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Altersvorsorge:Zu viele gehen leer aus

Jeder Arbeitnehmer kann einen Teil seines Gehalts für eine Betriebsrente zurückzulegen. Doch gerade Geringverdiener sorgen wenig über den Arbeitgeber vor, zeigt eine Studie.

Von Thomas Öchsner, München

Ob Fabrikarbeiter oder Metzgergeselle, Verkäuferin oder Krankenschwester - jeder Arbeitnehmer kann seit 2002 von seinem Arbeitgeber verlangen, dass ein Teil des Gehalts oder des Weihnachts- oder Urlaubsgelds in eine betriebliche Altersvorsorge (BAV) gesteckt wird. Das sollte zusammen mit der Riester-Rente helfen, das in Zukunft sinkende Rentenniveau auszugleichen. Doch so gut, wie es sich die Rentenreformer vor 20 Jahren ausgemalt hatten, läuft die Zusatzvorsorge nicht. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt nun: Gerade Geringverdiener, die vor allem von Altersarmut bedroht sind, sorgen besonders wenig über den Betrieb vor.

In Deutschland hat laut Alterssicherungsbericht der Bundesregierung immerhin gut jeder zweite sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Ansprüche auf eine betriebliche Altersvorsorge. Die Arbeitgeber schultern dabei aber immer seltener allein die Beiträge. 2001 lag der Anteil ausschließlich arbeitgeberfinanzierter BAV noch bei 54 Prozent. Heute trägt nicht einmal jeder vierte Arbeitgeber die Last allein - vielen Unternehmen ist das schlicht zu teuer und angesichts der historisch niedrigen Zinsen auch zu riskant geworden. Um so wichtiger sollte die sogenannte Entgeltumwandlung sein, bei der Lohn nicht ausgezahlt, sondern in BAV-Ansprüche umgewandelt wird. 2021 lassen sich so immerhin bis zu 3408 Euro sozialabgabenfrei und bis zu 6816 Euro steuerfrei mit einer Einzahlung in eine Pensionskasse, einen Pensionsfonds oder eine Direktversicherung umwidmen. Das Ergebnis der DIW-Untersuchung ist jedoch ernüchternd: 2014 nutzte nicht einmal jeder Fünfte (19 Prozent) in der Privatwirtschaft diese Form der Vorsorge, um sich für den Ruhestand eine Zusatzrente zu ersparen. Das ergab eine Stichprobe in fast 70 000 Betrieben. Aktuellere Zahlen hatte das DIW nicht zur Verfügung, viel dürfte sich daran aber nicht geändert haben.

Im Gastgewerbe liegt der Nutzungsanteil bei nicht einmal fünf Prozent

Im Durchschnitt wurden demnach 1328 Euro im Jahr umgewandelt. Männer profitieren davon aber häufiger als Frauen. Und im Westen und in Großbetrieben wird das Angebot häufiger genutzt als im Osten des Landes und in Kleinbetrieben, was auch damit zusammenhängt, dass Tarifverträge und Großbetriebe in Ostdeutschland weniger verbreitet sind. Besonders häufig wird in Banken und in der Versicherungswirtschaft Gehalt in betriebliche Altersvorsorge umgewandelt, hier sind 60 Prozent der Männer und 54 Prozent der Frauen dabei. In Branchen, in den tendenziell weniger bezahlt wird, ist die Entgeltumwandlung hingegen fast unbekannt. Im Gastgewerbe liegt der Nutzungsanteil bei nicht einmal fünf Prozent. Ähnlich düster sieht es bei den Mitarbeitern im Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialwesen (ohne den öffentlichen Dienst) aus.

Auffällig ist vor allem, "dass Geringverdiener und Geringverdienerinnen, gerade in kleineren Firmen, seltener über diese Form der Altersvorsorge verfügen", sagt Johannes Geyer, einer der Autoren der Studie. So liegt bei den untersten zehn Prozent in der Einkommensskala der Nutzungsanteil bei weniger als fünf Prozent.

DIW-Rentenexperte Geyer plädiert deshalb für Reformen. Zwar sind die Arbeitgeber bei Neuverträgen (bei Altverträgen von 2022 an) verpflichtet, ersparte Sozialversicherungsbeiträge pauschal (15 Prozent) an die Beschäftigten beziehungsweise die Träger der BAV weiterzureichen. Doch das reicht Geyer nicht aus. Für nützlich hält er zum Beispiel, das Thema Finanzen und Altersvorsorge in die Lehrpläne von (Berufs-)schulen zu integrieren. Um ein sinkendes Rentenniveau sowie den Wegfall von Rentenbeiträgen auf Grund der Entgeltumwandlung auszugleichen und Geringverdiener stärker zu unterstützen, müsste zudem mehr Geld in die betriebliche Altersvorsorge fließen. "Die Arbeitgeber könnten den Beschäftigten mit zusätzlichen Beiträgen helfen, eine Altersvorsorge aufzubauen", sagt Geyer. Außerdem könnten dazu "auch staatliche finanzielle Zuschüsse und Anreize beitragen".

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