Vom Schwimmerbecken zur Luftperlenliege:Mehr ist mehr

"Eine ganze Menge." Sagt Rudolf Wienands. "Vor allem gilt in der heutigen Bäder-Architektur der Satz ,less is more' nicht mehr." Weniger ist nicht mehr? "Nein", sagt Wienands, der als Architekt in Deutschland, gäbe es denn so etwas, so etwas wäre wie ein Bäder-Papst, "nein, mehr ist mehr. Es geht um Merkmalsreichtum." Das heißt: Massagedüsen, Luftperlenliegen, Sprudelbecken, Nackendusche, Wellenmaschine, Strömungskanal, Klettergerüste, Breitwellenrutschen . . . und dazu statt rechteckig genormter 25-Meter-Becken (zu schweigen vom früheren, wettkampftauglichen 50-Meter-Becken) organisch-phantasievoll ausformulierte Rundbecken, weich modulierte Liegelandschaften - eine einzige Feier von Farbe und Form, von Materialien und Konstruktionen. Freibäder haben heute mehr mit Hundertwasser als mit dem Bauhaus gemeinsam.

Wienands ist emeritierter Professor der Technischen Universität München und 75-jähriger Chef des international im Bäderbau erfolgreichen Büros Wienands Plan. Aussehen tut er wie 50. Braungebrannt ist er obendrein - kein Wunder eigentlich, wenn man eine bekannte Größe im Bäder-Business ist. Gerade kommt er aus Dubai - bald muss er nach Russland: Bäder, "alle wollen Bäder". Seit er vor Jahrzehnten in Aalen eines der ersten prototypischen Erlebnisbäder erbaut hat, ist er gut im Geschäft. In Jekaterinburg soll er für 200 Millionen Euro ein gigantisches Thermalbad errichten. Befragt nach den aktuellen Tendenzen im Freibad-Reich erklärt Wienands: "Reine Freibäder werden eigentlich kaum mehr gebaut. Es gibt dafür, da sie viel wirtschaftlicher sind, Kombi-Bäder. Unabhängig vom Wetter."

Sehen und gesehen werden - eine der wenigen Konstanten

Wienands glaubt außerdem, dass es in Zukunft wieder mehr Flussbäder geben werde - überhaupt sei die Nachfrage nach "natürlicheren" Bädern derzeit groß. Energieeffizienz sei logischerweise auch ein großes Thema. Holz spiele zunehmend eine Rolle, dazu Holzdecks, Sitzstufen . . . das Ende der Liegewiese ist nah. Und die Rutschen verdrängen die Türme. Detlef Sacker vom Büro Sacker Architekten ("Ihr Architekt für Freibäder"), bestätigt die zunehmend differenzierte Raumabfolge der Kombibäder: "Durch die erwünschten Attraktionen" - das entspricht dem Wienandschen Merkmalsreichtum - "wird das Raumgefüge komplexer. Das gilt nicht nur für die Becken, sondern auch für den Freibereich, der für ganz unterschiedliche Nutzergruppen konzipiert wird." Und: "Der Wasserspiegel in den Becken", so der 56-Jährige Sacker, "muss unbedingt bündig sein, ebenengleich." Warum? "Sehen und gesehen werden. Es geht um den ungestörten Blickkontakt zwischen den Leuten im Wasser und jenen draußen." Sehen und gesehen werden: Wenigstens diese altehrwürdige Freibad-Tradition wird offenbar auch heute noch gepflegt. Sehr schön.

Das Freibad ist aber auch dann gut für Geschichten, wenn das Schwimmen im offenbar kaum mehr finanzierbaren 50-Meter-Becken dem Planschen im 12,50-Meter-Erlebniswellnessareal weicht. Wobei es auch ein Opfer dieser Entwicklung gibt: Immer weniger Kinder können schwimmen. Experten machen dafür auch den Niedergang der Sportbäder bei gleichzeitigem Boom der Erlebnisbäder verantwortlich. Früher ging man schwimmen, heute geht der Trend zum Erlebnis. Obwohl: Im Grunde ist die Disziplin Sehen und gesehen werden auch bei jenen durchtrainierten Senioren angesagt, die immer die ersten sind, um - bewehrt mit Schwimmbrille, Nasenklemme und einem außerordentlich bemerkenswerten Butterfly-Stil - ihre Bahnen zu markieren.

7499 Bäder

gibt es in Deutschland insgesamt (Stand 2012). 51 Prozent davon sind Freibäder. Nur knapp jedes siebte Bad ist ein Kombi-Projekt, das sowohl im Sommer als auch im Winter genutzt werden kann. Doch werden derzeit bevorzugt die wirtschaftlicheren Kombi-Bäder realisiert. Ein weiterer Trend: Fluss- und Naturbäder. Sehr beliebt sind aber auch die sogenannten Spaß- und Erlebnisbäder.

Das Freibad - ein verblasster Mythos

Was vom Freibad in jedem Fall bleibt, ist große Literatur. Nicht nur deshalb, weil Max Frisch, hauptberuflich später ein Meister des Satzbaus, zuvor auch ein Architekt des Hochbaus war. 1943 gewann er den Architekturwettbewerb der Stadt Zürich zum Bau des Freibads Letzigraben. Dem lag und liegt es fern, ein Spaßbad zu sein. Es steht unter Denkmalschutz. Großes Kino auch, wenn Georges Simenon seine grandiose Erfindung, den Kommissar Maigret, in ein Freibad zum Showdown mit dem Mörder führt. Und wenn Die Ärzte singen "Paule heißt er - ist Bademeister / Im Schwimmbad an der Ecke": Dann ist das mindestens so große Kunst wie die von Werner Enke, der den Tag als Schlagertexter im Freibad verbringt. "Etwas abgeschlafft" natürlich. "Zur Sache, Schätzchen" hieß der Film. Dass auch Horst Buchholz als "deutscher James Dean" einen großen Auftritt in dem wunderbaren Bad-Movie "Die Halbstarken" hat: geschenkt. Die Aquaparks oder Elypsos taugen kaum als Songtexte oder Filmbühnen. Sie sind zu real in ihrer Fiktionalität, weshalb die Städte immer einen draufsetzen. In Rüdesheim wird im Freibad das Fischerstechen der Sugarbabes geboten, in Töging das Piratenfest, in Schwelm ein Salsakurs und in Sassenberg: "Nachtschwimmen".

Attraktionen! Merkmalsreichtum! Event! Wo ist er nur hin, der schlichte Triumph vom Dreimeterbrett? Und wo ist Moni? Das Freibad ist ein verblasster Mythos - allerdings kann man auch als Nichtschwimmer auf einer dieser neuen Luftperlenliegen davon träumen. Etwas abgeschlafft vielleicht.

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