25. Mai 2017, 18:55 Ölpreis-Strategie der Opec Das riskante Geduldsspiel um billiges Öl

Um das weltweite Angebot an Erdöl zu reduzieren, begrenzen die wichtigsten Ölexporteure erneut ihre Fördermengen. Doch die US-Konkurrenz hat auf steigende Preise nur gewartet.

Von Jan Willmroth

So viel Einigkeit war selten. Als die Minister der wichtigsten Ölproduzenten während der vergangenen Tage in Wien eintrafen, eingeflogen aus nahezu allen Winkeln der Erde, hatten sie den schwierigsten Teil der Arbeit schon erledigt. Monatelange Verhandlungen, Staatsbesuche, Konferenzen und informelle Treffen, alles mit einem Ziel: Die Ölförderung sollte mindestens ein weiteres halbes Jahr limitiert werden, länger als bis Ende Juni, wie bislang vorgesehen. Zu Beginn der Opec-Konferenz in der österreichischen Hauptstadt bleiben kaum noch Zweifel, dass sich dort 24 Staaten erneut auf ein Abkommen einigen würden, das es in dieser Form noch nie gegeben hatte.

Die Delegierten feilschten nur noch darum, wie lange die Förderlimits gelten und wie umfangreich sie sein sollen. Bis zum Mittag hatten sie sich bereits auf eine Verlängerung um neun Monate verständigt. Wie zuvor wollen sie 1,8 Millionen Barrel Öl am Tag weniger aus der Erde holen (ein Barrel entspricht etwa 159 Litern). Die Quoten gelten nun bis März 2018, in der Absicht, das Überangebot auf dem Ölmarkt endlich zu tilgen und die weltweiten Lagervorräte auf ihren fünfjährigen Durchschnitt zu senken. Dieses Ziel wurde bislang verfehlt. Die Verlängerung bis Ende März sei eine "sehr zuverlässige und fast sichere Option, den Zweck zu erfüllen", sagte Saudi-Arabiens Ölminister Khalid al-Falih.

Die Märkte straften ihn aber am Donnerstag erst einmal Lügen. Der Preis für Öl der Sorte WTI sackte um rund fünf Prozent und damit deutlich unter die 50-Dollar-Marke ab. Anleger, die mit Ölkontrakten handeln, hatten offenbar eine zeitlich längere Quotenregelung erwartet.

Die Ölexporteure verknappen ihre Produktion für weitere neun Monate

Es war der anhaltende Überfluss, der die 24 Staaten schon Ende November geeint hatte. Seit Jahren hatten die Produzenten in Texas, am Persischen Golf oder in Nordsibirien mehr Öl aus dem Boden geholt, als in Raffinerien verarbeitet und in Autos und Flugzeugen verbrannt wurde. Die Lagerbestände erreichten ein Rekordniveau. Nach dem anfänglichen Preisverfall Mitte 2014 blieben die Preise niedrig, zu niedrig für die Ölexporteure, die ohne ihre Rohstoffeinnahmen nicht auskommen.

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Jahrelang stritten die Opec-Staaten über die richtige Reaktion auf das Überangebot, konnten sich aber nicht einigen - bis sie im Lauf des vergangenen Jahres auf Geheiß Saudi-Arabiens ihre Strategie änderten: Wenn genügend Länder außerhalb des Kartells mitmachten, würde man gemeinsam seine Fördermengen drosseln, damit sich die Lager schneller leeren und der Markt für den wichtigsten Rohstoff der Erde wieder in ein Gleichgewicht kommt.

Sie gewannen genügend Befürworter, und mit ihrer Vereinbarung überraschten sie die Welt. So zerstritten die Opec-Mitglieder zuvor waren, so viel Feingefühl und Verhandlungsgeschick bewiesen ihre Vertreter, als sie Staaten wie Russland, Mexiko und Aserbaidschan überzeugten, die Ölförderung künstlich zu verknappen. Die Ölpreise schnellten nach oben. Um 1,2 Millionen Barrel am Tag sollte die Opec-Förderung sinken, um etwa 600 000 Barrel die der elf Staaten außerhalb des Länderklubs.

Der Druck, den das Überangebot und die verlorenen Exporteinnahmen erzeugt hatten, war groß genug. Denn seit dem Jahr 2004, zeigen Daten der US-Energiebehörde EIA, hatten die Opec-Staaten nicht mehr so wenig am Ölexport verdient wie 2016 ( Grafik). Diesen Druck spürten alle Ölexporteure, mit den leicht höheren Preisen entspannte sich ihre Finanzlage.

In den vergangenen Monaten aber zeigte sich erst das eigentlich Erstaunliche: Die meisten Staaten hielten sich an ihre Zusagen und kürzten ihre Förderung um das individuelle Niveau. Kaum ein Land schummelte, um die Situation auszunutzen.

Mit der diplomatischen Leistung der Opec-Vertreter geht auch ein neues Selbstverständnis einher. Anfang des Monats versprach al-Falih während einer Rede in Kuala Lumpur: Man werde tun, "was immer auch nötig ist", um den Ölmarkt in Balance zu bringen, und wiederholte das am Donnerstag in Wien. Die Wortwahl ist kein Zufall. "Whatever it takes", hatte EZB-Präsident Mario Draghi im Jahr 2012 direkt in die Geschichtsbücher diktiert. Die europäische Notenbank werde tun, was auch immer nötig ist, um den Euro zu retten. Mit dem neuen Ton rückt al-Falih als mächtigster Opec-Minister - erst seit einem Jahr im Amt - die Organisation in die Nähe von Zentralbanken.

Die Manöver der Opec sind riskant

Daran lässt sich die geschwundene Marktmacht ablesen. Spätestens seit den achtziger Jahren haben die Opec-Staaten Marktanteile an Produzenten in Industrieländern und neue Konkurrenten außerhalb der Opec verloren; der Wiederaufstieg der USA zu einem der größten Ölproduzenten hat den Einfluss des Kartells weiter beschränkt. Das Ziel ist folglich nicht mehr, den Ölpreis direkt zu kontrollieren, sondern mit Bedacht die Fördermenge zu steuern, um den Markt zu stabilisieren.

Doch auch diese Manöver sind riskant, wie die Ölexporteure schnell zu spüren bekamen. Die Schieferöl-Produzenten in den USA hatten auf steigende Preise nur gewartet. Mehr als hundert Ölförderer und Dienstleistungsfirmen hatte der Preisverfall in die Pleite gezwungen, andere waren hoch verschuldet und investierten nicht mehr, insgesamt sank die Fördermenge.

Seit Anfang des Jahres aber kehren die Vereinigten Staaten mit aller Macht und deutlich schneller als erwartet zurück. Um mehr als 800 000 Barrel am Tag haben die US-Firmen ihre Förderung binnen sieben Monaten gesteigert und so allein mehr als die Hälfte der Opec-Kürzungen ausgeglichen. Die EIA rechnet vor, die US-Förderung werde bis Ende 2017 auf 9,9 Millionen Barrel am Tag steigen. Es wäre ein Rekord.

Nicht nur deshalb war die Vereinbarung von 2016 unzureichend, um den Überfluss zu beseitigen. Inzwischen steigern mit Libyen und Nigeria zwei wichtige Opec-Produzenten ihre Fördermengen, die wegen politischer Probleme von Kürzungen ausgenommen waren und dies auch bleiben. Diese Umstände zwingen die Ölexporteure, geduldig zu bleiben - und weiter zu hoffen: Dass nicht zu schnell zu viele Konkurrenten die Gunst der Stunde nutzen, zurück auf den Markt drängen und die Förderlimits kompensieren. US-Konzerne, so viel ist abzusehen, werden genau das tun.

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