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Trumps Frauenbild:Die blonde Armee

FILE PHOTO: White House Press Secretary McEnany speaks at the White House in Washington

Trumps Pressesprecherin Kayleigh McEnany.

(Foto: Joshua Roberts/REUTERS)

In Donald Trumps Entourage dominierte ein ganz bestimmter Frauentyp. Die Nachfolgerinnen präsentieren sich bunter, diverser und lässiger. Eine Stil-Kritik.

Von Silke Wichert

Beuteschema heißt es für gewöhnlich, wenn Männer den immer gleichen Typ Frau daten. Aber wie nennt man eigentlich das Phänomen, wenn ein Mann, sagen wir der Präsident der Vereinigten Staaten, sich im Grunde überall mit dem gleichen Typ Frau umgibt? Bei der Gattin, den Mitarbeiterinnen, den Schwiegertöchtern, auf wundersame Weise passt sogar die eigene Tochter perfekt ins Bild. Offensichtlich ist so viel Übereinstimmung Ausdruck immens gefestigter äußerlicher Präferenzen - und eines sehr beschränkten Weltbildes, das auf Verpackung statt auf Inhalte setzt.

Das extrem spitze Casting der Ära Trump lief also auf die immer gleiche Blaupause hinaus, die vor allem eine Blondpause war: Die Wahlkampfstrategin Kellyanne Conway, die Pressesprecherin Kayleigh McEnany, die Schwiegertochter Lara Trump und die Ex-Schwiegertochter Vanessa Trump, Tochter Ivanka Trump, dazu Ehefrau Melania, die zwar nicht blond ist, dafür aber Buttertoffee-Strähnchen in Balayage-Technik trägt. Stellt man sie alle nebeneinander, kriegt man eine beinahe wie geklont wirkende Cheerleader-Truppe zusammen.

Die Online-Seite Refinery29 schickte einmal ein Dutzend Bilder von Frauen aus dem Trump-Umfeld an den damaligen Vorsitzenden der amerikanischen Schönheitschirurgen-Vereinigung, mit der Frage, ob es zwischen ihnen physiognomische Gemeinsamkeiten gäbe. Und tatsächlich: Fast alle entsprechen von den Gesichtsproportionen her dem "goldenen Schnitt", etwa liegen die Stirn-, Augen-Nase- und Mund-Kinnpartie ungefähr im gleichen Verhältnis zueinander. Trump-Frauen haben also im wissenschaftlichen Sinne "gute", attraktive Gesichter, als hätte man sie sich zurechtgeschnitzt.

Optisch eine zutiefst eintönige Präsidentschaft

Mit dem Auszug des 45. Präsidenten aus dem Weißen Haus gingen nun zwar vier Jahre Achterbahn-Politik zu Ende, optisch hingegen war es eine Legislaturperiode, die nicht eintöniger hätte ausfallen können. Trump hatte bekanntermaßen auch gefordert, Frauen sollten sich gefälligst wie Frauen kleiden, und genau diese Ansage übererfüllten diese Ladys ebenfalls: perfekte Föhnwellen, viel Make-up, gern Lipgloss, hohe Pumps, Shiftkleider mit Fokus auf die Taille, nie zu eng, bloß nicht zu weit, aber immer kurz genug, dass sie die Fox-News-Voraussetzung für einen "Legshot" erfüllen würden. Wer den Film "Bombshell" mit Charlize Theron in der Hauptrolle gesehen hat, weiß mittlerweile: Dieses stumpf-feminine Stereotyp wurde nicht nur bei Trump gecastet, sondern vor allem bei seinem konservativen Lieblings-Sender.

Passte voll ins Schema: Präsidententochter Ivanka Trump.

(Foto: Ross D. Franklin/AP)

Es war zum Gähnen, es war zum Gruseln. Denn das Frauenbild, das sie mit ihrer Präsenz in dieser Zeit vermittelten, war damit ebenso reaktionär wie die Politik, die sie sprichwörtlich vertraten, wurden sie doch vor allem als Trumps Aushängeschilder in den kommunikativen Abteilungen eingesetzt, als hübsche Mienen zum bösen Spiel. Hier waren Frauen, die zwar arbeiteten, aber ihrem Mann, dem Präsidenten, bedingungslos den Rücken freihielten. Sie hatten teilweise ja sogar richtig Karriere gemacht an seiner Seite, folglich konnte der gar kein Sexist sein! All diese Frauen vermittelten so wenig Empathie mit anderen Frauen, dafür so viel eiserne Disziplin in ihrer gesamten Haltung, dass man sich schon beim Zuschauen eine Nackenverspannung holte. Völlig klar, dass sie mit ihren doppelt und dreifach getuschten Wimpern, jede Fliege, die es gewagt hätte, sie wie Mike Pence beim Fernsehduell zu belagern, mit einem einzigen Augenklimpern bewusstlos gehämmert hätten.

Der neue Standard ist: Es gibt keinen mehr

Die nächsten Wochen dürften uns deshalb wie dieser Umstyling-Moment bei Brigitte oder "Germany's Next Topmodel" vorkommen: Der Vorher-Nachher-Effekt zwischen den Frauen der letzten und der neuen Regierung könnte nicht eindrucksvoller sein. Das fängt schon bei der First Lady Jill Biden an, die einen krassen Gegenentwurf zu Melania Trump darstellt, weil sie sich betont herzlich und zugänglich gibt, und das auch in ihrem Stil widerspiegelt. Verspielter, bunter, sportlicher, dafür dürfte von ihr sehr viel weniger "High Fashion" zu erwarten sein. Vizepräsidentin Kamala Harris schafft allein durch die Tatsache, dass sie die erste Frau in diesem Amt ist, neue Verhältnisse, tritt aber auch vollkommen anders auf als, sagen wir Ivanka Trump, die sich bisweilen ja gern als Vize gerierte. Die 56-Jährige bevorzugt offiziell eine Uniform aus Hosenanzügen, Kittenheels, Perlenkette. Aber in Converse auf dem Cover der amerikanischen Vogue zu posieren, wenn auch im Nachhinein etwas unglücklich - so viel demonstrative Entspanntheit hat man die letzten vier Jahre nicht erlebt; beziehungsweise nur bei breitbeinigen männlichen Beratern wie Steve Bannon. Und mit Harris zieht eine, wie sie es nennt, "big, blended" Patchwork-Familie ins Rampenlicht, in der sogar die Ex-Frau ihres Mannes zur Amtseinführung eingeladen wird.

Symone Sanders arbeitet künftig als persönliche Sprecherin von Kamala Harris.

(Foto: M. Scott Mahaskey)

Auch die Nominierten für die Kommunikationsjobs der neuen Regierung sind so divers, dass sie abgesehen vom Geschlecht nicht mehr viel mit ihren Vorgängerinnen gemein haben. Die neue Kommunikationschefin heißt Kate Bedingfield, Jen Psaki wird neue Pressesprecherin, beide sind eher rothaarig, Leg-Shots könnten schwierig werden. Die indisch-amerikanische Sabrina Singh ist Psakis Stellvertreterin, die Schwarze Hartina Flournoy, die bislang für Bill Clinton arbeite, wechselt als Stabschefin zu Harris. Heimliche Favoritin der Stilkritiker ist Symone Sanders, persönliche Sprecherin der Vizepräsidentin, die einen raspelkurzen Afro trägt und offensichtlich eine Vorliebe für leuchtenden Lippenstift und markanten Schmuck hat. Der neue Standard ist also: Es gibt keinen.

Natürlich sind das alles nur Äußerlichkeiten, deren ständige Wahrnehmung uns, bewusst oder unbewusst, jedoch auf Dauer prägen kann. Ein offensichtlich vor allem mit Weißen besetztes Weißes Haus, Frauen, die alle das gleiche Schönheitsideal erfüllen - bei dem ein oder anderen sickert das womöglich irgendwann als die Norm durch. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns jetzt wieder an mehr Vielfältigkeit gewöhnen, an einen neuen "Blend", eine reale Mischung. Zwar wurde häufig angeführt, dass Trump immerhin in der Mode so abschreckenden Charakter hatte, dass dieser zu weiten Silhouetten und mehr "Empowerment" in den Kollektionen führte. Reaktion erzeugt Gegenreaktion. Aber zumindest Melania Trump zog ebensolche Power-Entwürfe wie von Alexander McQueen bisweilen selbst an. Wie emanzipiert die ehemalige First Lady tatsächlich ist, wird man demnächst vielleicht endlich mal erfahren.

© SZ/chrm/vs
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