drei Prozent zurück - moderater als früher in ähnlich kritischen Situationen. In den Tagen danach hat sich die Lage schnell entspannt, weil sowohl die USA als auch Iran verhalten reagierten. "Die größte Bedrohung wäre ein starker Anstieg des Rohölpreises, wenn es zu einem militärischen Konflikt zwischen den USA und Iran käme", sagt Ökonom Kater. Dies könnte einen Schock für die Weltwirtschaft bedeuten, die Unternehmensgewinne und damit auch die Aktienkurse einbrechen lassen. Doch derzeit sehe es nicht nach einer Eskalation aus, die schlimmsten Szenarien erschienen unwahrscheinlich. Deshalb hätten die Börsen positiv reagiert und neue Rekordstände erreicht.

Weltweit wird ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent erwartet

Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), beobachtet schon seit längerer Zeit, dass die Börsen auf politische Unsicherheit im Nahen Osten nicht mehr so sensibel reagieren wie früher. "Ein wichtiger Grund dafür ist, dass viel Unsicherheit durch die extreme Politik des billigen Geldes der Notenbanken ausgeglichen wird", sagt sie. Hinzu komme, dass die westlichen Industriestaaten nicht mehr so abhängig vom Öl aus der Golf-Region sind. Die USA sind durch Fracking vom Netto-Importeur zum Netto-Exporteur von Öl geworden, Europa hat seine Energieversorgung ebenfalls auf eine breitere Basis gestellt.

Auch um die globale Konjunktur scheint es nicht mehr ganz so schlecht zu stehen. Im vergangenen Jahr gab es große Sorgen, dass die Wirtschaft weltweit einbricht. Deutschland ist im zweiten und dritten Quartal nur knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Auch weil die Notenbanken mit noch mehr billigem Geld dagegenhielten, sieht es inzwischen besser aus. In Deutschland deuten Frühindikatoren wie der Ifo-Index und der ZEW-Konjunkturindex seit Dezember wieder nach oben. "Der Absturz scheint abgewehrt, offenbar muss man keinen freien Fall der Wirtschaft mehr befürchten", sagt Chefvolkswirt Kater. Weltweit werde in diesem Jahr ein Wachstum von etwa drei Prozent erwartet. Das sei zwar nicht mehr ganz so viel wie in den vergangenen Jahren, aber immer noch genug, um Aktien steigen zu lassen.

Chefvolkswirtin Traud sieht einen weiteren positiven Faktor: Nachdem sich der Handelskonflikt zwischen den USA und China im Laufe des Jahres 2019 verschärft hat, stehen die Zeichen inzwischen eher auf Entspannung. Die gegenseitigen Strafzölle lagen zuletzt im Durchschnitt bei mehr als 20 Prozent. Nun sieht es so aus, als ob es einen Deal geben könnte und die Zölle sich bei unter 20 Prozent einpendeln. Auch deshalb sieht Traud derzeit "ein gutes Momentum für Aktien". Mitte des Jahres könnte der Dax, derzeit bei rund 13 500 Punkten, durchaus die Marke von 14 000 Punkten überschreiten.

Doch auch wenn es derzeit an den Börsen ganz gut aussieht, bestehen weiterhin nicht unbeträchtliche Risiken. "Wenn der Nahost-Konflikt doch noch eskaliert und der Ölpreis stark steigt, ist natürlich Schluss mit lustig", sagt Traud. Die andere Gefahr sind Enttäuschungen durch die Konjunktur: Sollten sich die jüngsten Frühindikatoren nicht bestätigen und die weltweite Wirtschaft einbrechen, zum Beispiel auch wegen einer Verschärfung des Handelskonflikts, dann wird es auch für die Unternehmensgewinne problematisch - und dann sind Aktien irgendwann wirklich zu teuer. "Die Geldpolitik kann nicht auf Dauer alle Probleme zudecken, es geht nicht ohne eine Erholung der Konjunktur", sagt Traud.

© SZ vom 11.01.2020/vd
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