Ladies & Gentlemen:Wandelnde Wandfarben

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Auch dezente Farben können bei manchen Outfits Irritation auslösen. Das beweisen zwei aktuelle Beispiele aus der US-Sommermode.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Im Flieder: Karlie Kloss

Einen schönen Menschen kann ja wirklich nichts entstellen, wie wir hier an Karlie Kloss sehen. Das Topmodel geht nonchalant in einem pyjamaartigen Ensemble auf die Straße, in dem ein normal schöner Mensch sofort Anstaltsausbruchsverdacht erwecken würde, weil so ein Look erstens nach dreißig Sekunden zerknittert und zweitens auch noch verwaschen fliedert. Die pastellige Lila-Farbpalette war in diesem Nichtsommer überall, und die Frage ist: warum? Denn sie tut ja wirklich nichts für den weißen Teint außer Augenränder hervorheben. Genau darin liegt wohl die Antwort. Denn was Leuten mit heller Hautfarbe steht oder nicht, das wird zunehmend unwichtiger, man könnte auch sagen: weiße Modemagazin-Leserinnen sind schon lange nicht mehr der Stilnabel der Welt. Dass Karlie Kloss den Klinik-Look trotzdem trägt, ist natürlich eine klassische Park-Avenue-Prinzessinnenpose: Man wohnt in einem sauteuren Townhouse irgendwo in New York und hat es schon lange nicht mehr nötig, sich schön zu machen so wie das Volk. Ja, eine Frau des Volkes hätte den soften Farbton wohl nur mit sonnengeküsstem Teint getragen. Und auf keinen Fall mit schwarzen Accessoires kombiniert, weil das ein wenig harsch wirkt. Von Kloss ist dieser Effekt aber unbedingt gewollt, weil er auf zwei Dinge hinweist: Sie muss nie in die Sonne. Und sie verschwendet überhaupt keine Mühe für ihren Look. Was bedeutet das jetzt alles für uns Normalschöne? Finger weg von Flieder, aber bei der Feldarbeit trotzdem immer schön Sonnencreme auftragen.

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In Hell: Joe Biden

Es braucht an manchen Tagen nicht viel, um die USA in Aufregung zu versetzen. Jedenfalls genügte es, dass Joe Biden neulich in einem ordentlichen Sommeranzug vor die Mikrofone trat. Was der Präsident dort hineinsprach, verpuffte angesichts der brachialen Wirkung seines Outfits, genauer gesagt: der Farbe. Nicht Navyblau oder Schwarz, wie Biden es das restliche Jahr über trägt, sondern strahlendes Beige, dazu eine jägergrüne Krawatte. Dass derlei nicht vorgesehen ist, merkte man schon daran, dass er vor der altweißen Wandfarbe im East Room des Weißen Haus optisch fast verschwand. Außerdem ließ der Anzug den Präsidenten sofort so 78-jährig aussehen wie er ist. Das liegt nicht nur daran, dass wir bei Textilien in Beige reflexhaft einen geriatrischen Anfangsverdacht haben. Beige, aber auch Khaki und Kitt sind nun mal Anzugfarben, die Energie aus ihrem Träger saugen, während ein schönes Dunkelblau ihn stets auflädt und Kraft spendet. Deswegen wohl sind helle Anzüge auch mit Bewegung verbunden - auf Gartenpartys oder bei Sportveranstaltungen, als Reporterkleidung und auf Reisen. An Konferenztischen und hinter Stehpulten zaubern sie nicht recht. Schon gar nicht, wenn es sich um einen sack suit handelt, jenen uramerikanischen Anzugschnitt, der seinen Träger nicht tailliert oder sonst wie raffiniert formt, dafür aber eben bequem fällt. Ein Teil der beigen Aufregung lag auch darin begründet, dass Barack Obama vor sieben Jahren im August ebenfalls so einen Anzug trug, was damals als mittleres Erdbeben in die präsidiale Etikette einging - sogar einen Twitteraccount bekam der "tan suit". Es ist wohl so, die Amerikaner haben ein neurotisches Verhältnis zu Sommeranzügen. Aber immerhin haben sie eines.

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