Rohstoffe:Ölmarkt droht "Monstersitzung"

Worker stands under a derrick at Yuganskneftegaz oil processing facility at Mamontovskoye oilfield outside the Siberian town of Nefteyugansk

Arbeiter auf einem Ölfeld im sibirischen Nefteyugansk: Weiter fördern oder künstlich verknappen? Die Ölländer sind sich darin uneins.

(Foto: Sergei Karpukhin/Reuters)

Ölminister konferieren, Verbraucher zittern: Weil der Ölpreis nach oben schießt, steigen auch die Spritpreise. Geht das jetzt so weiter?

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Vielleicht ist niemand näher dran am Zentrum des weltweiten Rohstoffhandels als Christoph Eibl, inmitten des kleinen Schweizer Städtchens Zug hat der Fondsmanager 30 Rohstoffpreise sekündlich im Blick. Rund 250 Rohstofffirmen haben die Stadt in den vielleicht wichtigsten Ort des europäischen Rohstoffhandels verwandelt, zum Zugersee sind es nur wenige Meter. Still wie das Wasser dort, könnte man sagen, sind auch die meisten Ölhändler. Aber Eibl will nicht schweigen: "Ich bin überrascht, dass der Ölpreis so brutal nach oben geschossen ist", sagt der Chef der Rohstoffgesellschaft Tiberius.

Eibl und seine Kollegen können zufrieden sein, sie sind günstig eingestiegen: Anfang des Jahres kostete ein Fass der Nordseesorte Brent schließlich nur rund 50 Dollar, heute sind es bereits knapp 75 Dollar. "Allein in diesem Jahr hat der Ölpreis schon 50 Prozent gemacht", sagt Eibl. Erste Investmentbanker spekulieren bereits, dass die Preise noch stärker steigen könnten - auf mehr als 100 Dollar je Fass.

Es ist eine bemerkenswerte Wende, von denen die Preiskurven künden: Noch im vergangenen Jahr war der Preis für amerikanisches Leichtöl ins Negative gesackt, aktuell sprechen die Experten bereits wieder von einem Rohstoffboom. Und an diesem Donnerstag sollen die Ölminister des Förderkartells Opec+ nun entscheiden: Wie soll es weitergehen am wichtigsten Rohstoffmarkt der Welt? "Das wird eine Monstersitzung", sagt Rohstoffhändler Eibl.

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Einerseits hat sich die Nachfrage wieder deutlich erholt, seit die Coronabeschränkungen vielerorts gelockert sind. Wenn Flugzeuge wieder abheben, Schiffe wieder fahren und Fabrikschlote wieder rauchen, wird eben auch mehr Öl gebraucht. Allein im Juni dürfte die Ölnachfrage um rund zwei Millionen Fass gestiegen sein, schätzt die Internationale Energieagentur. "Ein solch kräftiges Plus haben wir lange nicht mehr gesehen", sagt Ölexperte Giovanni Staunovo von der Schweizer Großbank UBS.

Andererseits fürchten viele, dass die Delta-Variante des Coronavirus vor allem in ölschluckenden Schwellenländern bald schon wieder zu Einschränkungen führen könnte: zu stillstehenden Fabrikbändern, geparkten Flugzeugen und ankernden Schiffen. Würden sich dann auch noch die Vereinigten Staaten mit Iran in Sachen Atomabkommen einigen, könnte das Land den Ölmarkt fluten - und Schätzungen zufolge 1,2 Millionen Fass Rohöl am Tag auf den Weltmarkt kippen und damit die Preise drücken. "Davor haben viele am Ölmarkt wirklich Respekt", sagt Experte Thomas Benedix von der Fondsgesellschaft Union Investment.

Es geht um Angebot und Nachfrage, aber auch um harte politische Interessen

Wenn sich die Ölminister am Donnerstag nun virtuell zusammenschalten, wird es vor allem um eine Frage gehen: lieber weiter künstlich weniger Öl fördern als man könnte - oder mehr an den Markt bringen, um schnell Geld hereinzuwirtschaften? Neben den grundsätzlichen Erwägungen von Angebot und Nachfrage prallen dabei vor allem harte politische Interessen aufeinander.

Um ihren Staatshaushalt zu balancieren, brauchen die Saudi-Araber rund 80 Dollar je Fass, die Russen jedoch kaum mehr als 40 Dollar. Während die Russen also gerne um jeden Preis schnell mehr fördern möchten, wollen die Saudi-Araber lieber vorsichtig bleiben und die Ölnotierungen noch etwas treiben. Ein erstes Meeting von Spitzenbeamten aus dem Ölsektor wurde am Mittwoch bereits verschoben, der russische Vizepremier habe "andere Verpflichtungen". Solche taktischen Manöver gehören zur bizarren Choreografie der Ölminister, die sie bei ihren Opec-Treffen in schöner Regelmäßigkeit vollführen. "Am Schluss werden sie wieder sagen, dass sie die allerbesten Freunde sind", sagt Ölexperte Giovanni Staunovo und lacht.

Kaum zwei Kilometer von den großen Frankfurter Banktürmen entfernt, ist niemandem so recht zum Lachen zumute. Die warme Mittagssonne prallt auf den Boden vor der Aral-Tankstelle an der Hanauer Landstraße, deren Preistafel für einen Liter Super E10 an diesem Mittag 1,59 Euro aufruft. Während sich die Rohstoffhändler in den Banken freuen, sind viele Autofahrer grummelig.

Am Rand warten drei Fahrschuhllehrer auf ihre Schüler. Tanken? Jetzt lieber nicht. Auch der Fahrer eines Reinigungsdienstes zuckt mit den Achseln: "Ich tanke lieber woanders, da kriege ich für das Dienstauto zwei Cent Rabatt", sagt er. Immerhin ein paar Brötchen nimmt er an der Aral-Tankstelle mit, wirft sie auf den Rücksitz und schleudert die Hintertür ins Schloss.

Im vergangenen Jahr legte der Preis für eine Tankfüllung um 20 Prozent zu

Als der Preis für einen Liter Super E10 vergangene Woche im bundesweiten Schnitt erstmals wieder über die Marke von 1,50 Euro geklettert war, wurde vielen Verbrauchern das Preisplus beim Benzin erst richtig bewusst. Allein im vergangenen Jahr hat der Preis für einen Liter Tankfüllung im Schnitt um 20 Prozent zugelegt. Verantwortlich dafür ist neben den Kapriolen am Ölmarkt allerdings auch die neue CO₂-Abgabe, die seit Anfang des Jahres gilt.

Für die Autofahrer wird das Treffen der Ölminister daher mitentscheiden, in welche Richtung die Spritpreise in den kommenden Monaten tendieren. Die meisten Experten rechnen mit einem Formelkompromiss: Während die Kartellstaaten im vergangenen Jahr auf einen Schlag fast zehn Millionen Fass pro Tag vom Markt nahmen, haben sie inzwischen bereits knapp die Hälfte davon wieder zurückgebracht. Nun könnten sie ihre Förderbremse weiter lockern und rund 500 000 Fass wieder an den Markt geben.

Dass solch ein Schritt die Preise allerdings deutlich senken kann, glaubt niemand. Denn insgesamt fehlen dem Markt aktuell schätzungsweise mehr als eine Million Fass - und zwar pro Tag. "Die Opec hat den Ölmarkt so gut unter Kontrolle wie seit Langem nicht", sagt UBS-Bankier Giovanni Staunovo. Und Rohstoffhändler Christoph Eibl will vor seinen Finanzcomputern im Schweizer Örtchen Zug auch nicht an sinkende Preise glauben. "Was meinen Sie", sagt er, "wie viele Vermögende eben keine überteuerten Backsteine mehr am Münchener Odeonsplatz kaufen wollen." Die Devise für manche sei nun: mit Öl flüssig bleiben.

© SZ
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