Laufsteg-Trainer bei "Germany's Next Topmodel":"Jorge, der hat auch was im Kopf"

High Heels, hübsche Frauen und hyperaktiv - die Begriffe fallen dem geneigten "Germany's Next Topmodel"-Zuschauer wohl als Erstes ein, wenn er an Catwalk-Coach Jorge Gonzalez denkt. Aber Experimente mit radioaktiver Strahlung? Wohl weniger - zu Unrecht.

Vanessa Steinmetz

Wer beim Wort "Chicas" nicht sofort an den schrillen Catwalk-Trainer Jorge Gonzalez denkt, hat die vergangenen Jahre wohl in völliger Privatsender-Abstinenz verbracht. Bei "Germanys Next Top Model" gibt der Kubaner den ultimativen Paradiesvogel: laut und bunt präsentiert er sich meistens auf 20-Zentimeter-Absätzen, gerne auch im hautengen Badeanzug. Nicht gerade ein Wissenschafts-Nerd - sollte man meinen. Doch der 44-Jährige ist studierter Nuklear-Ökologe und zapft Kuh und Bauer auch mal Urin ab.

Topmodel-Coach Jorge Gonzalez ist studierter Nuklear-Ökonom

Gonzalez posiert auf einer Premiere: "Leute, die hinter die Fassade gucken, sind überrascht"

(Foto: dapd)

SZ.de: Herr Gonzalez, könnten Sie Bundesumweltminister Peter Altmaier nicht beim geplanten Atomausstieg mit ihrer Expertise unterstützen?

Jorge Gonzalez: Natürlich. Ich finde, das geht zu langsam voran. Wir müssen besser vorbereitet sein. Uns fehlen noch die Strukturen für die erneuerbaren Energien. Viele Unternehmen haben Angst vor hohen Kosten. Aber die Energiewende ist ein wichtiger Schritt, den müssen wir machen.

SZ.de: Was erforscht ein Nuklear-Ökologe denn genau?

Gonzalez: Die Nuklear-Ökologie ist spezialisiert auf radioaktive Strahlung in unserem Ökosystem. Dafür werden ganz unterschiedliche Dinge untersucht, also auch Tiere und Menschen, und deren Strahlung gemessen. So können wir beispielsweise kontrollieren, wo sie besonders hohen radioaktiven Strahlungen ausgesetzt sind.

SZ.de: Beschäftigen Sie sich noch viel mit dem Thema?

Gonzalez: Über Fukushima habe ich viel mit Kollegen gesprochen, die auf der ganzen Welt als Nuklear-Chemiker arbeiten. Die haben mich immer über die genaue Situation informiert. Natürlich war das ein Schock, die Konsequenz muss der Atom-Ausstieg in Japan sein. Fukushima hat auch uns gezeigt: Wir können nicht sicher sein.

SZ.de: Fühlen Sie sich manchmal unterschätzt?

Gonzalez: Für viele bin ich natürlich der Catwalk-Trainer mit den langen Haaren und dem gebrochenem Deutsch, aber das ist mir egal. Ich denke, ich bin eine Person mit verschiedenen Talenten. Ich interessiere mich privat noch für ganz andere Dinge, Kunst und Politik zum Beispiel.

SZ.de: Aber ihre Rolle in den Medien ist eine andere.

Gonzalez: Da bin ich der Catwalk-Trainer, mit dem die Leute lachen und Spaß haben können. Wenn sie dann hinter die Fassade gucken, sind viele überrascht. Neben der medialen Figur gibt es auch den Jorge, der was im Kopf hat.

SZ.de: Wie wird aus einem Nuklear-Ökologe ein Laufsteg-Trainer?

Gonzalez: Schon als Kind habe ich viel getanzt. Ich wollte immer Ballett-Tänzer werden, aber mein Vater war dagegen. Ich habe schon früh gespürt, dass ich anders bin und habe mit den Schuhen meiner Mutter gespielt. Für mich stand fest, dass ich im Ausland studieren wollte. Dafür brauchte man in Kuba einen sehr guten Abschluss. Den habe ich geschafft und bin dann zum Studieren nach Bratislava gegangen. Für Biologie habe ich mich schon immer interessiert. Nebenher habe ich auch als Model gearbeitet. Einmal hatte eine Kollegin Probleme, in High Heels zu laufen. Aus Spaß habe ich es dann ausprobiert. Ich konnte in den Schuhen laufen, tanzen und springen. Ich wusste nicht woher, aber ich konnte es einfach.

SZ.de: Und dann wollten Sie gleich im Model-Business bleiben?

Gonzalez: Zunächst wollte ich mein Studium beenden und etwas daraus machen. Das Problem war aber, dass im Juli 1990 nach dem Zerfall der Sowjetrepublik alle kubanischen Studenten wieder zurückkommen sollten. Eigentlich sollte ich meine These im September präsentieren, aber das hat die kubanische Regierung nicht erlaubt. Deshalb bin ich untergetaucht. 1991 habe ich dann mein Diplom bekommen. Als Kubaner hätte ich aber keine Chance gehabt, in der Wissenschaft in Europa Karriere zu machen.

SZ.de: Worum ging es in Ihrer Abschlussarbeit?

Gonzalez: Ich habe die Uran-Konzentration im Urin von Tieren und Menschen untersucht. Dafür bin ich früh morgens immer auf eine Farm gefahren und habe die Milch und den Urin von einer Kuh und den Urin von dem Bauer untersucht, um zu gucken, wie hoch die Uran-Konzentration darin war. Das war meine Arbeit.

SZ.de: Und anschließend standen Sie im weißen Kittel im Labor.

Gonzalez: Ja, so war das. Ich musste ja meine Experimente machen. Das habe ich wirklich geliebt. Aber ich habe mich auch darauf vorbereitet, etwas anderes zu machen. Ich habe alle möglichen Jobs ausprobiert, habe in einer Kühlschrank-Fabrik gearbeitet und in der Landwirtschaft, in einem Club getanzt und gemodelt. Ich musste Geld verdienen.

SZ.de: Wie kam es zur Engagement bei GNTM?

Gonzalez: Das war Zufall. Ich habe vom Casting erfahren und meinen Lebenslauf dorthin geschickt. Die haben dann sofort ein Video mit mir gemacht und das Heidi geschickt. Die wollte mich. So bin ich in die Sendung gekommen.

SZ.de: Ihr Vorgänger Bruce Darnell musste die Show verlassen, als er sehr populär wurde. Haben sie nicht Angst, bald abgesägt zu werden?

Gonzalez: Ich sehe keinen Grund dafür, weil ich keine Konkurrenz bin. Als Catwalk-Trainer bin ich ein Teil der Show. Und Heidi ist die Präsidentin, ich verdanke ihr sehr viel.

SZ.de: Falls mit GNTM doch irgendwann Schluss sein sollte: Können Sie sich auch vorstellen, als Wissenschaftler zu arbeiten? Die High-Heels also gegen den weißen Kittel zu tauschen?

Gonzalez: Ich sage eigentlich nie nie, aber dazu kann ich sicher sagen: nie. Ich mache gerade das, was mir Spaß macht. Wenn es das nicht mehr tut, mache ich etwas anderes. Ich habe noch eine Künstler-Agentur, eine eigene Kollektion, ich habe genug zu tun. In der Show kann ich mich präsentieren, die Mädels lieben mich und ich bekomme ein bisschen mediale Aufmerksamkeit. Aber ich bin nicht promi-geil. Wenn ich nicht mehr in der Show arbeiten würde, würde ich auch nicht leiden.

© Süddeutsche.de/jobr/holz
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