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Stilkritik:Der nette Junge aus Argentinien ist jetzt Malle-Prolet

Unspektakuläre Frisur und Bubigesicht: Lionel Messi war äußerlich nie Rock 'n' Roll. Sein neuer Look aber könnte für den Weltfußball bedeutend werden.

Von Michael Neudecker

Sitzen zwei Blondinen auf dem Dach eines Wirtshauses. Kommt ein Mann und ruft ihnen verwundert zu: "He, warum seid ihr denn da oben?" Die Blondinen: "Weil der Wirt gesagt hat: Geht aufs Haus!"

Halt an dieser Stelle. Schon klar: Blondinenwitze sind selten lustig und immer dümmlich. Wer heutzutage einen Blondinenwitz erzählt, outet sich als in den 90ern stecken gebliebener Prolet; die Überwindung der Blondinenwitz-Epidemie gehört zu den wichtigeren Errungenschaften unserer Gesellschaft.

Ebenso überwunden zu sein schien allerdings das absichtliche Herbeiführen des Opferzustandes in Sachen Haarfarbe, blondieren genannt - doch das ist ein Irrtum. Frag nach bei den Friseuren der Fußballer, da wird ja seit einiger Zeit hemmungslos blondiert, zu sehen neulich auch bei der EM, wo sogar der Afro des Belgiers Fellaini blond blendete.

Vom netten Jungen aus Argentinien zum Mallorca-Touristen

Und jetzt hat auch noch er es getan, ausgerechnet, Lionel Messi, zu dessen größten Stärken immer sein Aussehen zählte: unspektakuläre Frisur, Bubigesicht, kein einziges Gesichtshaar. Messi war äußerlich nie Rock 'n' Roll, er war ein wohltuender Gegenentwurf zu all den affektierten Kopf- und Körperkunstwerken seiner Kollegen.

Und jetzt, ach, jetzt ist es so gekommen, dass der nette Junge aus Argentinien nach einer Generalsanierung (Tattoos, Vollbart, blondiertes Haar) aussieht wie ein Mallorca-Tourist, der Blondinenwitze lustig findet.

Alles Vergessene kommt irgendwann wieder, das gilt für Trends ganz besonders, deshalb ist die Rückkehr der Blondierten bestimmt nicht das Ende der Fahnenstange, Freunde der Sonne. Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis Philipp Lahm als Vokuhila aufläuft.

© SZ vom 26.07.2016/naf
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