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Etikette:Kärtchen von gestern

Die Besuchskarte, wie man sie einst hinterließ, wenn man den Hausherrn nicht antraf, ist der Vorläufer der Visitenkarte.

(Foto: Collage SZ)

Eine Visitenkarte gehörte einmal zum guten Ton. Heute weiß der digitale Jungmensch nichts mehr damit anzufangen. Und seit Corona will er sie nicht einmal mehr anfassen.

Von Gerhard Matzig

Die Visitenkarte leidet in digitalen Zeiten. Sie ist, könnte man meinen, ein analoges, arthritisch dahinsiechendes Artefakt der Gestrigkeit. Zumal, herrliches Wort (und auch von gestern), zumal die Visitenkarte auch als Zubehör der Etikette gilt. Etikette? Genau. Das hört sich ja fast an wie Diskette. Wovon ja auch keiner mehr spricht. Manchmal sieht man noch, wie ein zumeist älteres Individuum einem zumeist jüngeren Individuum ein kleines, dezent gestaltetes Kärtchen überreicht.

Meistens weiß der Jungmensch dann nicht so recht, was er mit der Realmaterie anfangen soll. Dinge, die man anfassen kann, sind ja auch irgendwie suspekt. Ist er höflich und generationenübergreifend divers gestimmt, so sagt er vielleicht: "Danke. Ich lass dir meine Koordinaten als Signatur zukommen." Elektropostalisch, versteht sich. Als vollanaloger Kartenmensch kann man sich daraufhin fühlen, als hätte einem der Türsteher des digitalen Zeitgeists gerade die Tür vor der Nase zugeschlagen mit den Worten "Du nicht".

Dabei hatte die Visitenkarte mal eine große Bedeutung - in China, wo Visitenkarten noch etwas wichtiger sind als hierzulande, ist es sogar so: Man überreicht die Karte, eine allenfalls leichte Verbeugung andeutend, mit beiden Händen - und zwar so, dass das Gegenüber die Schrift lesen kann. Steckt jemand die Karte sofort weg, ohne gebührende Anerkennung und schlimmstenfalls in die Gesäßtasche: Das ist eine schwere Beleidigung.

Ist die Karte womöglich verseucht?

Jetzt aber hat überall, in China wie in Europa, auch noch die Corona-Krise zugeschlagen. Wenn man sich nur noch mit Ellbogen begrüßt, Türklinken meidet, Parkbänke hasst und generell dazu neigt, Luftalarm auszulösen, wenn jemand die Hochsicherheitszone von anderthalb Metern unterschreitet, dann ist es auch schwierig, sich Visitenkarten angemessen höflich zu überreichen. Sie könnten ja verseucht sein.

Man kann allenfalls versuchen, und beim bizarren Ellbogen-Gruß unserer Zeit bietet sich das an, die Karte von Ellbogen zu Ellbogen hüpfen zu lassen. Vorher müsste sie allerdings in einem Biohazard-Labor auf tödliche Keime untersucht und mit einem Unbedenklichkeitszertifikat des Robert-Koch-Instituts ausgestattet worden sein. Sie dürfte kein Fieber haben, keinen Schnupfen - und vor allem nicht aus Ischgl stammen.

Es wird also eng mit einem Stilmittel der Höflichkeit, das zugleich eines der Information und der Distinktion ist. Möglicherweise wurde es schon im alten Ägypten gebräuchlich, andere Kulturhistoriker datieren die Karte auch auf das 15. Jahrhundert in China. Beweise dafür gibt es wohl nicht. Deshalb glauben die meisten kulturgeschichtlichen Darstellungen, dass die heutige Visitenkarte unter Ludwig XIV. gebräuchlich wurde. Im Gutenbergblog heißt es: "Zu Regentzeiten des Sonnenkönigs wurde es nach und nach Sitte, eine Besuchskarte (Visite, das französische Wort für Besuch) zu hinterlassen, insofern man den Hausherren nicht persönlich antraf."

Vielfarbdruck mit Fantasiezuschreibung

Die Drucktechnik hat die Visitenkarte des Adels dann zum Alltagsding gemacht. Die Besuchskarte des Barons von Castell war noch ein Kupferstich mit antikisierender Ideallandschaft und der Inschrift "Le Baron De Castell". Heutige Karten zeigen einen lausig gestalteten Vielfarbdruck - und unter dem Namen steht, wenn man Glück hat: "Dipl.-Kfm." Oder angeberhafte Fantasiezuschreibungen, wie sie im mittleren Management üblich sind. Einmal bekam man eine Karte, auf der nur eine ganz kleine Mobilnummer stand. Großartig. Das hat Stil. Leider weiß man nicht mehr, von wem.

Zum Glück wird die Visitenkarte mindestens in Karlsruhe auch nach ihrer endgültigen Verrentung noch ein Auskommen haben. Den Badischen Neuesten Nachrichten zufolge ist es nämlich so: "Der Neubau des Landratsamts Karlsruhe soll eine Visitenkarte sein." Voraussetzung ist allerdings ein Architektenwettbewerb, aus dem dann ein "Solitär" als Preisträger hervorgehen muss - und der wäre dann, wenn man das recht verstanden hat, die gewünschte Visitenkarte. Also etwas, was auch in 3-D etwas hermacht. "Da schau her", denkt man sich dann idealerweise, "Karlsruhe ist ja fabelhafter als gedacht."

Nur Kleingeister würden jetzt einwenden, dass ein Solitär manchmal einige Millionen Euro mehr kostet als berechnet und einige Jahre später fertig wird als behauptet. Da wäre es doch billiger und zeitnäher, wenn sich Karlsruhe eine allerletzte Visitenkarte drucken lässt, auf der zum Beispiel steht "Karlsruhe". Und darunter, kleiner und typografisch wohltuend dezent: "fabelhafter als gedacht".

© SZ/vs
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