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Mode:In Flipflops durch die Krise

Street Style : Paris Fashion Week -Haute Couture Fall/Winter 2019/2020 : Day Two

Sieht einfach immer gut aus: hier ein Havaianas-Modell in den brasilianischen Nationalfarben.

(Foto: Claudio Lavenia/Getty Images)

Havaianas stehen für brasilianische Lebensfreude. Doch sie können noch mehr: In der Coronakrise erweisen sie sich als überraschend vielseitige Wunderschlappe.

Reis, Bohnen, Flip-Flops - in Brasilien alles Grundbedürfnisse. Jedenfalls zählt Havaianas, die Mutter aller Zehenlatschen, schon seit den Achtzigerjahren zu den von der Regierung festgelegten "fundamentalen" Produkten, um den Preis in Krisenzeiten vor Inflation zu schützen und staatlich kontrollieren zu können. Fast jeder Brasilianer besitzt ein Paar. Weltweit werden mittlerweile mehr als 250 Millionen im Jahr verkauft, weil längst überall im Sommer nicht mehr nur die Badehose eingepackt wird, sondern auch diese Schlappe. Havaianas seien zum Inbegriff von brasilianischem "Easy Going" geworden, steht auf der Website. Tatsächlich ist der Bestseller im Ausland das klassische Modell mit der gelb-grünen Fahne drauf - und genau hier kommt das Ganze jetzt vielleicht ein bisschen ins Stolpern.

Denn so richtig viel "Easy Going" ist in Brasilien ja gerade nicht. Erst kam Jair Bolsonaro, ein rechtspopulistischer, demokratiefeindlicher Präsident, dann brannte der Regenwald am Amazonas, aktuell zählt das Land zu den am schlimmsten von Covid-19 betroffenen Nationen. Mehr als eine Million von ihnen haben sich mittlerweile mit dem Virus angesteckt, 50 000 sind bislang daran gestorben. Füße sagten viel über die Menschen aus, aber alles über Brasilianer, heißt es bei Havaianas. "Sie haben die glücklichsten Füße der Welt." Aber dieses Lebensgefühl, in das die Kunden all die Jahre so lässig hineinschlüpfen wollten, gibt es das überhaupt noch so?

Ein Schuh, auf den sich alle Brasilianer einigen können

Roberto Funari lächelt freundlich in den Computer-Bildschirm hinein, hinter ihm an der Wand hängt ein Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft, der anderen großen Ikone des Landes. Der CEO von Alpargatas, dem Mutterkonzern von Havaianas, hört die Frage nicht zum ersten Mal, zu sehr ist das Image der Marke mit dem des Heimatlandes verbunden. "Wissen Sie, diese Schuhe haben jetzt schon 58 Jahre überstanden. Mit vielen verschiedenen Phasen und verschiedenen Regierungen", sagt Funari ruhig. "Die Werte der Marke sind letztlich viel größer als Nationalismus oder Politik, sie sind emotionaler Natur." Ihre einfache Form, die vielen Farben, ihr geringer Preis (ab 15,90 Euro) - das alles symbolisiere Freiheit, Freude und Hoffnung. Vor allem deshalb werde der Schuh so geliebt.

Aber natürlich weiß auch Funari, dass selbst Herzensangelegenheiten sich schnell ändern können. Man beobachte genau, wie die Marke im In- und Ausland wahrgenommen werde. Und offensichtlich glaubt der Manager, dass so viel Liebe auch eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. "Wir haben uns gleich am Anfang der Corona-Krise gefragt, wie wir nach dieser Krise in Erinnerung bleiben möchten", sagt Funari. "Die Antwort war ganz klar: als eine Marke, die sich um die Gesellschaft gekümmert hat." Bevor Funari vor eineinhalb Jahren zu Alpargatas kam, hat er jahrelang Erfahrung in NGOs gesammelt; er engagiert sich noch immer in einer Organisation, die Studenten aus armen Verhältnissen den Zugang zu Universitäten ermöglicht.

"Empathie führt zu Empathie, das ist eine der größten Stärken von uns Brasilianern", glaubt Funari. Gleich zu Beginn der Krise stellte die Firma Hilfsgüter bereit: Schutzmasken, Tests, Beatmungsgeräte, spezielle Schuhe für das Krankenhauspersonal, rund 100 Millionen Euro wurden an die größte Hilfsorganisation des Landes gespendet. Vor allem die sozial schwachen Bevölkerungsgruppen hat das Unternehmen im Blick. "Wie sich herausstellte, sind Fake News gerade in den Favelas ein großes Problem", erzählt Funari. Also wurde eine Radiostation in einem der größten Armenviertel von Rio de Janeiro mit Lautsprecheranlagen und Geldern unterstützt, um die Einwohner über Hygiene- und Schutzmaßnahmen informieren zu können. Außerdem ließ man Grundnahrungsmittel verteilen und einen Sozial-Fonds einrichten, bei dem jede eingegangene Spende von Alpargatas noch einmal verdoppelt wird.

Die Nähe zur ärmeren Bevölkerung Brasiliens ist keineswegs zufällig, denn im Grunde kommt der Schuh genau dort her. Als die beiden Chefs von Alpargatas 1962 auf die Idee kamen, eine robuste Gummischlappe nach dem Vorbild der traditionellen japanischen Zori-Sandale zu entwickeln - nur statt mit einer Sohle aus Reisstroh und Stoffriemen eben wasserresistent und reißfest -, schufen sie einen Schuh, den sich so gut wie jeder leisten konnte. Der Name sollte obendrein ein Stück weit nach Paradies klingen. Für viele Brasilianer sind Havaianas noch immer das einzige Schuhwerk. Lange Zeit galten sie deshalb als Armen- oder Arbeiterlatsche.

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