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Luftfahrt:Krise um 737 Max beschert Boeing fast vier Milliarden Dollar Verlust

Bau der 737 Max im Boeing-Werk Renton im Bundesstaat Washington. Nach zwei Abstürzen dürfen Maschinen dieses Typs vorerst nicht mehr fliegen.

(Foto: JASON REDMOND/AFP)
  • Die Boeing-Zivilsparte hat in den ersten neun Monaten des Jahres fast vier Milliarden Dollar Verlust gemacht.
  • Grund dafür ist vor allem die Max-Krise: Seit sieben Monaten gilt nun schon ein weltweites Flugverbot für die 737.
  • Der Chef der Sparte, Kevin McAllister, wurde bereits gefeuert - doch der Job von Konzernchef Dennis Muilenburg ist alles andere als sicher.

Seit Monaten versucht Boeing, die größte Krise der Unternehmensgeschichte zu bewältigen. Immer neue Enthüllungen rund um die zwei Abstürze der beiden Boeing 737 Max belasten den Flugzeughersteller, immer wieder muss er eingestehen, dass sich die Rückkehr seines wichtigsten Flugzeuges verzögert. Seit sieben Monaten gilt ein weltweites Flugverbot, ein Vorgang ohne Beispiel in der Geschichte der zivilen Luftfahrt.

Nun meldet die Konzernsparte einen Milliardenverlust für die ersten neun Monate.

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Bis Dienstagabend aber war kein einziger Manager für das Desaster, durch das 346 Menschen ums Leben gekommen sind, zur Verantwortung gezogen und entlassen worden. Doch vergangene Woche wurde ein Nachrichtenaustausch zwischen zwei Boeing-Piloten bekannt, in dem diese Software-Probleme in einem Max-Flugsimulator diskutieren. Eine Investmentbank nach der anderen korrigierte die Prognose für den Boeing-Aktienkurs nach unten, der in zwei Tagen mehr als zehn Prozent nachgegeben hatte. Und dann wurde Kevin McAllister, der Chef der wichtigen Zivilflugzeugsparte, gefeuert.

Der Vorgang ist ebenso erstaunlich wie der Stillstand in den Monaten zuvor. Denn immer mehr zeigt sich, dass sich die Kommunikation zwischen den beiden Boeing-Piloten von Ende 2016 auf ein spezifisches Problem mit diesem einen Simulator bezog und nicht auf ein generelles Problem mit der fehlkonstruierten Flug-Software Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS), das mutmaßlich die entscheidende Rolle bei den Abstürzen von Lion Air und Ethiopian Airlines gespielt hat. Der Schluss, dass Boeing schon damals über die Fehler Bescheid wusste und sie vertuschte, ist auf der Grundlage der Konversation also nicht zulässig. Damit taugte der kaputte Simulator also kaum als Anlass für einen Rücktritt. Und warum eigentlich Kevin McAllister und nicht Konzernchef Dennis Muilenburg?

Boeing hat am Mittwochmorgen die Finanzzahlen für die ersten neun Monate bekannt gegeben. Die geben mehr als genug Anlass für Rücktritte: Die Zivilsparte hat einen operativen Verlust von 3,8 Milliarden Dollar gemacht, hauptsächlich wegen der Max-Krise - im Vorjahr war es noch ein Gewinn von mehr als fünf Milliarden Dollar. Der Umsatz ging um 39 Prozent auf 24,7 Milliarden Dollar zurück. Nur 301 Flugzeuge hat Boeing in der Zeit ausgeliefert, im vergangenen Jahr waren es 568. Schlechte Nachrichten gab es nicht nur bei der Max: Die Produktion des Langstreckenjets 787 wird von Ende 2020 an für zwei Jahre von 14 Maschinen pro Monat auf zwölf reduziert, der Markt gibt im Moment nicht mehr her. Die neue 777X wird nun offiziell erst 2021 ausgeliefert und damit ein Jahr später als vorgesehen - auch die Lufthansa ist von den Problemen betroffen. Aus der Krise führen soll die Sparte nun Stan Deal, der bisher für das Servicegeschäft verantwortlich war und seit 1986 für Boeing arbeitet.

Auch Muilenburg ist keinesfalls auf der sicheren Seite

McAllister ist dem Anschein nach aber auch das Bauernopfer, mit dem Muilenburg seinen Job retten will. Der Chef der Passagierflugzeugsparte, die mit einem Umsatz von rund 60 Milliarden Dollar für etwa zwei Drittel des Geschäftes verantwortlich ist, war erst vor drei Jahren von General Electric zu Boeing gestoßen und hatte als erster Manager von außen einen Vorstandsjob bekommen. Mit der Entwicklung der Max und ihrer Flugsteuerung hatte er nichts zu tun, er kam erst nach Seattle, als die neue 737-Version praktisch fertig war. Allerdings ist er im vergangenen halben Jahr mehr oder weniger aus der Öffentlichkeit verschwunden und arbeitet vor allem hinter den Kulissen daran, das Projekt wieder in die Spur zu bringen. Boeing-Insider rätseln über die Entscheidung, McAllister zu feuern. Er sei der einzige, dem es gelingen könne, das Vertrauen der Kunden wiederherzustellen, denn er habe gute Drähte und werde trotz allem hoch geschätzt, sagt einer. Muilenburg sei dazu außerstande - "weil er Dennis ist. Er wirkt wie ein Roboter".

Muilenburg selbst ist allerdings keinesfalls auf der sicheren Seite. Kommende Woche steht ihm eine Anhörung vor einem Ausschuss im US-Kongress bevor, die äußerst unangenehm werden dürfte. Es gibt die Theorie, dass er den Termin noch durchstehen und dann gehen muss. Seinen Posten als Chef des Verwaltungsrates hat er schon Anfang des Monates abgeben müssen. David Calhoun, auch Ex-GE-Manager, ist nun oberster Aufseher des Konzerns und könnte Muilenburg zumindest interimistisch als Vorstandschef ersetzen.

"Wenn der Verwaltungsrat bereit ist, Kevin vor den Bus zu werfen, hat er es geschafft, nichts aus dem Debakel gelernt zu haben", so ein Boeing-Kenner. Er findet, es gebe Anlass genug für einen Kulturwandel im von Muilenburg strengstens auf Marge getrimmten Konzern. Dieser sei aber nur mit einem neuen Chef zu schaffen.

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