Mode Schon einmal war die Americana-Mode so im Trend: zur Zeit des Vietnam-Krieges

Wie kann das sein? Sind die Designer, die diese Motive gerade jetzt aufgreifen, weltfremd, reaktionär, geschmacklos? Oder, im Gegenteil, sogar überaus reflektiert? Gehen wir am besten, justinlike, zu den Wurzeln zurück, dahin, wo dieses Comeback angefangen hat. Der belgische Designer Raf Simons zeigte vergangenen Februar seine erste Kollektion für das sehr amerikanische Haus Calvin Klein. Die Trump-Wahl lag da gerade drei Monate zurück, der neue Präsident war erst ein paar Wochen im Amt, hatte sich aber schon mal mit einem Einreisestopp für muslimische Länder ins Gespräch gebracht. Kanadas Einwanderungs-Website brach wegen Überlastung zusammen, weite Teile der Westküstenbewohner erklärten, sie fühlten sich wie im falschen Film.

Was also lief bei der Calvin-Klein-205W39NYC-Show (so heißt die Laufsteg-Kollektion des Labels tatsächlich) für Musik? Eine Version von David Bowies "This is not America". Was allerdings folgte, war ziemlich amerikanisch: Paradeuniformen, Cowboystiefel, graue Mäntel mit Quilt-Einsätzen, Jeans. Aber dieses Land hat ja so viel mehr zu bieten: Es folgten Mäntel und Federkleider mit Plastik überzogen - als Kommentar auf die Schutzfolie-Manie der Amerikaner und den abgepackten Kommerz.

Wer Simons' Ambivalenz gegenüber seiner neuen Heimat da noch nicht ganz durchschaut hatte - Melania Trump trug bald völlig ironiefrei eines der hübschen Parade-Hemden in Camp David - tat das spätestens nach seiner zweiten Show im vergangenen September. Da gab es wieder die klassischen Motive, aber die langen Lederröcke erschienen blutverschmiert, die Drucke stammten aus Warhols "Death and Desaster"-Serie, Kleider waren aus Nylon gefertigt, das stark an David Lynchhafte Leichensäcke erinnerte. "American horror, American dreams", erklärte Simons im Anschluss an die Show. Trump, Charlottesville, der Amoklauf von Las Vegas - amerikanischer Traum und Albtraum liegen dicht beieinander.

Und natürlich war das auch bei Simons dritter, vergangene Woche gezeigter USA-Kollektion wieder Thema. Neben den schon obligatorischen Western-Hemden und Stiefeln waren jede Menge hellkarierte Kleidchen zu sehen. Dazu füllte er die Location mit LKW-Ladungen Popcorn, die unter den Füßen der Models und Besucher knirschten. Wieder keine leichte Kost, obwohl Simons darauf bestand, diesmal gebe es "weniger Horror, mehr Hoffnung".

Während die Sängerin Lana del Rey vergangenes Jahr erklärte, sie werde aus Scham nicht mehr vor der US-Flagge auftreten, scheint Raf Simons hiereinen anderen Punkt machen zu wollen: Es gibt nicht nur das eine Amerika.

Gürtel von Prada über net-a-porter.com

(Foto: Prada)

Es ist nicht das erste Mal, dass "Americana" genau dann stark in Erscheinung tritt, wenn das Land nicht seine glorreichste Zeit erlebt. Auch im Vietnam-Krieg kehrten sowohl Konservative wie Hippies zurück zu Jeans, Boots und Flaggen - wenn auch sehr unterschiedlich gestylt. "Statt sich in Zeiten der inneren Zerrissenheit von patriotischen Symbolen zu verabschieden, greifen die Leute gerade dann dazu", erklärte die amerikanische Textil-Historikerin Deirdre Clemente von der University of Nevada jüngst in einem Interview. Wenn verschiedene Kulturen aufeinanderprallen reklamiert stets jede Seite ,Americana' für sich. "Gerade jetzt,da so viele Amerikaner das Gefühl haben, dass die besten Werte ihres Landes in Gefahr sind, überrascht es mich überhaupt nicht, dass die Leute zu diesen Symbolen zurückkehren, um zu demonstrieren: ,Das ist es, wer wir eigentlich sind'", glaubt Clemente.

Wobei es eher nicht die US-Designer sind, die sich ohne Berührungsängste beim All-American-Repertoire bedienen. Bei Coach, das gerade sämtlichen Westernbedarf bietet, ist seit fünf Jahren der Brite Stuart Vevers am Werk, bei Calvin Klein mit Raf Simons ein Belgier, die Garderobe von Justin Timberlake beim Superbowl stammte von Stella McCartney. "Make America chic again" - der Trend geht voll auf die Kappe von Europäern beziehungsweise Einwanderern. Vielleicht sollte Trump seine Haltung zur Migration doch noch einmal überdenken.