Süddeutsche Zeitung

Unternehmen:Wie viel Adi Dassler steckt noch in Adidas?

Seit Dassler vor 70 Jahren Adidas gründete, hat sich die Firma stark verändert. Über einen Weltkonzern, der verzweifelt versucht, die Vergangenheit zu bewahren.

Von Uwe Ritzer, Herzogenaurach

Adi Dassler hat seinen Platz gefunden, endlich. In Bronze gegossen sitzt er da, der Gründer der Firma Adidas, den rechten Arm lässig auf den Oberschenkel gestützt, die linke Hand hält einen Fußballschuh, samt eingeschraubtem Stollen. Die lebensgroße Statue wirkte lange ein bisschen verloren, fast wie im Abseits. Zunächst hockte der Bronze-Adi im kleinen Firmen-Fußballstadion einsam auf der Tribüne. Dann wechselte er auf eine Sitzbank im Park, immerhin vorm Bürofenster des Vorstandsvorsitzenden. Nun ist er im Mittelpunkt, vor der Arena.

So heißt das Gebäude, das spektakulär auf 67 schrägen Stelzen steht, und von außen mit voller Absicht an ein Stadion erinnert. Mehr als 2000 Menschen finden darin ihre Arbeitsplätze. Die Arena ist das größte und letzte Bauwerk der "World of Sports", wie sie bei Adidas ihre Konzernzentrale in Herzogenaurach nennen.

"Adi schaut genau in die Richtung, wo seine Villa steht und früher die Adidas-Fabrik war", sagt Christian Dzieia. Der groß gewachsene Mann im Adidas-T-Shirt leitet das globale Immobilienmanagement des Sportartikelkonzerns. Bevor er durch die Arena führt, bittet er auf den Walk of Fame. In dem breiten, rot gefärbten Weg sind Fußabdrücke vieler Sport-Legenden zu sehen, hinterlassen von unsterblichen Heroen im Adidas-Kosmos - Fußballern wie Lionel Messi und David Beckham, aber auch von Neuseelands Rugbyspieler Jonah Lomu oder Marathonläufer Haile Gebrselassie aus Äthiopien. Was dieses ganze Firmengelände für Adidas bedeute? "Hier ist unsere Heimat, der Ursprung, der Kern der Marke", sagt Dzieia, "unsere Welt."

Dabei ist doch nichts mehr so, wie es einmal war. Der Bronze-Adi steht für die Wurzeln des Unternehmens, für seine Identität, die DNA. Aber das Adidas von heute hat mit dem Adidas zu Lebzeiten des Adi Dassler kaum noch etwas gemeinsam, außer dem Namen. Und nirgendwo wird das so sichtbar wie hier, auf der World of Sports.

Adidas erzielt einen Umsatz von 22 Milliarden Euro, keine fünf Prozent davon in Deutschland

Aus dem fränkischen, typisch deutschen Familienunternehmen mit einem Patriarchen an der Spitze ist ein in jeder Hinsicht globaler Organismus geworden, mit mehr als 22 Milliarden Euro Umsatz, wovon Adidas keine fünf Prozent mehr in Deutschland erwirtschaftet. Knapp die Hälfte der 5600 Mitarbeiter in der Herzogenauracher Zentrale kommt aus dem Ausland, aus mehr als 100 Nationen. Vorstandschef Kasper Rorsted ist Däne, von den insgesamt sechs Vorständen sind nur noch zwei Deutsche. Alle sechs von Adidas zu "Key-Cities" erklärten Metropolen in Sachen Trends, Entwicklungen und Vertrieb sind rund um den Globus verstreut: New York, Los Angeles, London, Shanghai, Paris, Tokio; keine davon ist in Deutschland.

Wie durch ein Brennglas bündelt sich das alles in der - rechtzeitig zum 70. Unternehmensgeburtstag am 18. August vollendeten - World of Sports, die sich Adidas in den vergangenen 25 Jahren für eine Milliarde Euro geschaffen hat, am Rand und etwas oberhalb von Herzogenaurach. Ein großzügiger Campus ist entstanden, aus viel Grün, mit zahlreichen Sportanlagen und moderner Architektur von Weltniveau. Wie jener glänzende, schwarze Quader, der raffiniert und fast versenkt im Gelände das Markenzentrum beherbergt. Oder das "Halftime" mit den vielen Besprechungsräumen, die wie Turnhallen und Umkleideräume gestylt sind. Im "Laces" (auf deutsch "Schnürsenkel", weil das Bürogebäude aus der Luft so aussieht) arbeiten allein 1700 Menschen.

Innen sind die Gebäude offen, auf Kommunikation ausgerichtet. Weitläufige Zonen mit Schreibtischen wechseln sich ab mit Rückzugsräumen. Feste Arbeitsplätze gibt es nicht mehr; jeder sucht sich innerhalb seiner Abteilung sein Plätzchen. Die Arbeitszeit ist weitgehend frei einteilbar, Sport zwischendurch erwünscht. Im neuen Hauptgebäude Arena führt Christian Dzieia die 136 Stufen hinauf in den dritten Stock, wo auch die Vorstände ihre Arbeitsplätze haben. Auch hier ist alles offen und verglast.

Bis 1992 stand auf dem Gelände mit dem Ausmaß von etwa 160 Fußballfeldern eine US-Kaserne. Als der letzte GI abgezogen war, entstand auf einem kleineren Teil des Areals ein Wohngebiet. Auf dem größeren wuchs nach und nach die World of Sports. Im nächsten Jahr wird auf dem Adidas-Campus die deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der Europameisterschaft logieren und trainieren.

Jetzt ist erst einmal Dominic Thiem da. Die riesige LED-Wand im Foyer der Arena heißt den Weltklasse-Tennisprofi aus Österreich willkommen. Adidas ist sein Ausrüster und Sponsor, also ist Thiem mal eben angereist, um mit Mitarbeitern über die Idole seiner Jugend, Motivation und sportliche Ziele zu sprechen. So etwas kommt oft vor; neulich erst daddelte Serge Gnabry vom FC Bayern München mit Adidas-Leuten an der Spielkonsole.

Auch Adi Dassler liebte es, prominente Sportler zu empfangen, die seiner Firma verbunden waren. Meist lud er sie zu sich nach Hause ein, in seine Villa ein paar Autominuten entfernt von der heutigen World of Sports in der Innenstadt von Herzogenaurach. Dort saß er mit seinen Gästen im Sommer am liebsten auf der Terrasse, und Käthe, Adis Frau, servierte Kaffee und Kuchen. "Neben einem Gemüsegarten gab es eine kleine Wiese mit zwei Eishockeytoren", erinnert sich Uwe Seeler in seiner Autobiografie, selber Fußballlegende und später Adidas-Vertreter im Außendienst. "Es verging kein Treffen, ohne dass die Gäste des Hauses vor dem Abendessen zum Kicken gebeten wurden."

Die Villa steht noch. Sie ist verlassen, um nicht zu sagen, etwas vergammelt. Das Gras im Garten wuchert, der Tennisplatz ist schon lange unbespielbar. Bis vor Kurzem war die Villa Teil des letzten Adidas-Standorts inmitten von Herzogenaurach, Adresse: Adi-Dassler-Platz 1. Im April zogen die letzten hier verbliebenen 1000 Mitarbeiter auf die World of Sports um. Wo einst der Firmengründer die Stars empfing, hatte Adidas zuletzt ein Fitnessstudio für Mitarbeiter eingerichtet. Aber die Kücheneinrichtung sei noch so, wie zu Käthe Dasslers Zeiten, heißt es.

Ursprünglich wohnte die ganze Dassler-Familie in dem weißen, von Nadelbäumen, Sträuchern abgeschirmten und hinter Fabrikgebäuden versteckten Haus; im Erdgeschoss Adolf, Spitzname "Adi", und im ersten Stock sein Bruder Rudolf, jeder mit Frau und Kindern. Und ganz oben die Eltern. Bekanntlich zerstritten sich die Brüder und wurden erbitterte Rivalen, was bis heute süffigen Stoff für Spielfilme, Dokumentationen, Bücher und Artikel liefert.

1948 teilten sie ihre Gebrüder Dassler Sportschuhfabrik samt allen Vermögenswerten. Ihre Mitarbeiter durften wählen. 47 blieben bei Adi, dem man nachsagte, ein genialer Tüftler zu sein. 13 entschieden sich für Rudolf, das Marketing- und Verkaufsgenie. Rudolf gründete Puma, sein Bruder zog mit Adidas nach. Und das kleine Herzogenaurach war fortan gespalten in ein Adidas- und ein Puma-Lager.

Adi, gelernter Bäcker und erst mit zweiter Ausbildung Schuster, behielt die Familienvilla. Ein paar Schritte nur waren es von hier über den Hof in die Fabrik, wo bis 1989 Sportschuhe geschustert wurden. Da war Käthe Dassler bereits fast fünf und Adi sogar schon elf Jahre tot. Er hatte seiner Familie den größten Sportartikelhersteller der Welt hinterlassen, der nun allerdings in eine Existenzkrise schlitterte.

1987, zwei Jahre vor dem Tod seiner Mutter, war Horst Dassler, Adolf und Käthes Sohn, gestorben. Nun fehlte es an einem Nachfolger in der Familie. Horsts Schwestern verkauften die Firma. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ließen sich Sportschuhe und -bekleidung in Deutschland nicht mehr zu wettbewerbsfähigen Kosten herstellen. Also wurde die Produktion in Billiglohnländer verlagert, Tausende verloren auch bei Adidas ihre Jobs. 1993 wurde aus dem einstigen Familienbetrieb ein börsennotierter Konzern.

Als Uwe Seelers Achillessehne riss, schusterte Adi Dassler ihm einen Spezialschuh

Für die Vergangenheit sind in der World of Sports heute Martin Gebhardt und Sandra Trapp zuständig. Hinter einer grün gestrichenen und besonders gesicherten Metalltür im Untergeschoss von "Laces" hüten sie 40 000 Reliquien aus der 70-jährigen Firmengeschichte. Bei konstant 18 Grad Celsius und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit werden in hohen Regalen Schuhe, Trikots, Taschen, Tennisschläger und Bälle aufbewahrt, verpackt oder eingehüllt in säurefreien Kartons oder Papier.

Sandra Trapp streift sich weiße Handschuhe über, ehe sie besonders wertvolle Exponate anfasst: einen der beiden Fußballschuhe, in denen Fritz Walter beim WM-Endspiel 1954 kickte. Man kennt die Geschichte ja, wie Adi Dassler zum "Wunder von Bern" beitrug, indem er den deutschen Spielern leichtere und flachere Fußballschuhe verpasste, in die er neuartige Schraubstollen einzog. Auch das Asservat A F-1120 a, ein rechter Fußballschuh von Zinedine Zidane, erzählt Sportgeschichte. Der große Franzose trug ihn bei der WM 2006, samt in das Fersenteil eingeklebtem Pflaster für besseren Halt.

Dann nimmt Trapp noch ein deutsches Nationaltrikot vom Ständer. Außer der Nummer 4 sieht man die Dreckflecken aus dem Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro, wo es Benedikt Höwedes im WM-Finale 2014 trug, als er kurz vor der Halbzeitpause an den Pfosten des argentinischen Tores köpfte. "Natürlich haben wir es nicht gewaschen, sonst wäre der historische Moment kaputt", sagt Sandra Trapp.

"Bei uns bündeln sich Firmen-, Produkt-, Sport-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte", sagt Martin Gebhardt. Sie hüten in ihrem Depot nicht nur verschwitzte Trikots und ausgelatschte Schuhe aus großen Momenten des Sports. Sondern auch erfolgreiche Teile früherer Kollektionen. Denn das Archiv ist nicht nur Reliquienschrein, es ist zugleich Gedächtnis und Inspirationskammer für die Marke. Häufig holen sich Designer und Produktmanager hier Anregungen für die Zukunft.

Von Adi Dassler weiß man, dass er sich von Sportlern deren Wettkampfschuhe geben ließ, um Abrieb und andere Gebrauchsspuren zu untersuchen. Dann überlegte er, wie er sie technisch verbessern könnte. Als 1965 die Achillessehne von Uwe Seeler riss und dem Stürmer des HSV das Karriereende drohte, schusterte ihm Dassler einen Spezialschuh mit Schnürung an der Ferse. Sieben Monate später schoss Seeler Deutschland zur WM 1966.

Die Hälfte der Leute sitzt in Portland in den USA

Im "Laces" sind es nur wenige Schritte von der Vergangenheit in die Zukunft. Das "Future Lab" scheint noch besser gesichert, noch abgeschirmter zu sein vom Rest der World of Sports als die Schätze von früher. Hier trifft man Tim Lucas, einen quirligen, fröhlichen Briten aus Liverpool, der seit 20 Jahren für Adidas arbeitet. "Wir tun, was Adi Dassler früher auch tat", sagt der Ingenieur. "Wir denken ständig über neue Produkte nach und entwickeln sie. Wir schauen in die Zukunft."

Zum Beispiel auf Bildschirmen, die Verformungen von neuartigen Laufschuhsohlen simulieren. Lucas' Leute überwachen auch Maschinen und Mikroskope in runtergekühlten, fensterlosen Labors nebenan, wo kaum fingernagelgroße, weiche Kugeln pausenlos gequetscht und wieder losgelassen werden. Zusammengepresst ergeben Tausende von ihnen ein Sohlenmaterial, von dem Adidas sagt, es dämpfe nicht nur die Schritte, sondern gebe Läufern sogar Energie zurück. Und dann ist da jene graue Halle, die aussieht wie ein Filmstudio.

Überall stehen und hängen Spezialkameras und Messinstrumente. Sie registrieren bis ins winzigste Detail, wie sich etwa ein Fußball beim Schuss verformt, welche Kurve er wie schnell fliegt, oder wie seine Oberfläche auf Nässe reagiert. Im anderen Eck der Halle tritt ein Roboter-Bein samt übergestülptem Turnschuh mit den obligaten drei Streifen pausenlos seitlich auf, um herauszufinden, wie gut der Schuh das aushält. Es gibt in dieser Halle eine Wärme- und Kältekammer und eine Laufbahn für Sprinter, exakt mit jenem Belag, wie er bei Olympischen Spielen vorgeschrieben ist.

Auf dem Weg hierher hat Tim Lucas im Vorbeigehen ein paar Mitarbeiter vorgestellt. Kanadier, US-Amerikaner, Deutsche, einen Österreicher und einen Äthiopier. 120 Leute arbeiten im Future-Lab an den Adidas-Produkten der Zukunft, Sportwissenschaftler, Biomechaniker, Ingenieure, Designer. Die Hälfte der Leute sitzt in Portland in den USA. Dort und in Shanghai hat der Konzern seine beiden wichtigsten Standorte jenseits von Herzogenaurach. Adi Dassler hätte an all dem seine Freude gehabt. Sagt jedenfalls Tim Lucas.

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Quelle:
SZ vom 20.07.2019/vwu
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