Trend Paleo-Ernährung Artgerecht im Google-Zeitalter

Wie andere Tiere auch, sagt Junker, sei der Mensch eigentlich dafür gemacht, die für ihn geeignete Nahrung zu finden. "Dass wir Farben und so gut sehen können, dass wir es süß und bunt mögen, haben wir unseren Vorfahren zu verdanken. Als Affen ernährten wir uns von Früchten, und die galt es zu finden." Problematisch wird es, wenn dieser Effekt nun simuliert wird - in Form von Süßigkeiten, zum Beispiel. "Statt Nährstoffen erhalten diese nur leere Kalorien."

Richters "Vietnamesischer Rindfleischsalat" nach Paleo-Art.

(Foto: Christian Verlag / Silvio Knezevic)

Wer sich paleo ernähren will, braucht Willensstärke. Commitment, wie Nico Richter sagt. "Jeder hat nur eine begrenzte Menge an Willenskraft. Klar, es ist nicht einfach, allen Versuchungen zu widerstehen. Ich wäge immer ab: Ist mir der kurzfristige Genuss wichtiger oder was mir langfristig guttut?"

Kritiker monieren bei Paleo den hohen Fleischanteil - aus gesundheitlicher und ökologischer Sicht. "Das ist ein Riesenproblem", sagt auch Richter. "Man muss allerdings unterscheiden zwischen der Mortadella aus dem Supermarkt und dem grasgefütterten Rind vom Bauernhof." Paleo steht für letzteres. Schon wegen der Zusatzstoffe - und mit Blick auf Umwelt und Klima. Anders als in der Argumentation vieler Veganer oder Vegetarier steht bei den Paleo-Anhängern allerdings nicht die globale Perspektive im Vordergrund. "Ernährung ist egoistisch", sagt Nico Richter.

Die modernen Steinzeitmenschen sind keine wiedergeborenen Hippies, haben mit Umweltschützern fast genauso wenig zu tun wie mit Massentierhaltung. Sie sind eher hippe Karrieristen und hängen der Idee der Selbstoptimierung an. Manche kommen aus der Bewegung des quantified self, die auf die Analyse von Körperdaten setzt. Auch Nico Richter lässt alle zwei Monate einen Bluttest machen. Diese Steinzeitmenschen wohnen nicht in Lehmhütten, sondern in den energiearmen Glas-Stahl-Burgen der Städte. In dem Roman "The Circle" (lesen Sie hier eine Rezension) läuft in einer Szene ein Rezept für "Paleo-Suppe" über den Monitor in der Circle-Kantine. The Circle ist eine fiktive Version des Google-Konzerns, voller junger, erfolgreicher, selbstoptimierter Menschen mit Pulsmess-Armreifen.

Paleo-Rezepte

Ananasburger aus der Steinzeit

Es erscheint nur folgerichtig, dass Paleo nicht beim Essen stehen bleibt - sondern "ein ganzer Lifestyle" ist, wie Richter sagt. Schließlich hat sich nicht nur die menschliche Ernährungsweise in den vergangenen 150 Jahren radikal gewandelt. Sondern auch wie wir arbeiten, wie wir uns bewegen (oder eben nicht). "Stress ist evolutionär kurzfristig angelegt, um zum Beispiel auf einen Tierangriff zu reagieren", sagt Richter. "Aber nicht, um zehn Stunden lang jeden Tag herum zu hetzen." Moderne Steinzeitmenschen wollen auch dafür das Bewusstsein schärfen. "Zum Beispiel halten wir uns abends künstlich viel zu lange wach", zählt Richter weiter auf. "Und wir fahren mir der Rolltreppe ins Fitnessstudio." Paleo dagegen propagiert natürliche Bewegungsformen, hat Anknüpfungspunkte an Bewegungen wie CrossFit oder MovNat.

Der Evolutionsgedanke lässt sich beliebig weiterdenken - bis hin zu der Frage, ob es unserer Gattung entspricht, allein und in Großstädten zu leben. "Nur so eine fixe Idee von mir: eine Paleo-Community", überlegt Nico Richter laut vor sich hin. "Gemeinsam mit ein paar Freunden in einer Kleingruppe zusammenleben, ohne Höhle und mit all den Vorzügen moderner Technik." Hipster mit Körperfettwaage eben, Steinzeit im Google-Zeitalter.