Integration von Asylsuchenden Ausbilder müssen ständig Rücksicht nehmen

Alles Barrieren, für die Arbeit und den persönlichen Umgang, die sich nicht durch Gesetze überwinden lassen. Auch deshalb fordert beispielsweise der Zentralverband des Deutschen Handwerks sogenannte Kümmerer: Betreuer, die bei Behördengängen, aber auch Arztbesuchen und bei der Wohnungssuche helfen, die zuhören, wenn von zu Hause Erwartungen an den jungen Arbeitnehmer herangetragen werden nach Geld oder die helfen, mit dem Heimweh klarzukommen. Noch gibt es solche Kümmerer nur vereinzelt und auf Initiative der Kammern.

Und so hängt die erfolgreiche Integration derzeit an einzelnen Begegnungen, an Menschen wie Ausbilderin Stegmann. Mittlerweile liest sie mit Camara zwar keine Kinderbücher mehr, aber zeigt Geduld, wenn er mal wieder zur Behörde muss statt in die Bäckerei zu kommen. Sie weiß, dass er mehr Zeit zum Lernen braucht und ist stolz auf seine Leistung. Ohne sie hätte Camara es wohl nicht geschafft, das wissen sie beide. Das kann auch Hosein Hoseini getrost von seinem Arbeitgeber behaupten. Der hat für ihn nicht nur Besuch von der Polizei riskiert. Sondern hilft ihm jetzt, wo Hoseini auf der Berufsschule ist, wenn er Fragen zu den Hausaufgaben hat.

Aus gutem Grund bemühen sich gerade Bäcker um die jungen Ankommenden. Zum einen, so ist Heinz Hoffmann, Landesinnungsmeister für das bayerische Bäckerhandwerk, überzeugt, eignet sich seine Arbeit wie keine zweite, Menschen auch unter schwierigen Umständen auszubilden. "Wir sind hautnah beieinander und man muss nicht viel reden: Die sehen, was wir machen, und machen es nach", sagt er. Zum anderen könnte man zynisch sagen: Je größer die Verzweiflung, desto größer die Flexibilität. Denn nirgends ist der Nachwuchsmangel so dramatisch wie in der Backstube. "Wir brauchen das Potenzial, egal ob die aus Afghanistan kommen oder Syrien", sagt Hoffmann.

Und so werden gerade an vielen Orten in Deutschland Menschen, die sich bisher mit Teig und Rezepten befasst haben, Experten für Formulare und Spracherwerb. Alteingesessene Handwerker, die es gewohnt waren, einfach Chef zu sein, finden sich in einer Rolle wieder zwischen Familienersatz, Sprachlehrer und Meister.

Sie füllen eine formale wie gesellschaftliche Lücke, die sich durch die schnelle Entwicklung der Flüchtlingszahlen und die lange Ignoranz gegenüber dieser Frage ergeben hat. Das ist erfreulich, aber langfristig könne man das den kleinen Betrieben nicht zumuten, sagt Legowski vom Handwerks-Zentralverband. Er fordert wie viele andere mehr Sprachkurse, Ehrenamtliche und schnellere Asylverfahren.

Denn sonst bleiben Menschen wie Hosein Hoseini und Omar Camara Ausnahmen. In ein paar Monaten ist Hoseini Bäckergeselle. Er träumt schon den nächsten Traum: Seine Freundin ist Konditorin, beide wollen ein Café eröffnen. Camara muss seine Abschlussprüfung schaffen. Er wird wieder nervös sein, das weiß er schon. Aber Omar Camara kennt längst nicht nur den Weizenanteil im Brot, sondern er spricht viele Male täglich ein neues, sehr Münchnerisches Wort aus, wenn jemand die Bäckerei betritt: "Servus".