Modegeschichte:Lass stecken

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Modegeschichte: Ohne Hosentasche schlicht nicht dasselbe: Bruce Springsteens legendäres "Born in the USA"-Cover von 1984.

Ohne Hosentasche schlicht nicht dasselbe: Bruce Springsteens legendäres "Born in the USA"-Cover von 1984.

(Foto: © Sony Music)

Hosentaschen sind die Unterschicht in der modischen Rangordnung: kaum sichtbar, eher zweckmäßig, oft ein bisschen zugemüllt. Dabei würde ohne sie, in jeder Hinsicht, sehr viel verloren gehen.

Von Silke Wichert

Die britische Vogue betreibt seit einigen Jahren eine Videokolumne, die an Banalität und Werblichkeit kaum zu überbieten ist. "In the bag" heißt das Format, bei dem Models, Schauspielerinnen und sonst wie bekannte Frauen vor der Kamera ihre Designerhandtaschen ausleeren, um zu zeigen, was sie da so alles mit sich herumschleppen. Der Überraschungsfaktor hält sich erwartungsgemäß in Grenzen, jede Menge Schminkzeug, Telefone, keine Drogen, und doch schaut man neugierig hin, weil hier ja ein vermeintlich privater Bereich nach außen gekehrt wird. Man lernt so immerhin, dass Victoria Beckham immer ein gutes Buch dabei hat, Claudia Schiffer Wasser mit Alpenkristallen trinkt und Angelina Jolie die ganze Sache selbst so peinlich findet, dass sie ständig lachen muss.

Deutlich authentischer ist dagegen das Ausleeren der Hosentaschen. Früher kannte man die Geste nur aus Filmen, in denen jemand ins Gefängnis musste, heute lässt sie sich vor jeder Flugreise an der Sicherheitskontrolle dutzendfach beobachten. In den umliegenden Plastikwannen landet meist ein Mix aus Münzen, Fahrkarten, Kassenbons, Haarklammern, Labello, verklebten Bonbons - bei älteren Jeans garniert von einem undefinierbaren Fasergemisch aus mitgewaschenen Taschentüchern, Tabak oder anderen Kleinstpartikeln. Der Bodensatz des eigenen Daseins, der anschließend hartnäckig unter den Fingernägeln hängt.

Schließlich wird kaum ein Bestandteil der Kleidung so oft angefasst, umgegraben, aufgewühlt, weshalb in Online-Foren gern mal die Frage gestellt wird: "Habt ihr auch ständig Löcher in den Hosentaschen?" Und doch wird die Hosentasche in der Modegeschichte kaum gewürdigt. Es gibt kein einschlägiges Standardwerk dazu, keinen Designer, der über seine Leidenschaft für Hosentaschen schwärmt. Eher ist das Gegenteil der Fall. Denn sie einzunähen ist zusätzlicher Aufwand, Taschen brauchen ein Futter, Abnäher. Bei Zara werden Taschen deshalb oft nur angedeutet, Attrappen sind billiger. Immerhin: In Amerika gibt es einen "Tag der Hosentasche", der auf kommenden Montag fällt. Allerdings heißt er im Englischen korrekt "Car Keys and Small Change Day". Nicht mal hier wird die Hosentasche namentlich gewürdigt.

Im Krieg wurden die Hosentasche kurzerhand aufgemalt

Dabei wäre unser Leben ohne sie nicht nur sehr viel unpraktischer, es würde auch ziemlich anders aussehen. Jeans zum Beispiel, die hinten keine Gesäßtaschen haben, wirken seltsam leer. Selbst eine einzelne Gesäßtasche, wie sie bei Männern bis 1901 üblich war, erscheint irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten. Zwei schräg aufgesetzte Stücke Stoff dagegen rahmen den Hintern perfekt ein. Diese Ästhetik hat sich im wahrsten Sinne des Wortes so eingeprägt, dass im Zweiten Weltkrieg, als auf Anweisung der amerikanischen Regierung Stoff gespart werden musste, bei Levi's die Taschen kurzerhand draufgemalt wurden.

"Butt"-Bilder von Frauen in Jeans sind ein beliebtes Motiv. Eines der legendärsten Motive ziert allerdings einen Männerhintern: Das Plattencover von "Born in the USA" (1984) von Bruce Springsteen, fotografiert von Annie Leibovitz. Der Po vor der amerikanischen Flagge gehört zum Boss selbst, er trägt blaue, lockere Jeans mit Gürtel, ein weißes T-Shirt. Fehlte noch das Rot der Nationalfarben, deshalb steckt in seiner rechten Gesäßtasche eine rote Baseballkappe, die dem verstorbenen Vater eines Freundes gehörte. Dass das Ganze nicht als Werbeplakat für das große Amerika gedacht war, sondern eher als deutliche Kritik, haben übrigens bis heute nicht alle verstanden. Ohne Hosentasche wäre dieses Foto jedenfalls nie so berühmt geworden.

Verfärbungen, individuelle Abreibung und Löcher darin liefern sogar Stoff für Anthropologen: Die Amerikanerin Tracey Panek arbeitet als Jeans-Historikerin für Levi's und untersucht bei alten Modellen, die etwa in Minen oder auf Vintage-Märkten gefunden werden, nicht zuletzt anhand des Abriebs der Taschen, was ihre Besitzer im Leben so getrieben haben. "Ein Modell konnten wir anhand der Nieten ungefähr auf das Jahr 1890 datieren und wir vermuten, dass es einem Cowboy gehörte", sagt Panek. "Der Hintern ist mehrfach geflickt, an den rechten Taschen sind stärkere Abnutzungen, wahrscheinlich war er also Rechtshänder." Abdrücke können verraten, welches Werkzeug jemand mitführte, ob er rauchte, wenn etwa die Umrisse einer Zigarettenschachtel deutlich zu erkennen sind. Panek weiß natürlich auch schon, was Jeans-Historiker später anhand der Hosentaschen über die Menschen des frühen 21. Jahrhunderts erfahren werden: "Sie werden jede Menge rechteckige Spuren an Taschen vorne und hinten finden und deshalb wissen: Alle trugen ständig Smartphones mit sich herum."

Wo früher die Taschenuhr steckte, wird heute das Marihuana verwahrt

Wahrscheinlich heißt es nicht umsonst, etwas "am Mann" tragen, denn historisch waren Hosentaschen, die vor etwa 500 Jahren in der Garderobe auftauchten, erst einmal reine Männersache. Nur sie zogen schließlich raus in die Welt, arbeiteten, mussten also wichtige Dinge dabeihaben. Etwa die Taschenuhr, womit endlich der Sinn dieser seltsamen Mini-Tasche der "Five Pocket Jeans" von Levi's geklärt wäre. Sie war von Levi Strauss eigens für die empfindlichen Uhren dort angebracht worden. Heute wird sie eher für Kondome, Einkaufswagenchips oder Marihuana-Tütchen zweckentfremdet.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem Gedanken, wichtige Dinge immer dabeizuhaben, sogar ein eigenes Genre "für unterwegs". Taschengeld, Taschenmesser, Taschenlampe, Taschentücher, und natürlich das Taschenbuch, obgleich die persönliche Lektüre - siehe Leseratte Beckham - heute eher in größeren Beuteln steckt. Reiseführer und Gesellschaftsspiele werden im praktischen "Pocket-Format" verkauft. Alles schrumpfte irgendwann auf Hosentaschengröße als Zeichen für mobilen Fortschritt. Aber würde man all den Kram wirklich in seinen Taschen verstauen, wären die so ausgebeult wie im Disney-Klassiker bei Robin Hood, als er und Little John, als Frauen verkleidet, die Kutsche des bösen Prinz John voller Gold plündern.

So praktisch Hosentaschen sind, wirklich sicher sind sie nicht. Besagte Löcher haben schon jede Menge Münzen auf der Straße landen lassen. Und seit es Hosentaschen gibt, gibt es wahrscheinlich auch Taschendiebe. Vor allem die Gesäßtaschen wirken im Nahverkehr geradezu einladend. Zumal sie die Supersize-Entwicklung von Smartphones nicht mitgehen und die Telefone oft nur halb, wie einen zum sofortigen Verzehr gedachten Wrap, umwickeln. James Bond steckte sein Portemonnaie stets vorne rechts in seine Anzughose. Aber auch dort kommt geschultes Personal ja bekanntlich hin. Trotzdem würden Männer natürlich nie Handtasche tragen - diese Auffassung hält sich in gewissen Kreisen hartnäckig. Die Realität mit quer über dem Körper hängenden Hip Bags, Kuriertaschen oder Rucksäcken sieht allerdings ein bisschen anders aus.

Die Geschichte der Hosentasche ist letztlich auch eine Gendergeschichte

Frauen dagegen trugen vor 500 Jahren erstens noch keine Hosen, zweitens war ihr Aktionsradius eher überschaubar: Wer zu Hause bleiben sollte, brauchte keine wichtigen Dinge für unterwegs. Statt eingebauter Rocktaschen hatten sie für besondere Anlässe kleine Extra-Taschen mit Band, die sie sich zwischen Rock und Petticoat umschnürten. Noch 1933 fragte das Branchenblatt Women's Wear Daily vorsichtig: "Werden Frauen Hosen tragen?" Rückblickend kann man antworten: Klar, das tun sie, sogar mit Hosentaschen!

In Kleidern und Röcken dagegen waren eingenähte Taschen lange tabu, weil das Futter oder gar Gegenstände darin die weibliche Silhouette womöglich deformieren könnten. Erst in den vergangenen Jahren sind immer mehr Designer und Designerinnen dazu übergegangen, auch hier Eingrifftaschen einzusetzen - was durchaus als feministisches Statement beklatscht wurde. Unter dem Hashtag #wewantpockets fordern vor allem junge Frauen auf Social Media weiterhin ihr Recht auf dieselben ein. Für Applaus sorgte letztes Jahr der Fall einer Erstklässlerin aus Arkansas, USA, die sich bei einer Modemarke wie folgt beschwerte: "Ich mag es nicht, dass die Vordertaschen der Mädchenjeans fake sind." Sie wolle da Sachen hineinstecken. Und ihre Hände.

Endlich sagt's mal jemand: Die als Hort für alles Mögliche konzipierten Hosentaschen sind längst auch Kurzzeit-Parkbuchten für unsere Hände geworden. Weil diese Gliedmaßen wirklich wahnsinnig viel in Gebrauch sind, aber man manchmal einfach nicht weiß, wohin damit. Von James Dean etwa gibt es kaum ein Bild ohne Hand in oder an den Hosentaschen. Geena Davis hakt auf dem berühmten Bild aus "Thelma und Louise" die Daumen lässig hinten in die Gesäßtaschen. Junge Pärchen stecken ihre Hände manchmal verliebt über Kreuz in die Gesäßtasche des anderen. Jogginghosen sind selbst in dieser Hinsicht am weichsten und bequemsten, was das ständige Hineingreifen besonders verführerisch macht.

Weil Politiker und Vorstandschefs auch irgendwann anfingen, ein oder zwei Hände in die Tasche zu stecken, gibt es von Verhaltenspsychologen und Etikette-Experten unzählige Abhandlungen zum Thema. Sehr kurz zusammengefasst: Das eher krampfige Verbarrikadieren der Hände in der Jeans wird immer noch als Unsicherheit gewertet, tiefes Vergraben in egal welche Tasche als Abwehrhaltung, staatsmännisches Schieben einer Hand in die Anzughose - siehe Gerhard Schröder oder Barack Obama - gilt bei vielen mittlerweile aber als vollkommen okay. Bei Armani und Valentino laufen die Models schließlich auch mal mit Hand in der Hosentasche über den Laufsteg.

Zu denken geben sollte einem in diesem Zusammenhang allerdings das folgende russische Sprichwort: "Mit den Händen in den Hosentaschen kann man keine Kuh melken", was so viel heißen soll wie: Nur wer sein Ziel anpackt, kann etwas erreichen. Wladimir Putin sieht man leider fast nie mit den Händen in seinen Hosentaschen.

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