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Label "Hessnatur":Kompromisse und Umwege beim Design

Hess-Natur-Shop in Butzbach

(Foto: Hess Natur)

Von dem alten Vorurteil, dass öko zwangsläufig öko aussieht, will Designerin Hellmuth dann auch nichts wissen: "Wo bitte steht geschrieben, dass ein nachhaltig produziertes Produkt sich nicht auch einfach gut anfühlt, passt - und gefällt?" Gegenfrage: Was bedeutet es für einen Designer, wenn die ökologische Produktionsweise immer an erster Stelle steht, ist das nicht gewissermaßen eine Form der Unterwerfung?

Natürlich gebe es Grenzen, sagt Hellmuth - aber man müsse eben neue Techniken entwickeln und "kreative Umwege" gehen. So versucht das Unternehmen mit sogenannten "Zero-Waste"-Schnitten, das Material vollends auszunutzen, damit keine Stoffreste anfallen. Das Ergebnis hat mit einer Notlösung eher wenig zu tun: schlauchartig-lässige Oberteile, Seidenröcke in Schwarz-Weiß-Optik.

Ein weiteres Beispiel für neue Techniken ist die "Moonwalk Denim", eine graue Retro-Jeans, die in ihrer Waschung so aussieht, als sei sie schon ein paar Generationen im Umlauf. Da Hessnatur nicht mit Chlorbleiche arbeitet, ging man den umgekehrten Weg: Anstatt dunkles Denim-Material zu bleichen, wird auf eine weiße Jeans eine kreideartige Substanz aufgetragen, die im Ofen getrocknet wird, auf diese Bruchstellen werden Farbpigmente aufgetragen.

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Mit ihrer Mode möchte Hellmuth Menschen erreichen, "die sich mit der Frage nach Verantwortung auseinandersetzen". Menschen ab Mitte 30, "die sich nicht entscheiden wollen zwischen Nachhaltigkeit und Zeitgeist". Die Designerin will Kleidung kreieren, die man auch mal eine Saison in den Schrank steckt und dann wieder rausholt - "also das Gegenteil von Ex-und-hopp-Design."

Bei Mode kann sich jeder öko nennen

Auch die Konsumenten distanzieren sich allmählich von der Ex-und-hopp-Konsumkultur, Moral ist das Gebot der Stunde: Einer Studie der Otto Group (2013) zufolge sind 56 Prozent der Deutschen der Meinung, häufig ethisch korrekte Produkte zu kaufen. Vier Jahre zuvor lag dieser Wert bei 26 Prozent. Bei Kleidung kann sich der Kunde trotzdem nie ganz sicher sein, dass das Produkt dem Öko-Gelübde standhält. Anders als bei Lebensmitteln sind die Begriffe "bio", "öko" und "organic" bei Kleidung nicht geschützt, es kursiert eine Vielzahl von Siegeln. Als besonders vertrauenswürdig gelten laut Greenpeace das Siegel des Global Organic Textile Standard (GOTS) und das Siegel des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN Best).

40 Prozent der Hessnatur-Produkte sind GOTS-zertifiziert, doch alle Produkte entsprechen den eigenen ökologischen Standards. So arbeitet man laut Nachhaltigkeitsabteilung nur mit Farbstoffen ohne Chrom, verzichtet auf Ausrüstungschemikalien und verwendet beim Anbau natürliche Mittel zur Schädlingsbekämpfung. Hessnatur wirbt mit dem Slogan: "Humanity in fashion", Menschlichkeit in der Mode.

So gibt es seit zehn Jahren ein Biobaumwoll-Projekt in Burkina Faso, bei dem Kleinbauern in biologischer Landwirtschaft geschult werden und eine Abnahmegarantie haben. Auch insgesamt gelten klare Regeln bei der Einhaltung sozialer Standards, zum Beispiel: keine Kinderarbeit, gerechte Löhne, geregelte Arbeitszeiten. Diese Standards werden unter anderem von der unabhängigen Organisation Fair Wear Foundation überprüft.

Gutes Gewissen beim Shopping

Das Unternehmen, das 370 Mitarbeiter beschäftigt, seinen Umsatz im Geschäftsjahr 2014/2015 um 4,3 Prozent auf 68 Millionen Euro steigerte und damit auf eines der besten Jahre seiner Firmengeschichte zurückblickt, hat weltweit 85 Lieferanten, der Schwerpunkt liegt in Europa. Produziert wird aber auch in Asien und Südamerika; die Produktionsländer würden in "high risk" und "low risk" unterteilt, man zahle mehr als den jeweils üblichen Mindestlohn. Im "Low risk"-Land Litauen etwa werden die Maschinen in der Produktionsstätte extra gereinigt, wenn Stoff von einem anderen Label verarbeitet wurde. Bis ein Jackett fertig ist, können auch mal anderthalb Stunden vergehen. Jeder Lieferant muss sich für eine Zusammenarbeit vorqualifizieren und die Hessnatur-Sozialstandards anerkennen.

All das klingt nach viel gutem Gewissen beim Shopping-Trip - nur sieht es nicht mehr ganz so sehr nach penetrantem Gutbürgertum aus. Die neue Herbst- und Winterkollektion kommt zu großen Teilen recht frisch daher: Röhrenjeans, asymmetrische Kleider, Strickjacken in dezenten Farben, Lederstiefel, Moonwalk-Jeans.

Und wie viel kostet so ein gutes Gewissen? Im Falle der Moonwalk-Jeans: 139 Euro. Gut, die Rhönschafherden lassen das Herz am Samstagnachmittag nicht ganz so laut schlagen. Aber vielleicht ja das neue Handy, das ist garantiert unökologisch.