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Lebensart in der Pandemie:Warum Thermoskannen im Corona-Winter boomen

Stanley

In Zeiten der Distanz ist das gemeinsame Heißgetränk draußen gerade enorm populär.

(Foto: stanley_europe / nativve)

Weil man seine Freunde derzeit möglichst nicht zu sich nach Hause einladen soll, treffen sich viele auf der Bank im Park. Immer mit dabei: die Thermoskanne.

Von Claudia Fromme

Es mag etwas dick aufgetragen erscheinen, mit einer klassischen Stanley in Hammerschlaggrün in einem Stadtpark spazieren zu gehen. Die wuchtige Thermosflasche im Design der Fünfziger soll Gewehrkugeln abhalten, Stürze aus mehr als 1200 Metern überleben und Frost bis minus 70 Grad. Andererseits, irgendwo muss man das Ding ja ausführen, wenn Reisen nicht geht. Und erfordern Zeiten wie diese nicht Utensilien für existenzielle Situationen?

Seit böse Aerosole vereiteln, dass Freunde zum Kaffee vorbeikommen, verlagert sich auch winters das Sozialleben nach draußen, die städtischen Grünanlagen sind voller Menschen. Viele führen eine Warmhalteflasche mit sich, längst versiert darin, beim Gehen Tee zu trinken, ohne ihn zu verschütten oder auf einer Bank extrem beiläufig zu schauen, wenn die Polizei vorbeikommt und der Glühwein dampft. In einigen Bundesländern durfte man ja über Wochen keinen Alkohol draußen trinken, was in der Schärfe gerade wieder abgemildert wurde.

Outdoor boomt, auch die Thermoskanne gehört zu den Gewinnern, weil der stillgelegte Mensch nun nicht mehr an ferne Strände reist, sondern die nahe Natur erkundet. Staycation heißt es, wenn man im Urlaub zu Hause bleibt und von dort aus etwas unternimmt, ohne aushäusig zu übernachten. Vor einer Weile wurde das von Trendforschern als das neue große Ding annonciert, inzwischen ist der Tagestourist das Feindbild vieler, die im ländlichen Idyll wohnen.

Im Büro schmeckt am besten der Kaffee von daheim

Von US-Hersteller Stanley ist zu erfahren, dass 2020 ein Rekordjahr war. Die Nachfrage bei Vakuumflaschen sei global um 25 Prozent gestiegen, was tatsächlich damit zu tun habe, dass viele sich wegen geschlossener Cafés und Angst vor Ansteckung verstärkt draußen träfen. Zudem sei Hygiene ein wichtiger Punkt. "Viele Leute, die wieder oder noch ins Büro gehen, möchten so wenig Risiko wie möglich eingehen und lieber nicht mit der Bürokaffeemaschine in Kontakt kommen", sagt Arne Erichsen, Marketingdirektor für Europa, Naher Osten, Afrika. Sie bringen lieber eigenen Kaffee mit.

Von Zuwächsen berichten auch andere Hersteller, wobei der Name Thermos längst als Genrebezeichnung dient. Die tatsächliche Thermoskanne wurde 1903 erfunden. Der Glastechniker Reinhold Burger aus Brandenburg experimentierte mit doppelwandigen Glasbehältern, bei denen der luftleere Raum zwischen den Wänden das Innere isoliert. Im Auftrag des Eismaschinenfabrikanten Carl von Linde suchte Burger einen Behälter, in dem man minus 194,5 Grad kalte, verflüssigte Luft transportieren kann. Während er tüftelte, kam Burger auf die Idee, darin heiße und kalte Getränke aufzubewahren. Die Thermoskanne war geboren. Burger ließ seine Erfindung patentieren - und war frustriert. Keiner interessierte sich für sie. Enttäuscht verkaufte Burger seine Thermos AG samt der Patente. Der Rest ist Geschichte, von den USA ausgehend boomt der Isolierbehälter, 1909 nimmt Sir Ernest Shackleton mit einer Thermoskanne voll Tee Kurs auf den Südpol.

Ohne Plastik: Thermosflasche von Klean Kanteen aus Kalifornien.

(Foto: Klean Kanteen.)

Wenn nun Menschen mit so einem Gefäß als Ausweis einer neuen Immobilität in Parks hocken, steht die Erfindung Anfang des 20. Jahrhunderts genau für das Gegenteil. Es gibt ein flächendeckendes Eisenbahnnetz, bei Ford rollen Serienautos vom Band, die breite Bevölkerung hat zum ersten Mal so etwas wie Freizeit. Es gibt also gute Gründe, ein derart nützliches Utensil für den Weg zur Arbeit oder die Tour ins Grüne zu erfinden.

Die Thermoskanne hat sich technisch kaum verändert, die Verschlüsse sind optimiert, oft wird Edelstahl statt Glas eingesetzt, ansonsten ist das Prinzip das alte. Neu aber ist die Funktion als Moralbotschafter. Wer so ein Gefäß mit sich führt, zeigt: Ich checke das mit der Nachhaltigkeit. Die Flaschen von Avoid Waste sehen mit ihrem Metallhenkel aus wie kleine Milchkannen und nennen sich "nachhaltige Thermosflaschen", was auch damit begründet wird, dass sie zwar in China produziert werden, von dort aus aber nicht mit dem Flugzeug in den globalen Verkauf gelangen.

In Bonn wie in Berlin geschätzt: Die Kaffeekanne Juwel von Alfi diente vor Angela Merkel schon vielen Kanzlern.

(Foto: Alfi)

Mit gutem Gewissen spazieren gehen kann man auch mit den Edelstahlflaschen von Klean Kanteen aus Kalifornien, die komplett plastikfrei sind. Die knallfarbenen Flaschen von Dopper haben einen Trinkbecher mit Fuß und werden nachhaltig in den Niederlanden produziert. Alle drei Hersteller spenden Teile ihres Erlöses an Umweltprojekte und Bildungsinitiativen. Neben Modellen aus Edelstahl mit Biobambusverkleidung wie von den Holzbrüdern ist minimalistisches Design ein großes Thema, bei altgedienten deutschen Herstellern wie Alfi oder Emsa oder der japanischen Manufaktur Kinto, die beim Travel Tumbler mit "stressfreiem 360-Grad-Trinken" wirbt. Manche Hersteller wirken in ihrer Suche nach einem USP doch ein wenig bemüht. Womöglich liegt es auch daran, dass sich die Technik der Thermoskanne seit 1903 nicht groß verändert hat.

Auch anderswo sind Isoliergefäße gerade verstärkt im Einsatz. Der Corona-Impfstoff wird in Kühlbehältern, die kaum anderes sind als überdimensionierte Thermoskannen, in alle Welt geschickt. Bei den digitalen Coronagipfeln der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten blitzt oft die silberne Kaffeekanne Juwel von Alfi auf. Weil das Modell bereits ihren Vorgängern in Bonn diente, firmiert es längst als Kanzlerkanne. In Zeiten, in denen alle zwangsläufig auf Abstand gehen, ist das Prinzip Thermos dann doch ein verbindendes.

© SZ/kar
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