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Leben in Griechenland:"Auf dem Konto liegt nichts mehr"

Wie geht es den Griechen? Wir haben bei einigen nachgefragt. Agoritsa Bakomidou, 49, ist eine von ihnen. Sie lebt als freie Übersetzerin und Publizistin in Athen.

"Ich verspüre im Augenblick eine Unsicherheit, wie ich sie bislang nie erlebt habe. Ich habe keine Vorstellung davon, wie es weitergehen soll. Es gibt nur eine Gewissheit: Was immer auf mich zukommt, wird auch den Rest von uns betreffen. Das beruhigt mich immerhin ein bisschen.

Ich habe noch 500 Euro in der Tasche. Von dem Geld muss ich erst mal auskommen, denn auf dem Konto liegt nichts mehr. Spätestens bis übermorgen werden 250 Euro Miete fällig, aber ich weiß noch nicht, ob ich zahlen werde. Denn an Einkünften kommt auch nichts mehr rein. Ich warte auf Geld für eine Übersetzung, doch der Verlag hat mir mitgeteilt, dass er nicht zahlen wird. Er könne den Betrag nicht überweisen, weil die Bank zu sei.

Bei einer anderen Übersetzung habe ich um eine Verlängerung der Abgabefrist gebeten. Man hat mir geantwortet, dass sei überhaupt kein Problem - ich könne mir ruhig Zeit lassen. Im Klartext heißt das wohl, dass das ganze Projekt jetzt auf der Kippe steht. So wie es aussieht, wird hier jetzt alles gestoppt.

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"Ich vertraue Tsipras"

Ich werde mich wohl oder übel damit auseinandersetzen müssen, wie man Suppenküchen und Armenspeisungen in Anspruch nehmen kann. Als Akademikerin bin ich bislang nie auf die Idee gekommen, dass ich davon einmal betroffen sein könnte, und offizielle Ratschläge gibt es dafür im Augenblick nicht. Das meine ich überhaupt nicht vorwurfsvoll. Denn die Leute in der Regierung arbeiten alle bis zum Umfallen, um ein Chaos zu verhindern und das Referendum auf die Beine zu stellen. Die sind noch mehr im Alarmzustand als wir Bürger. Die schlafen überhaupt nicht mehr.

Ich vertraue Tsipras, auch wenn mir natürlich klar ist, dass ich nicht alles über ihn weiß. Mein Glaube an die Vertreter der EU ist allerdings restlos zerstört. Ich habe immer den Eindruck, die wissen gar nicht, was sie von uns fordern. Wir könnten beim Referendum natürlich für ein Ja stimmen, doch danach dafür einzustehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Jahre der Krise haben uns so ausgeblutet, dass wir nichts mehr haben.

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"Mein Vater hat noch 50 Euro"

Ich glaube, es ging aus Sicht der Gläubiger bei den Verhandlungen mit unserer Regierung immer nur darum, uns zu bestrafen. 'Wie konnten wir es wagen, eine linke Regierung zu wählen, die tatsächlich zum ersten Mal Nein sagt?' Das sollte auf keinen Fall belohnt werden.

Mein Vater wirft mir vor, ich trage eine Mitschuld an der jetzigen Misere, weil ich im Januar für Syriza gestimmt habe. Er ist ein Konservativer, der immer auf der Seite von Samaras stand. Jetzt hat er mit 82 noch 50 Euro in der Tasche. Seinen Lebensabend hat er sich anders vorgestellt."

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