Abgasaffäre:Lebte Stadler in seiner eigenen Realität?

Ob Stadler selbst die Behörden jenseits des Atlantiks hinters Licht führen wollte, oder ob er von seinen eigenen Leuten hinters Licht geführt wurde, bedarf noch der Aufklärung.

Vielleicht aber ist auch alles ganz einfach. Die Wolfsburger Konzernmutter Volkswagen wollte damals einen schnellen Deal mit den US-Behörden, um in Übersee Ruhe zu haben. VW und Audi mussten also intern herausfinden, welche Diesel-Fahrzeuge für den amerikanischen Markt wie manipuliert worden waren. Bei Stadlers Videokonferenz vom Mai 2016 soll es ausschließlich um Vorgänge in den USA gegangen sein. Dort zahlte Volkswagen am Ende mehr als 20 Milliarden Dollar. Hauptsache, Deckel drauf.

Manchmal wird es grotesk bei den Vernehmungen

In Europa hingegen lautet die Taktik von VW: Nichts zugeben, kein Schadenersatz für Autokäufer. Stadler soll in dem Videogespräch nicht nach Fahrzeugen gefragt haben, die für den Markt in Europa produziert wurden. Interessierte das damals niemanden? Sollten mutmaßliche Verstöße in Deutschland nicht aufgeklärt werden, um diesen Kunden nichts zahlen zu müssen?

Es gibt im Wirtschaftsleben immer wieder Augenblicke, da liegt zwischen Niederlage und Sieg nur ein Wimpernschlag. In der Regel setzt sich der Kaltblütige, der Stratege durch und schafft sich seine Realität. Lebte Stadler in seiner eigenen Realität? Die Staatsanwaltschaft jedenfalls wirft ihm vor, Hinweisen auf hiesige Abgasmanipulationen nicht rechtzeitig nachgegangen zu sein und so bewusst in Kauf genommen zu haben, dass europäische Kunden weiter betrogen worden seien.

Einer dieser Hinweise stammt aus der Vernehmung eines Audi-Managers im April 2018. Einer Vernehmung, die ungewöhnlich verlief. Insofern ungewöhnlich, weil der Automann, der bei der Videokonferenz mit Neckarsulm an Stadlers Seite saß und Mitglied der Ingolstädter Task-Force zur Aufklärung der Abgasaffäre ist, gleich zwei Mal von Gefühlen redete. Er habe nicht das Gefühl gehabt, dass ein Mantel des Schweigens über Europa gelegt werden sollte, sagte der Mann aus der Task-Force. Er habe das Gefühl gehabt, dass die von VW und Audi beauftragte amerikanische Kanzlei Jones Day auch die europäischen Sachverhalte mit aufkläre.

Diese Gefühlsduselei konnten die Ermittler schwer nachvollziehen. Im Mai 2016 hatten Anwälte von Jones Day die Staatsanwaltschaft aufgesucht und erklärt, der Schwerpunkt der Untersuchungen liege auf den USA. Europa solle "nur mitgenommen werden". So steht es in einem Vermerk der Ermittler. Wusste die Task-Force das nicht? Merkwürdig auch, dass die Task-Force, die sich zunächst um die Verstöße in den USA und dann um dreckige Fahrzeuge für Europa kümmerte, keine Mitarbeiter befragen, sondern nur technische Aufarbeitung leisten soll. Wer das angeordnet habe, wollten die Ermittler wissen. Die Antwort: der Vorstand.

Erst Panik und Vertuschung bei Audi, und dann: Aufklärung mit angezogener Handbremse? Audi schlingert. Oder übertreiben die Ermittler mit ihren Verdächtigungen? Audi entgegnet den Vorwürfen gegen den beurlaubten Vorstandschef, auch für Stadler gelte die Unschuldsvermutung. Stadler hat wiederholt beteuert, er sei nicht in die Affäre verstrickt. Sehr viel mehr hat er seit Beginn des Skandals in der Öffentlichkeit nicht dazu gesagt.

Bleibt die Frage: Was ist echt, was ist falsch, was dient der Aufklärung und was ist Dekoration?

© SZ vom 30.06.2018/hgn
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