Transformation:"Wir sind in der Debatte gerade an der Grenze zur Planwirtschaft"

Wer finanziert die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft? Die Banken oder Staat? Und wieso dauert das so lange?

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Inzwischen treibt das Thema Nachhaltigkeit so ziemlich jeden in der Finanzbranche um, Banken wollen das Klima schützen, Investoren umweltfreundlich Geld anlegen, Fondsgesellschaften gegen Klimakrise, Artensterben und Ausbeutung von Menschen in der Lieferkette kämpfen. Die Formel dafür lautet ESG - das steht für Umweltaspekte (Environment), sozialen Kriterien (Social) und für Regeln guter Unternehmensführung (Governance). Als Herzkammern der Kapitalmärkte haben Banken mindestens ebenso großen Einfluss auf den Klimawandel wie Industriekonzerne, auch wenn ihr eigener Betrieb eher wenig CO2 verbraucht.

"Es gibt sehr viel Willen zu Nachhaltigkeit in den Banken", sagt Katharina Beck, Spitzenkandidatin der Hamburger Grünen und früher Beraterin für nachhaltiges Bankgeschäft, beim SZ-Nachhaltigkeitskongress. Es dauere aber sehr lange, die Dinge zu verändern, also Nachhaltigkeit zum Beispiel als Kriterium der Kreditvergabe einzuführen. "So etwas dauert schon einmal mal drei bis fünf Jahre, schon allein deshalb, weil man die IT-Systeme umstellen muss", sagt Beck. Nicht weniger wichtig, aber ebenso kompliziert sei es, Nachhaltigkeit in die Risikomesssysteme der Banken zu integrieren. Das gehöre aber einfach zum Kerngeschäft. Auch in der Geldanlage sei längst noch nicht alles nachhaltig. "Viele Wertpapier-Fonds, die als ESG-Fonds firmieren, schließen gerade einmal Glücksspiel und Streubomben aus. Das kann es aber nicht allein sein", sagt die Grünen-Politikerin.

"Die Finanzaufseher sind nicht bekannt dafür, dass sie sich für die Weltrettung zuständig fühlen"

Auch Thomas Jorberg, Vorstandschef der Nachhaltigkeitsbank GLS, ist überzeugt: "Wenn sich nicht drastisch etwas verändert, dann wird die Klimakatastrophe auch schnell zur Bankenkatastrophe". Schließlich richtet jedes schlimme Klimaereignis in der Regel schwere Schäden an. Kredite können eventuell nicht mehr zurückgezahlt werden. Auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin würde dafür langsam ein Bewusstsein entwickeln, habe aber dringenden Nachholbedarf. "Die Finanzaufseher sind nicht bekannt dafür, dass sie sich für die Weltrettung zuständig fühlen", sagt Jorberg. Aber wenn mit dem Untergang der Welt der Untergang der Banken einherginge, dann sei auch die Aufsicht plötzlich "auf dem Plan".

So müssen Geldhäuser in der Euro-Zone laut der EZB-Bankenaufsicht schon bald ihre Risiken aus dem Klimawandel für ihre Geschäfte stärker berücksichtigen. Viele Institute in Deutschland stehen dabei freilich vor dem Dilemma, dass sie angesichts nach wie vor hoher Kosten dringend auf Erträge angewiesen ist, um ihr Gewinnziele zu erreichen. Da fällt es schwerer, verantwortungsvoll zu wirtschaften.

Immerhin: Die Hypovereinsbank etwa finanziert bewusst soziale Projekte ohne Renditeabsicht. Dabei gehe es um Investitionen in soziale Projekte zu günstigen Konditionen, sagte Stephanie Kraus-Nijboer, Leiterin Social Banking der Unicredit-Tochter Hypovereinsbank, etwa um einen Beitrag zu bezahlbarem Wohnraum und ähnlichen Dingen zu leisten. "Zugleich unterstützen wir diese Projekte auch durch unser Netzwerk". Das Thema Nachhaltigkeit umfasse aber nicht nur diesen einen Bereich, sondern die gesamte Bank.

Eine Chance liegt für die Banken aber zugleich darin, dass sie als Finanzierer dieser Transformation aufgerufen sind, beziehungsweise das Kapital dafür vermitteln können. Jorberg sieht dabei vor allem die Privatwirtschaft und privates Kapital in der Pflicht, nicht den Staat. "Es muss unheimlich viel investiert werden, aber es wird am Geld nicht scheitern, das ist in Hülle und Fülle vorhanden", sagt Jorberg. Problem sei eher, dass unser System eine grandiose Fehlverteilung von Kapital produziert habe. Der Staat müsse dringend die richtigen Rahmenbedingungen setzen, damit das Kapital in die richtigen Projekte fließe.

"Wir sind in der Debatte gerade an der Grenze zur Planwirtschaft", sagt Jorberg mit Blick auf Forderungen, der Staat solle sich an der Finanzierung der Transformation beteiligen. Das sei falsch. "Die Unternehmen müssen und können die Risiken selber tragen". Natur zu nutzen oder zu zerstören müsse richtig teuer werden. Die Politik habe es jahrelang versäumt, ein klares Anreizsystem zu schaffen und flüchte sich nun in Einzelregelungen. "Kein Mensch stört sich daran, dass der Benzinpreis steigt, wenn Ölkartelle den Preis nach oben treiben, das nimmt man wie ein Naturgesetz hin, aber wenn man es macht, um das Leben zu schützen, dann ist die gleiche Erhöhung gleich eine soziale Katastrophe", sagt Jorberg. Das sei ganz klar vorgeschoben.

© SZ
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