Unternehmen:Als Uwe Seelers Achillessehne riss, schusterte Adi Dassler ihm einen Spezialschuh

Für die Vergangenheit sind in der World of Sports heute Martin Gebhardt und Sandra Trapp zuständig. Hinter einer grün gestrichenen und besonders gesicherten Metalltür im Untergeschoss von "Laces" hüten sie 40 000 Reliquien aus der 70-jährigen Firmengeschichte. Bei konstant 18 Grad Celsius und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit werden in hohen Regalen Schuhe, Trikots, Taschen, Tennisschläger und Bälle aufbewahrt, verpackt oder eingehüllt in säurefreien Kartons oder Papier.

Sandra Trapp streift sich weiße Handschuhe über, ehe sie besonders wertvolle Exponate anfasst: einen der beiden Fußballschuhe, in denen Fritz Walter beim WM-Endspiel 1954 kickte. Man kennt die Geschichte ja, wie Adi Dassler zum "Wunder von Bern" beitrug, indem er den deutschen Spielern leichtere und flachere Fußballschuhe verpasste, in die er neuartige Schraubstollen einzog. Auch das Asservat A F-1120 a, ein rechter Fußballschuh von Zinedine Zidane, erzählt Sportgeschichte. Der große Franzose trug ihn bei der WM 2006, samt in das Fersenteil eingeklebtem Pflaster für besseren Halt.

Dann nimmt Trapp noch ein deutsches Nationaltrikot vom Ständer. Außer der Nummer 4 sieht man die Dreckflecken aus dem Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro, wo es Benedikt Höwedes im WM-Finale 2014 trug, als er kurz vor der Halbzeitpause an den Pfosten des argentinischen Tores köpfte. "Natürlich haben wir es nicht gewaschen, sonst wäre der historische Moment kaputt", sagt Sandra Trapp.

"Bei uns bündeln sich Firmen-, Produkt-, Sport-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte", sagt Martin Gebhardt. Sie hüten in ihrem Depot nicht nur verschwitzte Trikots und ausgelatschte Schuhe aus großen Momenten des Sports. Sondern auch erfolgreiche Teile früherer Kollektionen. Denn das Archiv ist nicht nur Reliquienschrein, es ist zugleich Gedächtnis und Inspirationskammer für die Marke. Häufig holen sich Designer und Produktmanager hier Anregungen für die Zukunft.

Von Adi Dassler weiß man, dass er sich von Sportlern deren Wettkampfschuhe geben ließ, um Abrieb und andere Gebrauchsspuren zu untersuchen. Dann überlegte er, wie er sie technisch verbessern könnte. Als 1965 die Achillessehne von Uwe Seeler riss und dem Stürmer des HSV das Karriereende drohte, schusterte ihm Dassler einen Spezialschuh mit Schnürung an der Ferse. Sieben Monate später schoss Seeler Deutschland zur WM 1966.

Die Hälfte der Leute sitzt in Portland in den USA

Im "Laces" sind es nur wenige Schritte von der Vergangenheit in die Zukunft. Das "Future Lab" scheint noch besser gesichert, noch abgeschirmter zu sein vom Rest der World of Sports als die Schätze von früher. Hier trifft man Tim Lucas, einen quirligen, fröhlichen Briten aus Liverpool, der seit 20 Jahren für Adidas arbeitet. "Wir tun, was Adi Dassler früher auch tat", sagt der Ingenieur. "Wir denken ständig über neue Produkte nach und entwickeln sie. Wir schauen in die Zukunft."

Zum Beispiel auf Bildschirmen, die Verformungen von neuartigen Laufschuhsohlen simulieren. Lucas' Leute überwachen auch Maschinen und Mikroskope in runtergekühlten, fensterlosen Labors nebenan, wo kaum fingernagelgroße, weiche Kugeln pausenlos gequetscht und wieder losgelassen werden. Zusammengepresst ergeben Tausende von ihnen ein Sohlenmaterial, von dem Adidas sagt, es dämpfe nicht nur die Schritte, sondern gebe Läufern sogar Energie zurück. Und dann ist da jene graue Halle, die aussieht wie ein Filmstudio.

Überall stehen und hängen Spezialkameras und Messinstrumente. Sie registrieren bis ins winzigste Detail, wie sich etwa ein Fußball beim Schuss verformt, welche Kurve er wie schnell fliegt, oder wie seine Oberfläche auf Nässe reagiert. Im anderen Eck der Halle tritt ein Roboter-Bein samt übergestülptem Turnschuh mit den obligaten drei Streifen pausenlos seitlich auf, um herauszufinden, wie gut der Schuh das aushält. Es gibt in dieser Halle eine Wärme- und Kältekammer und eine Laufbahn für Sprinter, exakt mit jenem Belag, wie er bei Olympischen Spielen vorgeschrieben ist.

Auf dem Weg hierher hat Tim Lucas im Vorbeigehen ein paar Mitarbeiter vorgestellt. Kanadier, US-Amerikaner, Deutsche, einen Österreicher und einen Äthiopier. 120 Leute arbeiten im Future-Lab an den Adidas-Produkten der Zukunft, Sportwissenschaftler, Biomechaniker, Ingenieure, Designer. Die Hälfte der Leute sitzt in Portland in den USA. Dort und in Shanghai hat der Konzern seine beiden wichtigsten Standorte jenseits von Herzogenaurach. Adi Dassler hätte an all dem seine Freude gehabt. Sagt jedenfalls Tim Lucas.

© SZ vom 20.07.2019/vwu
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