Süddeutsche Zeitung

Abgasaffäre:Was wusste Audi-Chef Rupert Stadler?

Mal soll Stadler Mitarbeiter gedrängt haben, reinen Tisch zu machen. Er könnte auch von seinen eigenen Leuten hinters Licht geführt worden sein. Oder lebte der Audi-Chef in einer eigenen Realität? Der Wirtschaftskrimi hat viele Facetten.

Von Hans Leyendecker und Klaus Ott

In großen Wirtschaftskrimis geben manchmal die kleinen Dinge Rätsel auf. Auch erfahrene Ermittler brauchen dann eine Weile, um herauszufinden, was echt ist und was Täuschung war. Ein solches Rätsel ist im Fall Audi eine Videoschalte, die im Mai 2016 stattfand. Vorstandschef Rupert Stadler ließ sich in einer dringenden Angelegenheit mit dem Werk in Neckarsulm verbinden. Dort laufen die Modelle A4 bis A8 vom Band und dort werden auch Diesel-, Otto- und Rennsportmotoren entwickelt. Stadler ist Betriebswirt und kein Ingenieur, er wollte vor allem erfahren, in welchem Ausmaß Audi verwickelt war in die Abgasaffäre der Konzernmutter VW.

Der Vorstandschef und ein Mitarbeiter einer eigens eingerichteten Task-Force ließen sich zusammenschalten mit zwei führenden Spezialisten aus der Abgasnachbehandlung. Zwei Mitarbeitern, die nach Erkenntnissen von internen Ermittlern bei Audi gemeinsam mit anderen Technikern den Schadstoffausstoß von Dieselfahrzeugen jahrelang manipuliert haben sollen. Der Vorstandschef drängte die beiden, reinen Tisch zu machen. Einer der beiden sagte später bei der Staatsanwaltschaft München II aus, das Videogespräch mit Stadler sei für ihn eine Erleichterung gewesen. Jetzt habe er nichts mehr verstecken müssen. Er habe schließlich Rückendeckung vom "großen Chef" gehabt. Stadlers Wort war für die meisten Gesetz. Was er sagte, machte im Betrieb schnell die Runde.

Ist Stadler also eigentlich ein Aufklärer, ein Saubermann sogar? Auf den ersten Blick scheint die Episode mit der in der Konzerngeschichte einmaligen Videoschalte so gar nicht zu den Vorwürfen der im Fall Audi ermittelnden Staatsanwaltschaft München II zu passen. Der vom Unternehmen beurlaubte Vorstandschef sitzt seit Kurzem in Untersuchungshaft, weil die Staatsanwaltschaft ihm Vertuschung vorwirft. Die Ermittler hatten sein Telefon abgehört. Stadler soll im Gespräch mit einem Kollegen von Porsche, einer anderen VW-Tochter, Überlegungen angestellt haben, einen Audi-Mitarbeiter beurlauben zu lassen. Einen Mitarbeiter, der zuvor mit der Staatsanwaltschaft München II gesprochen haben soll, was Stadler ihm offenbar übel nahm. Wie aber passt der reine Tisch zur angeblichen Vertuschung?

Die Sache mit der CD

Aus Sicht der Ermittler, heißt es in Kreisen von Verfahrensbeteiligten, sei das alles kein Widerspruch. Dass da in Neckarsulm jemand war, der früh auspacken wollte, ist den Strafverfolgern von der Ingolstädter VW-Tochter offenbar nie gesagt worden. Dabei hatte die Münchner Behörde den Verantwortlichen bei Audi frühzeitig signalisiert, dass man für jeden Hinweis dankbar sei, lange vor der Videoschalte. Da hatten die Münchner noch kein Ermittlungsverfahren eingeleitet, sondern prüften im Fall Audi erst, ob sie sich der Sache überhaupt annehmen sollten.

In der Wirtschaftswelt gibt es den Maschinenraum und die Beletage. Der Fachmann für die Diesel-Sauereien aus Neckarsulm ist Ingenieur und kennt sich mit Maschinen aus. Dass er nicht selber zur Staatsanwaltschaft gegangen ist, lässt sich nachvollziehen. Dass Audi die Ermittler nicht auf seine Aussagebereitschaft hingewiesen haben soll, ist bemerkenswert.

Dass da einer ist, der gerne auspacken wollte, haben die Strafverfolger erst gemerkt, als sie von sich aus tätig wurden und im März 2017 Audi durchsuchten. Die Ermittler klingelten auch bei dem Abgas-Spezialisten aus Neckarsulm. Der übergab gleich eine CD; mit den Worten, das sei bestimmt interessant. Der Inhalt der CD beginne mit dem Jahr 2005, da sei es losgegangen mit der ganzen Sache. Gemeint waren die Abgasmanipulationen.

In den labyrinthischen Korridoren dieses ungewöhnlichen Wirtschaftskrimis kann man sich ziemlich leicht verirren. Zur besseren Übersicht ein paar Zahlen: Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt im Fall Audi inzwischen gegen 20 Beschuldigte. Sie sollen Autokunden betrogen haben, indem denen dreckige Fahrzeuge mit weit überhöhten, gesundheitsschädlichen Stickoxidwerten als sauber verkauft worden seien. Die Verdächtigen: Das sind zwei aktuelle und zwei ehemalige Vorstandsmitglieder mit Stadler an der Spitze; das sind mehrere meist ehemalige Bereichs- und Abteilungsleiter; und Mitarbeiter aus Sparten wie Abgasnachbehandlung, Thermodynamik oder Zulassung. Lediglich vier der zwanzig Beschuldigten gelten als aussagefreudig. Stadler wird in Kreisen von Verfahrensbeteiligten bislang nicht zu diesen vier Verdächtigen gerechnet, die freimütig berichten. Der beurlaubte Vorstandschef ist aber auch erst ein Mal vernommen worden. Nächste Woche geht es weiter.

"Wir sind tot"

Als wahre Fundgrube für die Ermittler erweist sich der Abgasspezialist aus Neckarsulm, der mit der CD. Er ist einer der Empfänger jener in den Medien vielmals zitierten Mail von Anfang 2008, in der einer der Kollegen aus der Abgasnachbehandlung geschrieben hatte, "ganz ohne Bescheißen" werde man es nicht schaffen.

Es ging um die strengen Stickoxid-Grenzwerte in den USA. Der Abgasspezialist aus Neckarsulm berichtete den Staatsanwälten im Detail, wie die Manipulationen begonnen hätten. Wie Audi jenes sogenannte Defeat Device mit entwickelt habe, mit der die Schadstoffreinigung bei den offiziellen Messungen der Behörden auf einem Prüfstand wunderbar funktionierte, aber im Straßenverkehr weitgehend ausgeschaltet wurde. Um bei Kosten und Wartung der Dieselautos zu sparen. Vor allem aber schilderte der Abgasspezialist sehr anschaulich, was bei Audi los gewesen sei, nachdem US-Behörden im September 2015 den Abgasbetrug bei der Konzernmutter VW öffentlich gemacht hatten.

In den in die Affäre verwickelten Abteilungen bei Audi habe Panik geherrscht, wegen der eigenen "Leichen im Keller". Daten und Unterlagen seien gelöscht und geschreddert worden. Einer der Vorgesetzten habe gebrüllt: "Wir sind tot." Der Abgasspezialist will intern vorgeschlagen haben, die "Hosen runterzulassen". Er sei aber zurückgepfiffen worden. Als die US-Behörden wissen wollten, ob auch Audi manipuliert habe, seien intern immer neue Papiere verfasst und immer mehr entschärft worden. Die Präsentation, die Vorstandschef Stadler schließlich Mitte November 2015 in den USA vorgelegt habe, sei Version 26 gewesen.

Lebte Stadler in seiner eigenen Realität?

Ob Stadler selbst die Behörden jenseits des Atlantiks hinters Licht führen wollte, oder ob er von seinen eigenen Leuten hinters Licht geführt wurde, bedarf noch der Aufklärung.

Vielleicht aber ist auch alles ganz einfach. Die Wolfsburger Konzernmutter Volkswagen wollte damals einen schnellen Deal mit den US-Behörden, um in Übersee Ruhe zu haben. VW und Audi mussten also intern herausfinden, welche Diesel-Fahrzeuge für den amerikanischen Markt wie manipuliert worden waren. Bei Stadlers Videokonferenz vom Mai 2016 soll es ausschließlich um Vorgänge in den USA gegangen sein. Dort zahlte Volkswagen am Ende mehr als 20 Milliarden Dollar. Hauptsache, Deckel drauf.

Manchmal wird es grotesk bei den Vernehmungen

In Europa hingegen lautet die Taktik von VW: Nichts zugeben, kein Schadenersatz für Autokäufer. Stadler soll in dem Videogespräch nicht nach Fahrzeugen gefragt haben, die für den Markt in Europa produziert wurden. Interessierte das damals niemanden? Sollten mutmaßliche Verstöße in Deutschland nicht aufgeklärt werden, um diesen Kunden nichts zahlen zu müssen?

Es gibt im Wirtschaftsleben immer wieder Augenblicke, da liegt zwischen Niederlage und Sieg nur ein Wimpernschlag. In der Regel setzt sich der Kaltblütige, der Stratege durch und schafft sich seine Realität. Lebte Stadler in seiner eigenen Realität? Die Staatsanwaltschaft jedenfalls wirft ihm vor, Hinweisen auf hiesige Abgasmanipulationen nicht rechtzeitig nachgegangen zu sein und so bewusst in Kauf genommen zu haben, dass europäische Kunden weiter betrogen worden seien.

Einer dieser Hinweise stammt aus der Vernehmung eines Audi-Managers im April 2018. Einer Vernehmung, die ungewöhnlich verlief. Insofern ungewöhnlich, weil der Automann, der bei der Videokonferenz mit Neckarsulm an Stadlers Seite saß und Mitglied der Ingolstädter Task-Force zur Aufklärung der Abgasaffäre ist, gleich zwei Mal von Gefühlen redete. Er habe nicht das Gefühl gehabt, dass ein Mantel des Schweigens über Europa gelegt werden sollte, sagte der Mann aus der Task-Force. Er habe das Gefühl gehabt, dass die von VW und Audi beauftragte amerikanische Kanzlei Jones Day auch die europäischen Sachverhalte mit aufkläre.

Diese Gefühlsduselei konnten die Ermittler schwer nachvollziehen. Im Mai 2016 hatten Anwälte von Jones Day die Staatsanwaltschaft aufgesucht und erklärt, der Schwerpunkt der Untersuchungen liege auf den USA. Europa solle "nur mitgenommen werden". So steht es in einem Vermerk der Ermittler. Wusste die Task-Force das nicht? Merkwürdig auch, dass die Task-Force, die sich zunächst um die Verstöße in den USA und dann um dreckige Fahrzeuge für Europa kümmerte, keine Mitarbeiter befragen, sondern nur technische Aufarbeitung leisten soll. Wer das angeordnet habe, wollten die Ermittler wissen. Die Antwort: der Vorstand.

Erst Panik und Vertuschung bei Audi, und dann: Aufklärung mit angezogener Handbremse? Audi schlingert. Oder übertreiben die Ermittler mit ihren Verdächtigungen? Audi entgegnet den Vorwürfen gegen den beurlaubten Vorstandschef, auch für Stadler gelte die Unschuldsvermutung. Stadler hat wiederholt beteuert, er sei nicht in die Affäre verstrickt. Sehr viel mehr hat er seit Beginn des Skandals in der Öffentlichkeit nicht dazu gesagt.

Bleibt die Frage: Was ist echt, was ist falsch, was dient der Aufklärung und was ist Dekoration?

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Quelle:
SZ vom 30.06.2018/hgn
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