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Arbeitsmarkt:Auf dem Arbeitsmarkt passieren Wunder, aber nicht bei den Gehältern

Lopez Leon of Spain assists a resident at breakfast buffet at SenVital elderly home in Kleinmachnow

Hilfe beim Frühstück: In Pflegeheimen, aber auch in vielen anderen Branchen fehlt Personal. Qualifizierte Zuwanderer könnten einspringen.

(Foto: Thomas Peter/Reuters)
  • Auf dem deutschen Arbeitsmarkt könnte es kaum besser laufen, zumindest was die Zahlen angeht.
  • Allerdings halten die Löhne nicht mit dieser Entwicklung mit. Sie könnten deutlich langsamer steigen als die Inflation.
  • Ökonomen warnen außerdem, dass Deutschland schon bald die Fachkräfte ausgehen könnten.

Von Alexander Hagelüken

Es sind Zahlen, wie sie sich eine amtierende Bundesregierung kaum besser wünschen kann - zumal kurz vor einer Wahl: Im August waren 2,5 Millionen Deutsche ohne Job, so wenig wie noch nie seit der Wiedervereinigung 1991. Außer in Tschechien ist die Arbeitslosenrate nirgends in Europa so gering wie hier. Forscher beschäftigt daher derzeit weniger, wie jemand einen Job findet, es geht vielmehr um ganz andere Fragen: Warum steigen die Löhne relativ bescheiden, wenn so viele Beschäftigte gesucht werden? Und gehen dem Land schon bald die Arbeitskräfte aus, wie eine neue Studie warnt?

Zuletzt waren in Deutschland 44 Millionen Menschen beschäftigt. Die Firmen melden den Jobagenturen fast 800 000 offene Stellen - zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Trotzdem steigen die Löhne langsamer als in früheren Boomphasen. Das macht nun sogar Institutionen wie der Europäischen Zentralbank Sorgen. "Der Arbeitsmarkt ist brillant gelaufen. Man hätte sich bei den Löhnen etwas mehr vorstellen können", sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Die realen Löhne dürften dieses Jahr sogar nur um 0,8 Prozent wachsen, nach 1,9 Prozent 2016, schätzt die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung. Denn während die zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelten Tariflöhne wohl nicht viel stärker zunehmen als 2016, dürfte sich der Anstieg der Verbraucherpreise vervierfachen - auf 1,7 Prozent. Es bleibt abzuwarten, welche Lohnsteigerungen die Gewerkschaften demnächst mit Hinweis auf die höhere Inflation erreichen.

IAB-Forscher Weber sieht die magere Zunahme der Produktivität als einen wesentlichen Grund dafür, warum die Löhne nur moderat steigen. Klassischerweise gilt als Spielraum für Lohnsteigerungen, die die Anteile von Arbeitnehmern und Kapitalbesitzern am Volkseinkommen nicht verändern, die Summe von Inflation und Zuwachs der Produktivität. Letzteres bedeutet vereinfacht, wie viel schneller, günstiger und besser als im Jahr zuvor Arbeitnehmer die Produkte herstellen.

Dieser Zuwachs lag in den vergangenen Jahren meist unter einem Prozent, im historischen Vergleich ist das wenig. Und das begrenzt das Potenzial für Lohnzuwächse. Ändern könnte sich etwas, wenn Staat und Unternehmen mehr investieren, als sie das in den vergangenen Jahren getan haben. Weber: "Wenn durch Investitionen von Staat und Firmen die Produktivität steigt, könnten die Löhne noch stärker steigen."

Böckler-Tarifexperte Thorsten Schulten sieht noch andere Ursachen dafür, dass die Arbeitnehmer keine höheren Löhne durchsetzen. Zum einen seien 3,5 Millionen Deutsche unterbeschäftigt, sie sind zum Beispiel krank oder in einer Fördermaßnahme. Zum anderen suchten viele Minijobber oder unfreiwillige Teilzeitarbeiter nach einer normalen Anstellung. Beides heißt, dass die Beschäftigten nicht so knapp sind, wie der offizielle Beschäftigungsrekord von 44 Millionen suggeriert.

Deutschland wird auf Zuwanderung angewiesen sein, sagen Experten

Ein weiterer Grund für Schulten: Die Gewerkschaften hätten weniger Verhandlungsmacht als früher, weil nur noch die Hälfte der Beschäftigten nach Tarifvertrag bezahlt wird. Schulten fordert die Bundesregierung daher auf, prekäre Beschäftigungsformen wie befristete Verträge einzuschränken. Außerdem solle sie Tarifverträge für eine ganze Branche verpflichtend machen, also auch für die Firmen, die nicht im Arbeitgeberverband sind. Gerade in Niedriglohnbranchen zahlten besonders wenige Firmen nach Tarifvertrag.

Wie sich die Bezahlung der Bundesbürger entwickelt, ist schon deshalb relevant, weil sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahrzehnten drastisch verändern wird. Zuletzt stieg stets die Zahl jener, die als Arbeitskräfte verfügbar waren. Das lag etwa daran, dass ein höherer Anteil von Frauen arbeiten ging. In den nächsten Dekaden wird sich alles grundlegend wandeln, weil immer mehr geburtenstarke Jahrgänge in Rente gehen - nie zuvor wurden so viele Deutsche geboren wie 1964.

Dem Arbeitsmarkt könnten deshalb 2040 deutlich weniger Bürger zur Verfügung stehen als heute, rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor. Wenn es zum Beispiel dabei bleibt, dass wenige 60-bis 74-Jährige arbeiten, fehlen dem Arbeitsmarkt in 20 Jahren zehn Millionen Menschen (siehe Grafik, pessimistische Variante). Die Forscher halten das zwar für unwahrscheinlich: Sie glauben, dass in einzelnen Altersgruppen mehr Menschen arbeiten gehen als bisher, so, wie dies zuletzt bei Frauen generell der Fall war. Aber auch in diesem Fall fehlen Millionen Arbeitskräfte - ein großes Loch in der Zukunft.

Arbeitslosigkeit bei Einwanderern deutlich gesunken

"Das heißt, man wird reagieren müssen", sagt DIW-Ökonom Karl Brenke. "Eine Reaktion ist natürlich die vermehrte Zuwanderung insbesondere von Qualifizierten." Bei allen bisherigen Berechnungen ist unterstellt, dass es unterm Strich jährlich nicht zu einer Zuwanderung in die Bundesrepublik kommt. Auch IAB-Forscher Enzo Weber ist der Meinung, dass Deutschland auf Zuwanderung angewiesen sein wird. Dabei werde es darum gehen, gezielt um Kräfte zusätzlich zu jenen Menschen zu werben, die die Bundesrepublik als Asylanten aus humanitären Gründen wie politischer Verfolgung aufnimmt: "Das Wesentliche ist, dass man auf die Qualifikation der Personen und ihre Flexibilität achtet. Menschen, die sich am Arbeitsmarkt im Regelfall selbst helfen können."

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass sich eine Art der Zuwanderung als Erfolgsgeschichte herausstellt, die in den Nullerjahren häufig als Gefahr gesehen wurde: der Zuzug von EU-Bürgern aus Osteuropa. "Diese Zuwanderung hat in den letzten Jahren einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung geleistet", sagt Wido Geis vom Institut der deutschen Wirtschaft. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den neuen EU-Mitgliedsländern hat sich nach seiner Studie von 2010 bis 2017 auf 1,14 Millionen fast verfünffacht - und die Arbeitslosenrate in dieser Gruppe halbiert.

© SZ vom 01.09.2017/jps
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