Watchwear Mode, die endgültig locker macht

(Foto: Toa Heftiba/Unsplash)

Lässig-sportliche Kleidung boomt. Doch statt ins Fitnessstudio zu gehen, hängen junge Leute damit lieber vor dem Bildschirm. Über die Verwandlung zum stilvollen Stubenhocker.

Von Silke Wichert

Unstrittig ist: In den vergangenen Jahren gab es einen riesigen Boom bei sogenannter Athleisure-Wear in der Mode, dieser lässig-sportlichen Kleidung für hyperaktive Großstädter zwischen Fitnessstudio und Büro. Weil alle ständig auf dem Sprung und die Arbeitszeiten fließend sind, soll die Garderobe dazu bitte schön genauso sein. Sogar bei Chanel durften zuletzt Radlerhosen und Leggings auf den Laufsteg. Die Mode macht sich endgültig locker.

Aber, Hand aufs topfit durchtrainierte Herz: Ist das nicht nur die halbe Wahrheit? Schließlich nahm dieser Trend von 2010 an so richtig an Fahrt auf - just in dem Jahr, in dem Netflix begann, seine internationale Expansion voranzutreiben. Zufall? Oder ist diese ganze Activewear womöglich auch deshalb so beliebt, weil man damit so herrlich passiv zu Hause auf dem Sofa rumlümmeln und Serien gucken kann? Den Zahlen nach ist Streamen jedenfalls der eigentliche Breitensport unter Millennials und jungen Paaren mit oder ohne Nachwuchs. Die allerletzte Folge von "Game of Thrones" sahen allein in den USA 19,3 Millionen Zuschauer! Viele zogen sich vor dem Finale noch mal ein paar alte Folgen, ach was, ganze Staffeln rein. Wer heute mit tiefen Augenringen ins Büro kommt, sagt immer seltener, dass er sich die Nacht in irgendwelchen Bars um die Ohren gehauen hat, sondern zu Hause abgestürzt, also vor der Kiste hängen geblieben ist. Bingewatching statt Bingedrinking.

Einer der auffälligsten Trends der letzten Jahre waren Jumpsuits

Und am angenehmsten ist die visuelle Völlerei bekanntlich, wenn sie doppelt barrierefrei daherkommt: nicht nur ohne lästige Werbeunterbrechungen, sondern auch ohne kneifende Knöpfe. Musste man früher gezwungenermaßen irgendwann aufstehen und den Metabolismus anschmeißen, weil eine Folge "Melrose Place" zu Ende war oder man die DVD der als Box gekauften Serie wechseln musste, kann man beim Streamen - wenn man beim Proviant vorgesorgt und keine Blasenschwäche hat - stundenlang in der Halbhorizontalen vor dem Bildschirm verharren. Wer sich vorher erst noch etwas Bequemes anziehen muss, verliert außerdem kostbare Zeit, in der bei "Game of Thrones" schon wieder ein Dutzend Köpfe und Oberteile weggeflogen wären. Profis tragen deshalb von vornherein "Watchwear": Leggings, Jeansjogger oder die gesellschaftlich akzeptierte Yogahose von Lululemon. Das moderne Leben mag sich idealerweise zwischen Büro und Fitnesscenter abspielen, in der Realität zieht einen das Streaming-Abo nach Feierabend direkt auf die Sofalandschaft.

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Vor allem am stressigen Jahresende, wenn die ganzen Wollpulli-Fotos einem suggerieren, dass man irgendwas falsch macht.

Gesicherte Zahlen über den Verbrauch von Elasthan in der Textilindustrie gibt es nicht, aber er dürfte wohl so steil nach oben gegangen sein wie die Politkarriere der Underwoods in "House of Cards". Immer mehr Longsleeves und Jeans sind mit Stretchanteil versetzt, der schwedische H&M-Ableger Arket hat mittlerweile sogar dunkelblaue Bundfalten-Hosen mit elastischem Bündchen im Angebot. Oder man lässt das Bündchen gleich ganz weg: Einer der auffälligsten Trends der letzten Jahre waren Jumpsuits, besser bekannt als Strampler für Erwachsene. Daneben kehrten fließende Slipdresses wie in den Neunzigern zurück, die nicht nur bequem, sondern auch extrem fotogen sind und deshalb bestens geeignet für den Hashtag #sofaselfie. Wer heute seine Tür von innen zumacht, lässt sie ja oft trotzdem sperrangelweit auf und postet auf Instagram die ganz "privaten" Momente zu Hause.

Gut aussehen beim Fernsehen? Kein Problem. Hier ein textiler Vorschlag von Oori Ott.

(Foto: PR)

Womit wir bei einem weiteren geschmeidigen Wachstumsmarkt der Mode wären. Die so genannte Loungewear kommt vom Englischen "to lounge", was man im Deutschen grob mit "rumhängen" übersetzen könnte. Auch diese Abteilung ist in den letzten Jahren geradezu explodiert, weil "staying in" angeblich das neue "going out" ist und der Hygge-Hype aus Dänemark die Stubenhocker zu ultracoolen Nestbauern adelte. Runterkommen ist hier nicht mehr mit heruntergekommen zu verwechseln, "geloungt" wird keineswegs in ausrangierten Fruit-of-the-Loom T-Shirts, sondern in extra dafür angeschafften Sachen. Neben Kaschmir-Kuschelshirts und Hosen mit Tunnelzug waren plötzlich Seidenpyjamas ein großes Ding - und wurden bald auch auf der Straße getragen. Die legendäre US-Vogue-Stylistin Grace Coddington ging so gekleidet sogar zur Met Gala. Darauf folgten Kaftane und mit Blumen bedruckte Hausmäntel von Gucci - alles Kleidungsstücke, die damit spielen, dass die institutionellen Grenzen längst fließend und die modischen Freiheiten sowieso grenzenlos sind.

Lieber Bingewatching statt Party machen

Seitdem entstehen laufend neue Labels mit betont entspannter Kleidung, wie etwa das italienische F. R. S. (For Restless Sleepers) oder, ebenfalls aus Italien, La Double J, deren großflächige Muster normalerweise eher in der "Homewear" zu Hause sind, also auf Tapeten, Bezügen, Gardinen. Dass eine Tänzerin aus einem Video von Sängerin Cardi B ein Loungewear-Label namens Oori Ott lanciert, ist plötzlich sogar der Vogue eine große Meldung wert. Inspiration hinter Oori Ott: "Mafia-Housewifes" wie Adriana La Cerva aus "The Sopranos" - so etwas wie die Mutter des modernen Serien-Genres.

Die großflächigen Muster vom Label La Double J aus Italien sind normalerweise eher in der "Homewear" zu Hause, also auf Tapeten, Bezügen, Gardinen.

(Foto: ladoublej)

Der Blog "Manrepeller" nannte den Trend (in Anlehnung an das Normcore-Phänomen) einmal "Dormcore", also Kleidung zum Hardcore-Abhängen in der Bude. Bedarf dafür gibt es offensichtlich: "Why Teens Aren't Partying Anymore" hieß ein Bericht im US-Magazin Wired vor eineinhalb Jahren. Vor allem junge Amerikaner würden immer weniger in Clubs gehen, weil solche Abende teuer sind und Alkohol dick macht, vor allem aber das Alternativangebot vermeintlich spannender sei als das früherer Generationen, die noch mit linearem Fernsehen und ohne Social Media aufwuchsen. Chatten, Posten, Streamen: Laut einer College-Umfrage verbringen Erstsemester-Studenten heute wöchentlich sieben Stunden weniger mit Freunden als noch vor dreißig Jahren, weil sie lieber allein vor irgendwelchen Bildschirmen herumhängen.

"Netflix and chill" wahrscheinlich nicht mal mit eingerechnet. Was sich für Eltern nach dem harmlosen Videoabend von früher anhört, ist laut Urban Dictionary heute das Codewort für "two people going to each others houses and fucking or doing other sexual related acts" - also für sexuelle Tätigkeiten, bei denen der Stream eher als Hintergrund-Untermalung läuft. Auch dafür braucht man "Watchwear", die optisch etwas hermacht. Jedenfalls solange das Licht noch an ist.

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