Erlebnisbäder Die Lustgrotte ist abgeschafft

Im Römischen Reich dienten Badeanstalten als Orte für erotische Abenteuer, heute amüsieren sich hier Familien. Wer die Regeln missachtet, erhält Hausverbot - wie kürzlich ein Paar in der Badewelt Sinsheim.

(Foto: Tom Grimbert/Unsplash.com; Bearbeitung SZ)

Wie kann man verhindern, dass Erlebnisbäder und Thermen zweckentfremdet werden für Sex? Ein Spezialist verrät, wie Architektur die Besucher verwöhnen und zugleich disziplinieren soll.

Interview von Violetta Simon

Kurzurlaub im Paradies - so werben Erlebnisbäder für ihre der Natur nachempfundenen Badelandschaften, Palmenstrand inklusive. Doch manche Besucher suchen Grotten und Lagunen lieber für erotische Begegnungen auf. Im April landete ein Paar vor Gericht, weil es in einer Umkleidekabine der Badwelten Sinsheim Sex gehabt haben soll. Das Erlebnisbad mit der größten Saunalandschaft der Welt wurde - genau wie die Thermen in Erding und Bad Wörishofen - von dem Team um den mittlerweile verstorbenen Architekten Josef Wund entworfen. Peter Häusler hat mehr als 30 Jahre eng mit Wund zusammengearbeitet. Im Gespräch mit der SZ erklärt der Architekt, wie man Erlebnisbäder so gestaltet, dass Besucher sichtbar bleiben, ohne dass sie sich beobachtet fühlen.

Große Thermen und Badelandschaften wehren sich seit Jahren gegen den Vorwurf, dass dort Swinger-Partys stattfinden. Haben öffentliche Schwimmbäder eine erotisierende Wirkung auf ihre Besucher?

Ebenso könnte man fragen, was erotisierend an einer medizinischen Massagepraxis ist. Dennoch versuchen manche Leute, die Situation auszunutzen. Die Frage ist: Kann man überhaupt von erotisierend sprechen, wenn das weniger als ein Prozent betrifft? Die Badewelt Sinsheim hat rund 700.000 Besucher im Jahr, eine große Therme wie Erding mehr als das Doppelte - das entspricht der Einwohneranzahl von Hamburg, da ist alles Mögliche dabei. Nur eines hatten wir in den vergangenen 20 Jahren nicht: einen Todesfall.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich tagesaktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Dennoch würde ein einziger genügen, um damit in die Schlagzeilen zu kommen. Das Ungewöhnliche beeindruckt nun einmal nachhaltiger - etwa, wenn man unfreiwillig Zeuge einer sexuellen Handlung wird.

Natürlich fühlen sich Gäste dadurch gestört, die das Bad zur Erholung nutzen wollen. Das ist eine nervige Angelegenheit, und das versuchen wir zu unterbinden.

Und zwar auf architektonischer Ebene ...

Vermutlich lässt sich so ein Problem therapeutisch besser lösen. Aber als Architekten können wir zumindest Einfluss nehmen, indem möglichste viele Bereiche einsehbar bleiben. Schon aus Sicherheitsgründen, aber auch, um Entgleisungen zu vermeiden. Die Herausforderung dabei ist: Wir können keine offene Halle bauen, wo sich die Leute wie auf einem Fußballfeld aufhalten. Auch wenn die echte Copacabana ein bisschen so aussieht - Sinsheim ist ja nicht Rio.

Wie löst man das Dilemma, verraten Sie uns ein paar Kniffe?

Durch Farbe, Temperatur, Düfte, Beleuchtung oder Material lässt sich einiges erreichen. Etwa, indem man die typischen weißen Fliesen durch helle Hölzer, warme Farben, Naturstein und textilbespannte Wände ersetzt. Vor allem aber durch echte Pflanzen, in dem Fall viele hohe Palmen. So entstehen innerhalb der großen, übersichtlichen Halle real anmutende Landschaften, das Gebäude selbst tritt in den Hintergrund. Außer im Saunabereich gibt es keine Mauern, man befindet sich gefühlt ständig im Freien. Um zu verhindern, dass sich die Leute wie auf dem Präsentiertteller fühlen, schafft man Einzelbereiche durch niedrig bewachsene Zonen. So hat der Besucher Privatsphäre, bleibt aber sichtbar.

Sinsheim ist Ihr fünftes Projekt - haben Sie im Laufe der Jahre dazugelernt?

In der Therme Erding, wo ich an der Planung beteiligt war, gab es anfangs einige Vorfälle in der Grotte. Das haben wir durch den Einbau von Kameras unterbunden. Seitdem gibt es in unseren Bädern keine Grotten mehr.

In den Umkleidekabinen in Sinsheim, wo sich ebenfalls mehrere Paare vergnügt haben sollen, haben Sie aber keine Videokameras installiert, oder?

Aber nein, da hat der Gast ein berechtigtes Diskretionsbedürfnis. Die Umkleiden kann niemand einsehen. Dafür haben sie einen freien Fußraum, wie man es aus Kaufhäusern kennt. So kann man von außen zumindest feststellen, ob sich zwei Personen darin aufhalten. Das ist nämlich nicht gestattet.

Schon in den Thermen des Römischen Reichs wurden neben den dampfgeschwängerten Badehallen die Kabinen für erotische Begegnungen genutzt. Auch wenn sie heute sauberer sein dürften: Bei Umkleiden denkt man eher an Neonlicht und feuchte Fliesen als an Liebesnest, oder?

Da liegen Sie zum Glück falsch: Der Boden ist aus Naturstein, es gibt eine Fußbodenheizung, die ihn trocken hält. Die Wände sind aus hygienischen Gründen aus Kunststoff, aber in Holzoptik. Außerdem sind die Kabinen relativ groß. Allerdings nicht, damit man zu zweit besser reinpasst. Sondern damit man sich beim Umdrehen nicht die Ellbogen stößt.

Werden die Kabinen jetzt halbiert?

Das können, wollen und werden wir nicht. Es gibt Leute, die treffen sich auf Parkplätzen - die kann man ja deswegen auch nicht einfach abschaffen.

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