16. Januar 2012, 09:15 Vorwahl US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, die Heuschrecke

Er ist der Favorit im Wettbewerb um die republikanische US-Präsidentschaftskandidatur. Doch jetzt sprechen Romneys Gegner in der eigenen Partei: In einem Video attackieren sie ihn wegen seiner Karriere bei einem großen Finanzinvestor - eine regelrechte Hinrichtung. Die Republikaner streiten nun über die guten und die schlechten Seiten des Kapitalismus.

Von Nikolaus Piper, New York

Der Film erinnert in seiner Machart an den linken Regisseur Michael Moore: Unidentifizierte Männer und Frauen schildern ihr Schicksal, Arbeitslosigkeit und Armut, und sie behaupten dann: "Ich habe begriffen, dass dieser Mann unser Leben zerstört hat." Man sieht Koffer voller Hundert-Dollar-Noten und hört den Kommentar: "Man weiß nicht, was größer war, seine Gier oder die Bereitschaft, alles für einen hohen Gewinn zu tun."

Mitt Romney ist der Favorit im Wettbewerb um die US-Präsidentschaftskandidatur. Doch jetzt attackieren ihn seine Gegner.

(Foto: REUTERS)

Das 20-Minuten-Video "When Mitt Romney Came to Town", zu deutsch: Als Mitt Romney in unsere Stadt kam, auf der Youtube ist Wahlkampf vom Feinsten: Romney, der Favorit im Wettbewerb um die republikanische Präsidentschaftskandidatur, wird darin ob seiner Karriere beim Finanzinvestor Bain Capital regelrecht hingerichtet - als Mann, der "an der größten Vernichtung von Jobs in Amerika seit dem Zweiten Weltkrieg" teilgenommen hat. Die Macher des Filmchens allerdings sind weder Michael Moore, noch die amerikanischen Gewerkschaften, noch die Demokratische Partei; sie kommen aus dem Umfeld des konservativen Kandidaten Newt Gingrich.

Es ist eine der erstaunlichsten Phänomene dieses Vorwahlkampfs: Die weit nach rechts gerückte Republikanische Partei streitet sich über die guten und schlimmen Seiten des Kapitalismus. Wobei der nicht ganz so konservative Romney vom äußerst rechten Newt Gingrich des Raubtierkapitalismus bezichtigt wird. Romney führt das Feld der Bewerber unter den Republikanern bei den Meinungsumfragen klar an, mit 26,2 Prozent vor Gingrich (16,2 Prozent) und dem Sozialkonservativen Rick Santorum (15,8 Prozent). Die Frage wird sein, ob es Romneys Gegnern noch gelingt, seinen Sieg dadurch zu verhindern, dass sie ihn als "Heuschrecke" diffamieren, wie man in Deutschland sagen würde.

Romneys Hauptargument im Wahlkampf ist die Aussage: Ich habe Erfahrung in der Wirtschaft gesammelt, im Gegensatz zu meinen Konkurrenten und vor allem zu Präsident Barack Obama. Ich weiß nicht nur, wie man Jobs schafft, ich habe selbst 100 000 davon geschaffen. Sein Wahlprogramm ist in Fragen der Wirtschaftspolitik klar konservativ, aber nicht so unrealistisch wie das seiner Konkurrenten.

Romney ist für Freihandel, verlangt aber ein hartes Vorgehen gegen China, sollte die Volksrepublik die Regeln verletzen. Er verspricht eine große Steuerreform, nicht aber weitere umfassende Steuersenkungen, die nur das Defizit vergrößern würden. Er fordert eine radikale Deregulierung, den Abbau von Umwelt- und Arbeitsvorschriften und die Öffnung bisher verschlossener Gebiete der USA für die Öl- und Gasindustrie. Und er hält den europäischen Sozialstaat für eines der größten Übel schlechthin.

All das tritt momentan aber in den Hintergrund ob der Frage: Wie schlimm war Romney als Finanzinvestor? 1983 gründete er, damals 37 Jahre alt, in Boston den Finanzinvestor Bain Capital. Die Firma ging hervor aus der Unternehmensberatung Bain & Company, in der Romney zuvor mehrere Jahre gearbeitet hatte. Bain Capital stieg in das damals noch sehr junge Geschäft der schuldenfinanzierten Firmenübernahmen ein. Das Modell ist heute wohlbekannt: Der Investor sucht eine schwache Firma mit Potential, besorgt Kapital auf dem Markt, erwirbt das Unternehmen, probiert es zu sanieren und mit hohem Gewinn zu verkaufen. Als Romney Bain Capital 1999 verließ, um die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City zu organisieren, hatte er nach Schätzungen amerikanischer Medien bis zu 150 derartiger Deals verantwortet und ein Vermögen von 190 bis 250 Millionen Dollar gemacht.

Viele Projekte von Bain aus der Ära Romney waren unstrittig ein Erfolg: Staples, eine Einzelhandelskette für Bürobedarf, wurde von einer kleinen Firmengründung zu einem global operierenden Unternehmen. Auch die Schnellrestaurantkette Domino's Pizza, der Sportausstatter Sports Authority und in Deutschland Jack Wolfskin, ein Hersteller von Outdoorbekleidung, waren unternehmerische Erfolge.

Mitt Romney grüßt seine Fans. Er habe im Gegensatz zu seinen Konkurrenten Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt.

(Foto: AFP)

Es gibt jedoch auch eine andere Seite: Firmen, die unter großen Opfern der Belegschaft umstrukturiert wurden und dann doch beim Konkursrichter landeten. Ein Beispiel, das Romneys Gegner immer zitieren, ist Dade, ein Hersteller von Medizintechnik aus Deerfield in Illinois. Bain erwarb Dade 1994, und das Unternehmen konnte damals wirklich Erneuerung gebrauchen. Dades Hauptprodukt, einfache Geräte für Bluttests, verkauften sich gut, hatten aber technische Probleme.

Die Investoren waren auch unter der Belegschaft anfangs willkommen. "Was Bain in die Firma gebracht hat, war ein Gefühl für Dringlichkeit", sagte ein früherer Mitarbeiter der New York Times. Bain finanzierte sogar Übernahmen: Dade erwarb eine Diagnostikfirma sowie Behring, einen deutschen Spezialisten für medizinische Tests. Doch schneller als Umsatz und Gewinn stiegen die Schulden des Unternehmens. Das Management war gezwungen, Kosten zu senken; die Löhne und Betriebsrenten wurden gekürzt, zwei Fabriken geschlossen. 2002 beantragte Dade Gläubigerschutz.

Dade ist kein Einzelfall. Mindestens drei weitere Unternehmen mussten Konkurs anmelden, nachdem Bain sie mit Gewinn verkauft hatte: American Pad & Paper, ein Büroartikelhersteller, der Halbleiterproduzent DDI und die Einzelhandelskette Stage Stores. Die endgültige Bewertung der Fälle ist schwierig. Es kommt zum Beispiel vor, dass Unternehmen sich nach einem Konkursantrag erholen, der Konkurs kann auch Ergebnis von Ereignissen sein, für die Bain nichts kann. Nur: Romneys Wahlkampfaussage, er habe 100 000 Jobs geschaffen, dürfte in der Nettobetrachtung schwer zu halten sein.

Und dann seine Sprache: "Ich liebe es, Leute zu entlassen", sagte er kürzlich auf einer Wahlkampfveranstaltung. Dabei ging es zwar um Probleme der Gesundheitsversorgung und die Möglichkeit, seine Krankenversicherung zu kündigen. Die Sprachwahl des Kandidaten war trotzdem vielsagend. Und niemand hindert seine Konkurrenten daran, den Satz aus dem Zusammenhang zu reißen.