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Ladies & Gentlemen:Flausen im Kopf

Billie Eilish ist grandios erblondet, Justin Bieber provoziert mal wieder mit Dreadlocks. Und die Botschaft der beiden Popstars ist klar: Freunde, das sind unsere Haare!

Von Julia Werner und Jan Kedves

Aufgehellt: Billie Eilish

Billie Eilish, alle haben es im Laufe der letzten Woche mitgekriegt, verhüllt sich nicht länger in weiten Klamotten, sondern ist jetzt Sexbombe auf dem Cover der britischen Vogue. Der hautfarbene Latex-Look ist in der Presse schon rauf und runter analysiert und zum totalen Befreiungsschlag hochgejubelt worden. So cool, dass Billie Eilish im Interview schon vorher die Reaktionen ihrer Body-Positivity-Jünger vorausgesagt hat! So richtig ihre Bitte, dass die Leute endlich aufhören sollen, anderer Leute Körper zu beurteilen! Jetzt also, so der Tenor, ist es Billie Eilish endlich wurscht, was andere Leute von ihr denken. Das ist echte Body Positivity! Wobei im Namen dieser Bewegung ja auch schon wieder ein Urteil steckt, wenn auch ein bedingungslos positives. Nicht ganz auf den Kopf gefallene Frauen glauben natürlich nicht, dass alles, was dieser Superstar tut, ein emanzipatorischer Akt ist. Sie wissen aus Lebenserfahrung: Es ist viel banaler. Mädchen färben sich die Haare giftgrün. Mädchen fühlen sich in ihrem Körper nicht wohl. Dann werden Mädchen zu Frauen und merken plötzlich, dass dieses ganz primitive weibliche Gutaussehen, dieses Spiel mit langen Wimpern und seidigen Haaren, doch irgendwie ganz schön amüsant ist. Deswegen sollte man in die neue blonde Mähne nicht allzu viel hineininterpretieren: Sie sieht damit - huch, ein Urteil - ganz einfach besser aus als vorher, fast so wie Schauspielerin Scarlett Johansson, die schon mit 16 wusste, dass das Sirenendasein sehr lustig ist. Viel Spaß in Blond, Billie!

Aufgedreht: Justin Bieber

Es ist zum Haareraufen. Da bemühen sich die Kritikerinnen und Kritiker der cultural appropriation seit Jahren, einer semi-interessierten Öffentlichkeit zu erklären, warum es für Menschen mit schwarzer oder brauner Hautfarbe unerträglich sein kann, wenn weiße Menschen sich Dreadlocks machen. Und dann kommt Justin Bieber und macht sich Dreadlocks. Schon wieder! Der kanadische Popsänger hatte die Haare schon einmal so, vor fünf Jahren. Auch damals wurde diskutiert, ob es okay ist, wenn ein weißer Popstar, einfach um cooler auszusehen, eine Frisur wählt, die in den afrokaribischen und afroamerikanischen Diaspora-Kulturen tief verwurzelt bis heilig ist und die, wenn nichtweiße Menschen sie tragen, diese immer wieder zum Ziel von Diskriminierung macht. Kompliziert! Bei Justin Bieber ist aber eins klar: Er trägt seine Dreads trotzig, im vollen Wissen um den zu erwartenden Backlash. Er hat die Kontroverse sozusagen schon mit hineingefilzt. Nun gut, Bieber ist jetzt 27, viele andere Popstars sind in diesem magisch-gefährlichen Alter schon ganz anders durchgedreht, haben sich goldene Schüsse gesetzt und so weiter. Bieber dreht sich die Haare. Er sieht sogar ganz süß aus damit. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass er sich die Haare lustig hochsteckt wie die Girlies der Neunzigerjahre, von denen die Spice-Girls-Sängerin Emma "Baby Spice" Bunton mit ihren zwei Rave-Hörnchen oben damals die süßeste war. Es wirft die Frage auf: Hätte Justin sich diese Frisur nicht einfach ohne die Provo-Dreads machen können?

© SZ/chrm
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