Automobilindustrie VW leitet das Ende des Autohauses ein

Den "klassischen Glaspalast" wird es künftig nicht mehr geben, sagt VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann. Stattdessen sollen die Kunden online direkt im Autowerk bestellen.

(Foto: AFP)
  • VW verkauft künftig auch Autos im Internet.
  • Die Autohändler sollen davon aber profitieren und bekommen einen Anteil, wenn jemand online einen VW kauft.
  • Jedes Fahrzeug soll zudem eine digitale ID bekommen, mit der Kunden allerei Zusatzdienste nutzen sollen.
Von Angelika Slavik, Berlin

In Wahrheit sehen Autohäuser natürlich alle gleich aus. Es gibt eine Glasfassade und einen weißen Hochglanzboden und, nun ja, irgendwelche Autos eben. Dazwischen gibt es kleine Ständer aus Plexiglas, aus denen man Broschüren entnehmen kann, die was von Verbrauchstatistiken und Kreditraten erzählen. Das Wichtigste am Autohaus sind die Abdrücke auf der Außenfassade, immer auf Grundschul-Kind-Höhe: Nichts beschreibt die Faszination Auto besser, als die Verlässlichkeit, mit der sich Kinder an der Autohaus-Fassade die Nasen platt drücken. Ob das bald vorbei sein wird?

Am Dienstag präsentierte VW in Berlin seine neue Vertriebsstrategie. Sie könnte, das muss man so deutlich sagen, das Ende der Autohäuser einleiten, wie man sie bisher kannte. Denn bei Volkswagen können Kunden ihre Autos künftig direkt beim Hersteller bestellen. Über das Internet. Den "klassischen Glaspalast", sagt der VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann, den werde es künftig nicht mehr geben. Das Autohaus als Auslaufmodell.

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Neben Stackmann steht Matti Pörhö auf dem Podium, der Finne ist der Präsident des europäischen Verbands der VW-Händler EDC. Er hätte allen Grund, sauer zu sein, schließlich steht seine Zunft in der Gefahr, Opfer digitaler Disruption zu werden: Wer braucht noch Zwischenhändler, wenn man direkt beim Hersteller kaufen kann? Pörhö aber gibt sich gelassen, das Einkommen der Händler sei sichergestellt, sagt er. Die Lage werde sich sogar verbessern.

Tatsächlich sieht VWs neues Vertriebskonzept vor, dass die ansässigen Händler auch am Verkauf von Autos beteiligt werden, die die Kunden online direkt bei VW ordern. Wer also im Internet bestellt, bekommt auf der Website einen Händler im Umfeld als "Partner" vorgeschlagen, der dann vom Kauf profitiert - selbst dann, wenn er gar nichts beigetragen hat, damit dieser Kauf zustande kommt. Das klingt verdammt altruistisch, zumal für einen Konzern wie VW, der mit der Dieselaffäre den wahrscheinlich größten Industriebetrug der Nachkriegsgeschichte zu verantworten hat.

Aber der VW-Vorstand Stackmann sagt, die Händler sollten künftig eben Teil eines Gesamterlebnisses werden, einer von mehreren Berührungspunkten der Kunden mit der Marke. Nicht immer könne man da genaue Trennlinien zwischen den Leistungen der Beteiligten ziehen. Schließlich sei es ja denkbar, dass Kunden es machten wie schon jetzt im Elektronikmarkt: Sie lassen sich vor Ort beraten, bestellen dann aber von zu Hause aus im Internet. Zudem müsse es, gerade beim Auto, ja ohnehin immer einen stationären Ansprechpartner geben. Einen, der das Auto ausliefert, der Zubehör auf Lager hat oder sich um die Reparatur kümmert.

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Und dann ist da noch die Sache mit den Daten. Künftig sollen Kunden bei Volkswagen eine ID bekommen. Mit der können sie dann online Updates für das Auto managen oder zusätzliche Software kaufen - ähnlich wie bei App Store oder Play Store, die viele Menschen heute für ihre Handys nutzen. Zudem soll es möglich sein, mit dieser ID auch anderen Diensten Zugang zum Auto zu ermöglichen: etwa Lieferdiensten, die Pakete, Lebensmittel oder Kleidung aus der Reinigung direkt in den Kofferraum liefern könnten. In diesem Punkt ähnelt die Vorstellung vom vernetzen Auto, an der Volkswagen arbeitet, jener von BMW und anderen Herstellern. Auch die setzen künftig auf umfassende digitale Dienstleistungen rund um das eigene Fahrzeug.

Die grundlegende Rollenveränderung der Händler allerdings ist ein Alleinstellungsmerkmal von VW. Ob sie allen gefallen wird? Man habe zwei Jahre lang hart gerungen, sagt der Händlervertreter Pörhö, er sei aber zuversichtlich, dass der Großteil der insgesamt 5400 VW-Händler in Europa den neuen Verträgen zustimmen werde. Bis Ende November müssen die entscheiden, ob sie ihre neue Rolle mögen oder ob sie künftig lieber Autos anderer Hersteller verkaufen wollen.

Von 2020 an jedenfalls soll die neue Version des Autokaufs bei VW möglich sein. Allerdings, sagt VW-Vorstand Stackmann, rechne er damit, dass ein großer Teil der Kunden zunächst weiterhin den traditionellen Autokauf bevorzugen werde. Vor Ort im Glaspalast, während sich draußen an der Scheibe ein paar Kinder die Nasen platt drücken.

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