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Griechenland:Wer #ThisIsACoup erfand

Schon vor dem griechischen Referendum hatte es Anti-Schäuble-Plakate in Griechenland gegeben. Die Kritik ist nicht verstummt.

(Foto: Aris Messinis/AFP)

Und welche Rolle zwei US-Amerikaner dabei spielten.

Analyse von Ulrich Schäfer und Jakob Schulz

Jeffrey Sachs sitzt am Sonntagabend in Addis Abeba und ist wütend auf Wolfgang Schäuble, wütend auf die "Ignoranz", auf die "Grausamkeit" der Deutschen, wütend auf die Härte, die der deutsche Finanzminister und die Kanzlerin gegenüber den Griechen zeigen. "So etwas habe ich noch nie erlebt", schreibt der amerikanische Ökonom via Twitter. Von Äthiopien aus, wo er an einer großen Entwicklungshilfekonferenz der UN teilnimmt, schickt er Dutzende Tweets an seine gut 193 000 registrierten Abonnenten.

Und Tausende, später dann Hunderttausende rund um die Welt sind am Sonntagabend genauso wütend wie Sachs. Sie packen, während die Staats- und Regierungschefs in Brüssel tagen und vor allem Angela Merkel Alexis Tsipras zu Zugeständnissen drängt, ihre Wut in wenige, oft harsche Worte, in maximal 140 Zeichen feuern sie diese über den Kurznachrichtendienst Twitter hinaus ins weltweite Netz.

#Thisisacoup ist der Hashtag, der Oberbegriff, unter dem Twitter-Nutzer rund um den Globus ihren Protest gegen die aus ihrer Sicht viel zu harschen Sparauflagen für Griechenland bündeln. #Thisisacoup - das ist ein Staatsstreich.

Die Nachrichten kommen aus den USA, aus Australien, aus Spanien, Deutschland, Italien oder aus Griechenland selbst. Und so werden innerhalb von wenigen Stunden mehr als 400 000 Tweets verschickt: Die virtuelle Demonstration soll, so die Idee der Initiatoren, ganz bewusst Einfluss nehmen auf die Verhandlungen in Brüssel; weil schließlich auch Europas Politiker die sozialen Medien verfolgen.

"Griechenland mag inkompetent sein, die Führer der deutschen Regierung sind grausam"

Die Idee für diese Kampagne wurde am Sonntagnachmittag in Spanien ausgeheckt, von einer Gruppe von Social-Media-Experten und Mitgliedern der Bürgerorganisation Barcelona en Comú, zu denen auch der Lehrer Sandro Maccarrone gehört. War er wirklich derjenige, der den ersten Tweet mit dem Hashtag abgesetzt hat, wie zu lesen ist? "Wenn, dann war es Zufall", antwortet Maccarrone, als man ihn dazu über Twitter befragt. Und fügt hinzu, dass dies eine gemeinsame Kampagne von einer großen Anzahl von Aktivisten war.

Um 17.35 Uhr, so ist in einem Bericht nachzulesen, den Maccarrone via Twitter verbreitet hat, entstand am Sonntag in einer Chatgruppe mit etwa 40 Teilnehmern die Idee für die Social-Media-Kampagne, zunächst sollte sie unter #Savegreece laufen. Um 18.20 Uhr schlug jemand dann den Hashtag #Thisisacoup vor - in Anlehnung an #Notacoup, was im Jahr 2011 während des Arabischen Frühlings in Ägypten verwendet wurde. Um 20 Uhr legten die Aktivisten schließlich mit ihrem Twitter-Gewitter los, nachdem sie zuvor auch über ihre Whatsapp- oder Facebook-Gruppen zum Mitmachen aufgefordert hatten.

Befeuert wurde die Kampagne auch durch das, was amerikanische Ökonomen wie Jeffrey Sachs oder Paul Krugman an dem Tag über Twitter verbreiteten. Sachs ist einer der bekanntesten Entwicklungsökonomen der Welt, er schrieb am Sonntag immer wieder, die harte Haltung von Merkel und Schäuble werde zu einer "europaweiten Krise" führen: "Griechenland mag inkompetent sein, aber die Führer der deutschen Regierung sind grausam."

Der Guardian titelt: "Europa nimmt Rache an Tsipras"

Aus den Vereinigten Staaten meldet sich im Laufe des Abends auch der Nobelpreisträger Krugman zu Wort. In seinem Blog für die New York Times schrieb er, die Nachrichten aus Brüssel seien "schrecklich". Griechenland habe schon sehr viel geleistet, aber offenkundig reiche Deutschland die "substanzielle Kapitulation" der Regierung Tsipras nicht aus; vielmehr gehe es darum, Griechenland vollständig zu demütigen. Später, in einem zweiten Blogeintrag um 22.38 Uhr, schreibt Krugman dann: "Der Forderungskatalog der Euro-Gruppe ist Wahnsinn. Der populäre Hashtag #Thisisacoup ist genau richtig."

Diesen Text wiederum verbreiten Sandro Maccarrone und seine Mitstreiter auf Twitter und allen Kanälen, die ihnen zur Verfügung stehen, weiter. Die Aktivisten haben in einem Strategiepapier, das sie vor dem Start ihrer Social-Media-Kampagne in einer offenen Plattform im Netz entwickelt haben, auch mögliche Unterstützer genannt. Ganz oben auf der Liste derjenigen stehen samt ihrer Twitter-Accounts: Jeffrey Sachs und Paul Krugman.

Auch zuspitzende Schlagzeilen, wie sie der Guardian am Montag auf seiner Titelseite bringt (und schon am späten Sonntagabend via Foto auf Twitter verbreitet), werden von den Aktivisten im Netz und ihrer wachsenden Anhängerschaft während des Euro-Gipfels tausendfach weitergeleitet: "Europe takes revenge on Tsipras", schreibt das britische Blatt : Europa nimmt Rache an Tsipras.

Und so schwillt am Abend die Zahl der #Thisisacoup-Tweets binnen kurzer Zeit derart stark an, dass der Hashtag in vielen Ländern an die Spitze der populärsten Themen schießt - auch in Deutschland. Ein Nutzer schreibt: "Deutschland ist im Begriff, sein Ansehen zu verlieren. Schäuble fährt Europa an die Wand und Merkel schaut nur zu." Ein anderer Kommentator schreibt: "Mir ist so schlecht vor unfassbarer Wut und Hilflosigkeit!"

Doch keine Demonstration ohne Gegendemonstration: So entwickelt sich in der Nacht zu Montag eine zweite Kampagne #Thisisnotacoup: Dies ist kein Staatsstreich. Die Griechen, argumentieren die Gegendemonstranten, hätten sehr wohl eine Wahl, ihr Parlament könne ja Nein sagen zum Hilfspaket. "Ist es wirklich eine Demütigung, so viel Geld zu bekommen und dann auch Eigenverantwortung zu übernehmen?", fragt ein anderer. Allerdings sind die Mehrheitsverhältnisse klar: #Thisisnotacoup kommt laut Webanalyse-Dienst Topsy bis frühen Montagabend nur auf 934 Tweets; #Thisisacoup auf mehr als 368 000.

© SZ vom 14.07.2015
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