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Lifestyle:Einfach laufen lassen

Oumi | Portraits

Rollergirl aus Berlin: Oumi Janta.

(Foto: Nancy Ebert)

Sie sind lässig, nicht so leistungsorientiert wie Inline-Skates, und die neuen Modelle setzen geschickt auf Retro-Charme: Warum die guten alten Rollschuhe zurück sind

Von Anne Goebel

Es ist die "lockdown love affair" dieses Frühjahrs, so hat es eine britische Zeitung neulich schön ausgedrückt: Eine Affäre, in der das ganze Verlangen der ruhiggestellten Menschen nach Bewegung steckt, nach Freiheit und Mühelosigkeit. Rollerskates sind zurück, die guten alten Rollschuhe mit zwei mal zwei Parallel-Rädern, am Schuh montiert unter dem Fußballen und unter der Ferse. In allen Großstädten tauchen gerade Skater in den geschnürten Stiefeletten auf, einzeln oder schwarmweise, strauchelnd oder mit beneidenswert harmonischer Fahrlinie. Aus London berichtet der Evening Standard von einem mittelalten "rollerdad", der alle in Erstaunen versetzt. Die passende Kleidung dazu: pastellfarben wie die Outfits aus den Rollpalast-Achtzigern. Denn natürlich geht es auch um Nostalgie, wie das eben so ist bei Liebesgeschichten.

Angebahnt hat sich der Trend schon länger. Beim ersten Lockdown vor einem Jahr stiegen Suchanfragen nach Rollerskates im Netz deutlich an. Mit Beginn der Pandemie sind ja sofort die unterschiedlichsten Freizeitbeschäftigungen aufgeblüht, ob es das notorische Brotbacken ist, großflächige Balkonbepflanzung oder Rollschuhlaufen. Ein erster Hype im Sommer, im November zockelte dann Princess Di in "The Crown" langbeinig auf acht Rädern durch den Buckingham Palace und über die Bildschirme - von da an war klar: Wer noch ein Paar im Keller hat, holt jetzt, wo es warm wird, die wirklich uralten Skates wieder hoch (liegen meistens weit hinter den auch nicht mehr ganz frischen einkufigen Bladern). Oder man kauft sich ein neues Modell: Die Auswahl ist riesig und bunt, von jungen Marken wie Impala aus Melbourne bis zum Klassiker von Rookie. Mittlerweile gibt es Engpässe bei Lieferungen. Da ist, um im Bild zu bleiben, ziemlich etwas ins Rollen gekommen.

Ganz oben auf der Welle rollt die Berlinerin Oumi Janta

Die Welle hat Oumi Janta mit ausgelöst, eine junge Frau aus Berlin. An schönen Tagen ist es nicht einfach, sich mit der 29-Jährigen am Telefon zu verabreden, sie ist dann oft "auf dem Feld", wie sie sagt. Die riesige Freifläche des aufgelassenen Flughafens Tempelhof ist ein Treffpunkt der Szene, so wie die Theresienwiese in München oder, jetzt mal ganz hoch gegriffen, die Skate Dance Plaza in Venice Beach. Janta hat genau dort, in Tempelhof, an einem Junitag 2020 dem beginnenden Boom mit einem Kurzfilm noch einmal richtig Schub verpasst. Das Instagram-Video eines Berliner Rollergirls in maisgelben Shorts, das im Sommerlicht auf Skates über den warmen Asphalt tanzt, virtuos, selbstvergessen - das hat damals genau den Nerv der Zeit getroffen und trifft ihn bis heute. Die Botschaft: Es gibt auch in diesen zermürbenden Zeiten kleine Fluchten, die Spaß bringen. Die nebenher für die dringend nötige Bewegung sorgen. Und natürlich großartig aussehen. Das Video wurde fast drei Millionen Mal geteilt, ach ja, unter anderem von Alicia Keys. "Leute erkennen mich auf der Straße", erzählt Oumi Janta. "Ich habe mich daran gewöhnt, aber eigentlich ist es immer noch total verrückt."

Dass der Hype inzwischen in der Breite ankommt, es sogar Wartelisten gibt beim Bestellen besonders begehrter Rollerskates: "Hätte ich nicht für möglich gehalten", sagt Janta und ergänzt trocken, dass für sie ein Rollschuh vor allem gut fahren muss. Auch wenn sie selbst in schicken Werbespots für Marken wie Smart oder Adidas zu sehen ist, "bei einem Rollschuh achte ich mehr auf die Qualität als auf das Äußere." Sie habe ihr eigenes Paar vor sieben Jahren secondhand gekauft, wobei "fahren" es nicht ganz trifft. Oumi Janta ist Jamskaterin, das heißt, es geht nicht darum, möglichst schnell von A nach B zu gelangen und dabei von der Smartwatch den Fettverbrauch messen zu lassen. Das ist eher die aerodynamische Inliner-Welt. Jamskater tanzen auf Rollen, segeln geschmeidig über den Boden, heben scheinbar schwerelos ab. Sich treiben lassen im eigenen Rhythmus: Wer würde davon nicht träumen im Corona-Alltag, der das genaue Gegenteil ist, nämlich kompliziert, schwerfällig, fremdbestimmt. Und so schlängelt sich auch Lana Del Rey, wie immer extranah am Zeitgeist, auf Skates durch das Video zu ihrem neuen Song "White Dress".

Für Oumi Janta begann alles vor vielen Jahren mit einem zufälligen Besuch in einer Rollerdisco. Inzwischen gibt sie, sofern es die Infektionszahlen erlauben, selbst Unterrichtsstunden und will eines Tages auch wieder Tanzevents organisieren. Dabei ist es ihr wichtig, die enge Verbindung zwischen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und der frühen Skaterszene in den USA zu betonen. Ein bisschen Retro ist bei dem Thema sowieso immer im Spiel, eine Spur Disco-Ära und Achtziger, als sich die Vorstadtmädchen in glänzendem Bodysuit und Stulpen à la Jane Fonda Freitagnachmittags im Rollpalast verabredeten. Der Film "Roller Boogie" von 1979 ist Kult unter echten Fans, ebenso "Xanadu" mit Olivia Newton-John. Die sehr junge Brooke Shields fuhr auf Rollen, Farrah Fawcett natürlich auch. Und in dem herrlichen Video zu Chers Song "Hell on Wheels" kurvt die Sängerin im getigerten Ganzkörperanzug den härtesten Truckern mühelos davon.

Diese Ästhetik ahmen jetzt Rollschuhmarken wie Impala, Moxi aus Los Angeles oder der italienische Hersteller Roces perfekt nach mit ihren pastelligen Entwürfen. Die Werbekampagnen werden gern im Gegenlicht inszeniert und möglichst auf einer Strandpromenade. So oder so ähnlich sehen dann auch die Fotos der Nutzer auf TikTok und anderen Plattformen aus, eine einzige palmengesäumte Wohlfühl-Bilderstrecke. Manche Marken kommen mit der Produktion kaum nach. "2020 war ein Jahr, das wir niemals vergessen werden", sagte vor einigen Monaten Matt Hill, Chef von Impala. Und auch die diesjährige Saison lässt sich gut an. Bei soviel Umsatz gibt es für die Kundschaft gern ein paar Extras mit dazu. Glitzerdetails, Regenbogenstreifen, Schnürsenkel in Himbeereisrosa. Es geht schließlich darum, für eine Weile in eine andere Welt wegzugleiten.

© SZ
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