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Alternative zum Bruttoinlandsprodukt:Wie sich Glück messen lässt

Wann geht es Menschen wirklich gut? Bislang bemisst sich das Wohlergehen eines Staates am Bruttoinlandsprodukt. Doch die Aussagekraft ist begrenzt: Das BIP steigt auch durch Ölkatastrophen und Staus, vernachlässigt dabei jedoch deren negative Effekte auf die Lebensqualität. Forscher, Volkswirte und neuerdings auch Politiker suchen nach neuen Indikatoren.

Geht man nach dem "Happy Planet Index", leben die glücklichsten Menschen in Kolumbien. Das Bild zeigt eine Tänzerin beim Karneval in Barranquilla.

(Foto: AFP)

Die Sache ist verzwickt, wahrscheinlich gibt es deshalb so viele Bonmots und Kalendersprüche. "Jeder ist seines Glückes Schmied", sagt der Volksmund. Das mag in gewissen Schranken gelten. Aber stimmt nicht ebenso, dass jeder seines Glückes Dieb ist? Dass jeder sich ein Stück weit selber im Wege steht? Und dass jeder des anderen Glückes Dieb ist?

Das muss kein böser Wille sein. In Abwandlung von "Faust" könnte man sogar sagen: Es ist der Geist, der Gutes will und Böses schafft. Gerade das 20. Jahrhundert war voller a priori beglückender Ideologien für die Massen, die jedoch für Einzelne Unheil bedeuteten.

Schon arithmetisch ist es ein Problem: Wenn alle nach dem Glück streben, kommen sich die Suchenden automatisch in die Quere. Oder wie Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper dichtete: "Ja, renne nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr, denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher."

Hinzu kommt ein Definitionsproblem. Was ist eigentlich Glück? Die alten Griechen unterschieden zwischen Kairos, dem Gott des günstigen Augenblicks, und Eudämonie, ein Begriff, für den es dummerweise keine griffige Entsprechung im Deutschen gibt. Gemeint damit ist aber, durch ethisch einwandfreies Handeln im Alltag am Ende des Lebens das Ziel der "Glückseligkeit" oder, eine Nummer kleiner, des "Wohlbefindens" zu erreichen, und zwar für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft.

Viele Völker trennen sprachlich fein säuberlich, ob jemand "glücklich" ist, vielleicht sogar "überglücklich", "selig"; oder ob er nur "Glück gehabt hat", "verzaubert", "entzückt", "zufrieden" oder einstweilen "nicht unzufrieden" ist. Wobei Jean Anouilh, der französische Dramatiker, zu Recht einwirft, dass "die wahren Lebenskünstler bereits glücklich sind, wenn sie nicht unglücklich sind". Eine Trennlinie ist schwierig zu ziehen.

Wenn dies schon für jeden persönlich so ist, wie unendlich viel komplizierter muss es sein, das Glück oder "nur" das Wohlbefinden von Staaten zu messen? Um es vorwegzunehmen: Es ist unmöglich. Dennoch versuchen sich immer mehr Forscher, Volkswirte und neuerdings auch Politiker daran. Und das ist gut so. Denn der Gradmesser, der bislang international herangezogen wird, misst zwar den materiellen Zuwachs; er ist aber anerkanntermaßen unzureichend, um das subjektive Wohlbefinden des Einzelnen zu erfassen.

Das Zweischneidige am BIP, dem Bruttoinlandsprodukt, ist, dass es blind die Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft addiert, ohne dabei die negativen Effekte auf die Lebensqualität zu berücksichtigen. Wer jeden Morgen im Stau steht und Benzin verbraucht, steigert zwar das BIP, fühlt sich in dem Moment aber in der Regel von Kairos vernachlässigt. Die Säuberungsarbeiten nach einer Ölkatastrophe erhöhen ebenfalls das BIP, doch zu dem Zeitpunkt hat das Öl längst auf Jahre Flora und Fauna zerstört.