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Ladies and Gentlemen:Das Gute-Laune-Prinzip

Ohrringe von Saf Safu (links) und die Jacke des japanischen Labels Kapital.

Warum der Smiley gerade wieder überall in der Mode zu sehen ist - über das Wiederfinden der Unbeschwertheit.

Von Julia Werner und Jan Kedves

Schöne Geste, gut platziert

Der Smiley ist zurück, und zwar auf T-Shirts, Hoodies, an Ketten aller Art. Das wirkt auf die erwachsene Frau auf den ersten Blick etwas kindisch. Was ihr egal sein sollte, weil sie sowieso von niemandem mehr ernst genommen wird, seit sie irgendwann in den vergangenen Jahren auf einem schwimmenden Plastikeinhorn gesessen hat. Und überhaupt: ein bisschen modische Rumblödelei würde allen in diesem beigefarbenen Meer des guten Möchtegerngeschmacks guttun! Erfunden wurde das gelbe Grinsegesicht im Jahr 1963, für eine Versicherungsfirma, die mit einem Symbol die Arbeitsmoral ihrer Angestellten pimpen wollte. Das Gesicht, das der Smiley heute hat, bekam er aber erst in den Siebzigerjahren, als die Brüder Spain es zusammen mit dem Satz "Have a Nice Day" auf allerlei Kram druckten und sehr reich wurden. Zu Recht, denn Smiley ist ein freundlicher Dienstleister, der einem den Tag angenehmer macht. Jetzt soll er uns dabei helfen, Post-Corona-Berührungsängste zu überwinden. Es muss nämlich nicht gleich eine Umarmung sein, ein Lächeln reicht. Wem das, auch wegen des Maskendings, schwerfällt, der kann die Freundlichkeit einfach in die Garderobe integrieren. Diese Ohrringe von Saf Safu sind als Kompromiss zwischen Joke und Eleganz unbedingt zu empfehlen. Perle trifft auf Lächeln, das sieht in Wahrheit nicht so gut aus, wie es sich anhört. Aber genau das ist der Witz: Der Smiley macht seine Trägerin nicht schöner, aber zur Dienstleisterin für das große Ganze - also das Wiederfinden der Unbeschwertheit.

Gute Laune, wohldosiert

Auch Mann kann sich den Smiley gerade wirklich überall hinpacken: auf die Brust als Glow-in-the-dark-Gesicht beim Party-T-Shirt von Balenciaga, als Polka-Dot-Muster über das gesamte edle Seidenhemd von Marni, als lachende Ferse in Stricksocken mit Leopardenmuster. Letztere sind, wie dieser Smiley-Cardigan hier, von dem sehr tollen und leider auch sehr teuren japanischen Label Kapital. Wer beim Cardigan genau hinsieht, erkennt: Der Smiley auf dem rechten Ellbogen hat sogar zwei Augenpaare. Es wird eine Anspielung darauf sein, dass in den Hippie- und Acid-Rave-Kulturen, die den Smiley ja ausgiebigst gefeiert haben, vielen routiniert der Blick verrutscht ist, sodass sie manches doppelt sahen. Etwa wenn man eine dieser lustigen Smiley-Pillen genommen hatte, für die wir an dieser Stelle natürlich keine Werbung machen. Doch der Hinweis sei wohl erlaubt, dass der Smiley-Wirkstoff MDMA inzwischen gar nicht mehr nur als böse Spiralblick-Droge gilt, sondern dass seine potenziell heilfördernde Wirkung bei psychotischen Erkrankungen längst seriös erforscht wird - und zwar nicht nur von irgendwelchen Start-ups in Kalifornien, sondern auch durch eine Arbeitsgruppe für Pharmakopsychotherapie an der Charité in Berlin. Das Stichwort hier lautet Mikrodosierung. Also genau das, was die Mode mit dem Smiley gerade eher nicht so hinbekommt, denn vielleicht ist das schon eine Überdosis. Sorry, Laberflash, wo waren wir? Ach ja, beim Gesicht am Ellbogen. Das macht natürlich nur gute Laune, und das ist doch schön.

© SZ/chrm
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