bedeckt München 16°
vgwortpixel

Flugverkehr:Boeing bessert nach

FILE PHOTO: An aerial photo shows Boeing 737 MAX airplanes parked on the tarmac at the Boeing Factory in Renton

Am Boden: Maschinen des Typs Boeing 737 Max.

(Foto: Lindsey Wasson/Reuters)
  • Boeing stellt Details eines Software-Updates vor, das Unfälle wie beim Absturz einer Maschine der Fluggesellschaft Lion Air im Herbst vergangenen Jahres verhindern soll.
  • Die US-Luftfahrtbehörde FAA kündigt unterdessen Änderungen bei der Zulassung von neuen Flugzeugen an.

Boeing und die amerikanische Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) ziehen Konsequenzen aus zwei Unfällen mit Maschinen des Typs Boeing 737 Max . Der Flugzeughersteller stellte am Mittwoch Details eines Software-Updates vor, das ähnliche Unfälle verhindern soll. Die FAA kündigte Änderungen bei der Zulassung von neuen Flugzeugen an. FAA-Chef Dan Elwell schrieb in einem Statement, die Herangehensweise seiner Behörde werde sich "weiterentwickeln." Elwell sollte am Mittwoch vor einem Unterausschuss des US-Senates auftreten.

Mit den angekündigten, aber im Detail noch nicht bekannten Änderungen, zieht die FAA die Konsequenzen aus der Kritik an der Zulassung der Boeing 737 Max. Die Behörde hatte offenbar die Genehmigungsverfahren weitgehend an Boeing delegiert und dabei Fehler übersehen.

Boeing wollte das Flugzeug mit so wenig Aufwand wie möglich zulassen, obwohl der Hersteller mit dem Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS) eine neue Funktion in der Flugsteuerung einführte, die Fluggesellschaften und Piloten bis zuletzt weitgehend unbekannt war. Die 737 Max sei "entwickelt worden, so dass sie wie alle anderen 737 fliegt," so Mike Sinnett, Chef der Produktentwicklung bei Boeing Commercial Airplanes. Das Flugverhalten bei hohem Anstellwinkel unterscheide sich aber leicht.

Gestrandet in Orlando

Ein Flugzeug vom Typ Boeing 737 Max 8 wurde am Dienstag in den USA zu einer Sicherheitslandung gezwungen, Grund waren Triebwerksprobleme. Das Flugzeug befand sich auf einem Überführungsflug zu einem Lagerareal. Die Maschine der US-Fluggesellschaft Southwest Airlines habe kurz nach dem Start vom Flughafen Orlando im US-Staat Florida wegen der Schwierigkeiten umdrehen müssen und sei danach sicher wieder in Orlando gelandet, sagte ein Sprecher der US-Luftfahrtbehörde FAA. Die Fluggesellschaft erklärte auf Anfrage, es seien keine Passagiere an Bord gewesen, sondern nur Crew-Mitglieder. Ein Sprecher sagte weiter, das Flugzeug sei auf dem Weg zu einem Lagergelände in Victorville im US-Bundesstaat Kalifornien gewesen, wo ausrangierte oder reparaturbedürftige Flugzeuge untergebracht werden. Die betroffene Maschine werde nun in den Wartungsbereich am Flughafen Orlando verlegt und dort untersucht. Binnen weniger Monate waren zwei Flugzeuge vom Typ Boeing 737 Max 8 in Indonesien und Äthiopien abgestürzt. Zahlreiche Länder, darunter die USA haben deshalb Flugverbote für dieses Modell erlassen. Flüge ohne Passagiere bleiben aber erlaubt, um diese Flugzeuge zum Beispiel zur temporären Lagerung an einen anderen Ort zu transportieren. SZ

Seit der vorvergangenen Woche gilt ein weltweites Flugverbot für die "Max"

MCAS steht im Verdacht, bei den zwei Abstürzen von 737-Max-Maschinen Ende Oktober 2018 und am 10. März 2019 eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Bei den Unfällen von Jets der Lion Air und Ethiopian Airlines waren 346 Menschen ums Leben gekommen. Seit der vorvergangenen Woche gilt ein weltweites Flugverbot für die Max, dem sich die FAA als letzte große Aufsichtsbehörde angeschlossen hatte.

Boeing hatte ebenfalls für den Mittwoch rund 200 Vertreter von Fluggesellschaften eingeladen, um ein Software-Update vorzustellen, mit dessen Entwicklung das Unternehmen nach dem Lion-Air-Absturz begonnen hatte. MCAS drückt die Nase des Flugzeuges nach unten, wenn ein Sensor einen zu hohen Anstellwinkel erkennt.

Luftfahrt Unangenehme Überraschung im Flugsimulator
Abgestürzte Boeing 737 Max 8

Unangenehme Überraschung im Flugsimulator

Bei Tests wird das Dilemma der Piloten der Unglücksmaschine von Lion Air deutlich: Eine Software griff deutlicher als von Experten erwartet in das Geschehen ein.   Von Hans von der Hagen

Das System bezieht seine Daten bislang nur von einem Sensor und ist im Falle des Lion-Air-Unglücks offenbar aufgrund falscher Daten angesprungen. Die Piloten versuchten mehr als zwölf Minuten, gegen MCAS anzukämpfen, wussten aber nicht, wie sie es hätten abschalten können.

Sinnett stellte MCAS als eine Weiterentwicklung einer Steuersoftware dar, die es auch schon beim Vorgängermodell Next Generation gegeben habe. Bei der Max habe sie aber größere Anstellwinkel eingeschlossen. Der Boeing-Manager betonte, dass die Piloten immer "die Kontrolle übernehmen können."

Das Update soll nun die Wirkung von MCAS beschränken, sodass die Piloten wirksam gegensteuern können, auch wenn sie die Software nicht ganz außer Funktion nehmen. Außerdem soll es die Daten künftig von mindestens zwei Sensoren beziehen. Wenn der angegebene Anstellwinkel sich um mehr als 5,5 Grad unterscheidet, schaltet sich MCAS für den Rest des Fluges ab. Ein Signal auf dem Bildschirm werde die Piloten warnen, wenn die Daten sich unterscheiden. Airlines würden ausführlich über die Änderungen informiert, für Piloten werde es neue Unterlagen für das Training geben.

Boeing hat Elwell zufolge bereits am 21. Januar, also sieben Wochen vor dem Ethiopian-Unfall, der FAA das Software-Update vorgestellt. Seither haben mehrere Flüge stattgefunden, auf denen die Wirkweise demonstriert wurde. Auch den Airlines wollte Boeing am Mittwoch mittels Simulator die neue Software zeigen. Allerdings zeichnet sich derzeit ab, dass es noch mehrere Monate dauern könnte, bis die Max wieder fliegen kann.

Die FAA steht unter Druck, dieses Mal keine Fehler zu begehen und sicherzustellen, dass MCAS dieses Mal den Sicherheitsanforderungen genügt. Der demokratische Kongressabgeordnete Peter DeFazio, der den Ausschuss für Verkehr- und Infrastruktur leitet, forderte bereits, die von Boeing vorgeschlagenen Änderungen müssten nicht nur von der FAA, sondern auch von einer unabhängigen Expertengruppe untersucht werden. Da auch international das Vertrauen in die FAA massiv gelitten hat, haben Aufsichtsbehörden wie die European Aviation Safety Agency und Transport Canada Civil Aviation (TCCA) angekündigt, die neue Version unabhängig von der FAA zu überprüfen. Auch Boeing rechnet offenbar mit einem langem Verfahren: Die neue MCAS-Version werde "genauer untersucht, als jede andere Funktion zuvor," glaubt Sinnett.

Luftfahrt Protokoll einer Katastrophe

Boeing 737 Max 8

Protokoll einer Katastrophe

Mensch gegen Bordcomputer: Wie die Piloten zweier fabrikneuer Boeing "737 Max 8" verzweifelt versuchten, den Absturz zu verhindern. Eine Rekonstruktion.   Von Jens Flottau, Claus Hulverscheidt und Nicolas Richter