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Unternehmen:Wie viel Adi Dassler steckt noch in Adidas?

Wie ein Fußballstadion steht die vom Architekturbüro Behnisch geplante Arena, das größte und letzte Gebäude der World of Sports, auf Stelzen.

(Foto: Jonathan Danko Kielkowski)

Seit Dassler vor 70 Jahren Adidas gründete, hat sich die Firma stark verändert. Über einen Weltkonzern, der verzweifelt versucht, die Vergangenheit zu bewahren.

Adi Dassler hat seinen Platz gefunden, endlich. In Bronze gegossen sitzt er da, der Gründer der Firma Adidas, den rechten Arm lässig auf den Oberschenkel gestützt, die linke Hand hält einen Fußballschuh, samt eingeschraubtem Stollen. Die lebensgroße Statue wirkte lange ein bisschen verloren, fast wie im Abseits. Zunächst hockte der Bronze-Adi im kleinen Firmen-Fußballstadion einsam auf der Tribüne. Dann wechselte er auf eine Sitzbank im Park, immerhin vorm Bürofenster des Vorstandsvorsitzenden. Nun ist er im Mittelpunkt, vor der Arena.

So heißt das Gebäude, das spektakulär auf 67 schrägen Stelzen steht, und von außen mit voller Absicht an ein Stadion erinnert. Mehr als 2000 Menschen finden darin ihre Arbeitsplätze. Die Arena ist das größte und letzte Bauwerk der "World of Sports", wie sie bei Adidas ihre Konzernzentrale in Herzogenaurach nennen.

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"Adi schaut genau in die Richtung, wo seine Villa steht und früher die Adidas-Fabrik war", sagt Christian Dzieia. Der groß gewachsene Mann im Adidas-T-Shirt leitet das globale Immobilienmanagement des Sportartikelkonzerns. Bevor er durch die Arena führt, bittet er auf den Walk of Fame. In dem breiten, rot gefärbten Weg sind Fußabdrücke vieler Sport-Legenden zu sehen, hinterlassen von unsterblichen Heroen im Adidas-Kosmos - Fußballern wie Lionel Messi und David Beckham, aber auch von Neuseelands Rugbyspieler Jonah Lomu oder Marathonläufer Haile Gebrselassie aus Äthiopien. Was dieses ganze Firmengelände für Adidas bedeute? "Hier ist unsere Heimat, der Ursprung, der Kern der Marke", sagt Dzieia, "unsere Welt."

Dabei ist doch nichts mehr so, wie es einmal war. Der Bronze-Adi steht für die Wurzeln des Unternehmens, für seine Identität, die DNA. Aber das Adidas von heute hat mit dem Adidas zu Lebzeiten des Adi Dassler kaum noch etwas gemeinsam, außer dem Namen. Und nirgendwo wird das so sichtbar wie hier, auf der World of Sports.

Adidas erzielt einen Umsatz von 22 Milliarden Euro, keine fünf Prozent davon in Deutschland

Aus dem fränkischen, typisch deutschen Familienunternehmen mit einem Patriarchen an der Spitze ist ein in jeder Hinsicht globaler Organismus geworden, mit mehr als 22 Milliarden Euro Umsatz, wovon Adidas keine fünf Prozent mehr in Deutschland erwirtschaftet. Knapp die Hälfte der 5600 Mitarbeiter in der Herzogenauracher Zentrale kommt aus dem Ausland, aus mehr als 100 Nationen. Vorstandschef Kasper Rorsted ist Däne, von den insgesamt sechs Vorständen sind nur noch zwei Deutsche. Alle sechs von Adidas zu "Key-Cities" erklärten Metropolen in Sachen Trends, Entwicklungen und Vertrieb sind rund um den Globus verstreut: New York, Los Angeles, London, Shanghai, Paris, Tokio; keine davon ist in Deutschland.

Wie durch ein Brennglas bündelt sich das alles in der - rechtzeitig zum 70. Unternehmensgeburtstag am 18. August vollendeten - World of Sports, die sich Adidas in den vergangenen 25 Jahren für eine Milliarde Euro geschaffen hat, am Rand und etwas oberhalb von Herzogenaurach. Ein großzügiger Campus ist entstanden, aus viel Grün, mit zahlreichen Sportanlagen und moderner Architektur von Weltniveau. Wie jener glänzende, schwarze Quader, der raffiniert und fast versenkt im Gelände das Markenzentrum beherbergt. Oder das "Halftime" mit den vielen Besprechungsräumen, die wie Turnhallen und Umkleideräume gestylt sind. Im "Laces" (auf deutsch "Schnürsenkel", weil das Bürogebäude aus der Luft so aussieht) arbeiten allein 1700 Menschen.

Bei Adidas hat man ausgerechnet: Wer jeden Arbeitstag alle 136 Treppenstufen in der Arena hoch und runter läuft, verbraucht im Jahr so viel Energie wie beim Marathonlauf.

(Foto: Marc Pfeiffer)

Innen sind die Gebäude offen, auf Kommunikation ausgerichtet. Weitläufige Zonen mit Schreibtischen wechseln sich ab mit Rückzugsräumen. Feste Arbeitsplätze gibt es nicht mehr; jeder sucht sich innerhalb seiner Abteilung sein Plätzchen. Die Arbeitszeit ist weitgehend frei einteilbar, Sport zwischendurch erwünscht. Im neuen Hauptgebäude Arena führt Christian Dzieia die 136 Stufen hinauf in den dritten Stock, wo auch die Vorstände ihre Arbeitsplätze haben. Auch hier ist alles offen und verglast.

Bis 1992 stand auf dem Gelände mit dem Ausmaß von etwa 160 Fußballfeldern eine US-Kaserne. Als der letzte GI abgezogen war, entstand auf einem kleineren Teil des Areals ein Wohngebiet. Auf dem größeren wuchs nach und nach die World of Sports. Im nächsten Jahr wird auf dem Adidas-Campus die deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der Europameisterschaft logieren und trainieren.

Jetzt ist erst einmal Dominic Thiem da. Die riesige LED-Wand im Foyer der Arena heißt den Weltklasse-Tennisprofi aus Österreich willkommen. Adidas ist sein Ausrüster und Sponsor, also ist Thiem mal eben angereist, um mit Mitarbeitern über die Idole seiner Jugend, Motivation und sportliche Ziele zu sprechen. So etwas kommt oft vor; neulich erst daddelte Serge Gnabry vom FC Bayern München mit Adidas-Leuten an der Spielkonsole.

Adolf Dassler

Firmengründer Adi Dassler (1900-1978), montiert Schraubstollen.

(Foto: SZ Photo)

Auch Adi Dassler liebte es, prominente Sportler zu empfangen, die seiner Firma verbunden waren. Meist lud er sie zu sich nach Hause ein, in seine Villa ein paar Autominuten entfernt von der heutigen World of Sports in der Innenstadt von Herzogenaurach. Dort saß er mit seinen Gästen im Sommer am liebsten auf der Terrasse, und Käthe, Adis Frau, servierte Kaffee und Kuchen. "Neben einem Gemüsegarten gab es eine kleine Wiese mit zwei Eishockeytoren", erinnert sich Uwe Seeler in seiner Autobiografie, selber Fußballlegende und später Adidas-Vertreter im Außendienst. "Es verging kein Treffen, ohne dass die Gäste des Hauses vor dem Abendessen zum Kicken gebeten wurden."

Die Villa steht noch. Sie ist verlassen, um nicht zu sagen, etwas vergammelt. Das Gras im Garten wuchert, der Tennisplatz ist schon lange unbespielbar. Bis vor Kurzem war die Villa Teil des letzten Adidas-Standorts inmitten von Herzogenaurach, Adresse: Adi-Dassler-Platz 1. Im April zogen die letzten hier verbliebenen 1000 Mitarbeiter auf die World of Sports um. Wo einst der Firmengründer die Stars empfing, hatte Adidas zuletzt ein Fitnessstudio für Mitarbeiter eingerichtet. Aber die Kücheneinrichtung sei noch so, wie zu Käthe Dasslers Zeiten, heißt es.

Ursprünglich wohnte die ganze Dassler-Familie in dem weißen, von Nadelbäumen, Sträuchern abgeschirmten und hinter Fabrikgebäuden versteckten Haus; im Erdgeschoss Adolf, Spitzname "Adi", und im ersten Stock sein Bruder Rudolf, jeder mit Frau und Kindern. Und ganz oben die Eltern. Bekanntlich zerstritten sich die Brüder und wurden erbitterte Rivalen, was bis heute süffigen Stoff für Spielfilme, Dokumentationen, Bücher und Artikel liefert.

1948 teilten sie ihre Gebrüder Dassler Sportschuhfabrik samt allen Vermögenswerten. Ihre Mitarbeiter durften wählen. 47 blieben bei Adi, dem man nachsagte, ein genialer Tüftler zu sein. 13 entschieden sich für Rudolf, das Marketing- und Verkaufsgenie. Rudolf gründete Puma, sein Bruder zog mit Adidas nach. Und das kleine Herzogenaurach war fortan gespalten in ein Adidas- und ein Puma-Lager.

Adi, gelernter Bäcker und erst mit zweiter Ausbildung Schuster, behielt die Familienvilla. Ein paar Schritte nur waren es von hier über den Hof in die Fabrik, wo bis 1989 Sportschuhe geschustert wurden. Da war Käthe Dassler bereits fast fünf und Adi sogar schon elf Jahre tot. Er hatte seiner Familie den größten Sportartikelhersteller der Welt hinterlassen, der nun allerdings in eine Existenzkrise schlitterte.

1987, zwei Jahre vor dem Tod seiner Mutter, war Horst Dassler, Adolf und Käthes Sohn, gestorben. Nun fehlte es an einem Nachfolger in der Familie. Horsts Schwestern verkauften die Firma. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ließen sich Sportschuhe und -bekleidung in Deutschland nicht mehr zu wettbewerbsfähigen Kosten herstellen. Also wurde die Produktion in Billiglohnländer verlagert, Tausende verloren auch bei Adidas ihre Jobs. 1993 wurde aus dem einstigen Familienbetrieb ein börsennotierter Konzern.