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Mobilität:Bahnunternehmen Abellio kämpft gegen die Pleite

Abellio

Nächster Halt: Witten in Westfalen. Abellio-Züge sind etwa in NRW unterwegs.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Die Lage des öffentlichen Nahverkehrs ist ernst: Der ÖPNV-Anbieter Abellio beantragt ein Schutzschirmverfahren und fordert Hilfen vom Staat - und zwar nicht wegen Corona.

Von Markus Balser, Berlin

Auf der eigenen Webseite ist das Bahnunternehmen Abellio ziemlich optimistisch. "Lohnt es sich weiterhin, Abellio-Fahrkarten zu kaufen?", fragt es die eigenen Passagiere und liefert die Antwort gleich mit: "Natürlich! Kein Problem!" Letzteres ist allerdings nur bedingt richtig. Denn Abellio hat gerade ein ziemlich großes Problem. Die Firma mit Sitz in Berlin, die in Deutschland 52 Zuglinien vor allem in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Baden-Württemberg betreibt und 3100 Beschäftigte hat, kämpft gegen die Pleite.

Am Mittwochabend löste das Bahnunternehmen bei Passagieren und in der Politik große Sorgen aus. Abellio teilte mit, dass es ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg beantragt habe. So wird ein Sanierungsverfahren im Rahmen des Insolvenzrechts genannt, bei dem das Management an Bord bleibt und durch gerichtlich bestellte Sanierungsspezialisten unterstützt wird. Um Finanzengpässe zu lindern, zahlt die Bundesagentur für Arbeit für drei Monate die Löhne und Gehälter. Danach soll die Firma dies selbst wieder übernehmen. Der Deutschland-Chef von Abellio, Michiel Noy, kündigte an, dass der Bahnbetrieb unvermindert weiter gehe. Auch die Bezahlung der Beschäftigten sei gesichert.

Die massiven Probleme offenbaren, wie dünn die Luft derzeit für manche Anbieter des öffentlichen Nahverkehrs ist. Dabei soll der doch gerade ausgebaut werden und in den nächsten Jahren besonders in den großen Städten deutlich mehr Passagiere transportieren. Die Schieflage von Abellio hat nicht mal mit den leeren Zügen während der Pandemie zu tun. Die Verkehrsverbünde zahlten die Betreiber weiter.

Das Unternehmen begründet die angespannte finanzielle Situation mit "massiven Kostenentwicklungen, die nicht ausreichend von den einzelnen Verkehrsverträgen gedeckt sind". Es verweist unter anderem auf höhere Personalkosten und Baustellen-Folgekosten - damit gemeint sind Schienenersatzverkehre und Strafzahlungen wegen Zugausfällen oder nicht erreichter Pünktlichkeitsvorgaben. Solche Mehrkosten seien nicht vorhersehbar gewesen, als Abellio die Verkehrsverträge unterschrieben habe, argumentiert das Unternehmen.

Die Rekordzahl der Bahn-Baustellen gilt für viele Verkehrsbetriebe als Problem. Die Sanierung des teils maroden Bahnnetzes löse finanzielle Probleme aus, warnt auch Matthias Stoffregen. Er ist der Geschäftsführer von Mofair, dem Interessenverband privater Verkehrsunternehmen im Schienenpersonenverkehr. "Verspätungen durch Baustellen führen zu Einbußen, ohne dass die Unternehmen etwas dafür können", sagt Stoffregen. Die Baustellen plane ja die Deutsche Bahn und löse bei den Bahnbetreibern dann Mindereinnahmen aus. Denn bezahlt werden die in vielen Verträgen auch nach dem Kriterium, inwieweit der Fahrplan eingehalten wird. Gelingt das nicht, fließt weniger Geld.

Für die Zukunft des Unternehmens beginnen nun entscheidende Wochen

Beteiligte werfen allerdings auch die Frage auf, welchen Anteil Abellio selbst an der Misere hat. Denn in der Vergangenheit sei bei der Vergabe mit sehr spitzem Bleistift gerechnet worden, um überhaupt an Aufträge für den Betrieb von Nahverkehrslinien zu kommen. Das gesteht ein Insider ein. Von Nachforderungen durch Abellio im zweistelligen Millionenbereich insgesamt ist die Rede. Man werde nicht jeden Wunsch des Unternehmens erfüllen können, heißt es aus beteiligten Landesregierungen. Üppige Nachzahlungen würden dem Vergaberecht widersprechen. Unterlegene Konkurrenten fänden es wohl zu recht unfair, wenn ein günstiger Anbieter im Nachhinein teurer würde. Abellio müsse nun genau belegen, welche Kosten wirklich überraschend aufgetreten seien, heißt es aus Landesregierungen.

Damit beginnen für die Zukunft des Unternehmens entscheidende Wochen. Die Politik scheint zu Hilfen bereit, will aber nicht jeden Preis zahlen. So hatte NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) vergangene Woche im Landtag Hilfsbereitschaft signalisiert. Wie genau, blieb offen. Damit ist nicht sicher, dass Abellio nach dem Schutzschirmverfahren aus eigener Kraft weiter machen kann.

Die niederländische Staatsbahn, die hinter Abellio steht, will für Verluste jedenfalls nicht mehr dauerhaft aufkommen. Sie steckt ihrerseits in der Klemme. Die Staatsbahn Nederlandse Spoorwegen transportierte wie viele andere europäische Bahnen im vergangenen Jahr coronabedingt zeitweise nur zehn Prozent der sonst üblichen Passagiere und leidet unter Milliardeneinbußen. Die Holding habe bislang Verluste ausgeglichen, heißt es in einer Mitteilung von Abellio. "Eine dauerhafte Kompensation der Defizite in den langjährig laufenden Verkehrsverträgen durch den Abellio-Mutterkonzern ist jedoch nicht tragbar."

© SZ/pauw
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