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Bio-Unterwäsche aus München:Reizen, aber nicht kratzen

Gespräche über Shorts und Slips: Thomas Vatter (rechts) und Marcus Faulwasser haben ein Unterwäsche-Label gegründet.

(Foto: Robert Haas)
  • Vor einem Jahr haben die Wahl-Münchner Thomas Vatter und Marcus Faulwasser ein Label für Unterwäsche gegründet.
  • Ihre Produkte sind aus Bio-Baumwolle - sollen aber trotzdem keine Liebestöter sein.

Sie tragen ihre Produkte tatsächlich selbst. Als sich Marcus Faulwasser bückt, lugt ein blau-rot gestreifter Stoff zwischen dem tief hängenden Bund seiner Jeans und seinem T-Shirt hervor. Er trägt an diesem Tag "Tight Tim", die Trunk-Short mit dem mausgrauen Bündchen. Oder ist es doch die "Classy Claus"? Die ist auch blau-rot, hat dazu noch einen dünnen weißen Streifen. Faulwassers Unterhose war nur für einen Moment freigelegt. Hätte man nachfragen sollen, für welches Modell er sich am Morgen entschieden hat? Schließlich ist man bei ihm und seinem Geschäftspartner Thomas Vatter, um über Shorts und Slips zu sprechen.

Die beiden Freunde haben ein Label gegründet, das Wäsche für Männer, Frauen und Kinder in zertifizierter Bio-Baumwolle produziert und trotzdem den Anspruch hat, "no Passion Killer" zu sein. So steht es auf der braunen Faltschachtel aus recyceltem Material, in dem sie ihre Stücke ausliefern. Keine Liebestöter also. Für Frauen Blümchenmuster, aber auf schwarzem Stoff gedruckt. Für Männer Streifen und Karos, auch farbverlaufend.

Bio - auch bei der Getränkewahl

Die Namen der Stücke ihrer ersten Kollektion klingen wie Figuren aus dem Spielzeugland: "Easy Emma", "Steady Suzie" oder eben "Classy Claus". Das sind schmale oder hüfthohe Frauen-Slips sowie eine Männervariante. Passend dazu gibt es auch Kinderbodys: "Naughty Nic". Das Bedürfnis nach einer gut sitzenden Boxershort habe ihn auf die Idee gebracht, eine Firma zu gründen, die genau das herstellt, was er von einer Unterhose erwartet: Qualität.

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Blühende Pflanzen entlang der gepflasterten Einfahrt führen zu Faulwasser und Vatter in einem Hinterhof in der Marsstraße. Hier hat die Gentrifizierung noch nicht vollends zugeschlagen. Es ist ruhig hier, und sie sind nicht die einzigen Jungunternehmer ohne Krawatte. Faulwasser und Vatter empfangen modisch unrasiert, beide tragen Jeans. Den Eingangsbereich des Büros füllen ein Tisch und ein hoher Kühlschrank, in dem Flaschen mit verschiedenen Fruchtschorlen und Mate-Tee stehen. Das Lieblingsgetränk der beiden: alkoholfrei, laktosefrei, glutenfrei, vegan, hergestellt mit erneuerbaren Energien, wegen seines Koffeingehalts nichts für Schwangere. Faulwasser murmelt: "Brauchen wir zum Überleben." Auch hier: Bio-Qualität.

Keine Lust auf ein Angestellten-Dasein

Vatter und Faulwasser, beide 40, stammen aus Schongau und sind zusammen in die Schule gegangen. Seit mehr als 20 Jahren leben die beiden in München, haben Kinder und keine Lust auf ein Angestellten-Dasein. Und sie sind dafür bereit, viel zu tun. Eine gute Menge an Gemeinsamkeiten.

Vor etwa einem Jahr hat Faulwasser seinem Schulfreund Platz frei geräumt in seiner Werbeagentur Nakami lounge und ist mit eingestiegen ins Unterwäsche-Geschäft. Dass die Marke Vatter heißt, störe ihn kein bisschen, sagt Faulwasser. "Ich fand es gut, einen Familiennamen zu verwenden und keine hippe Start-up-Bezeichnung." Der Schriftzug sehe doch gut aus auf einen Gummibund geprägt. Das steigere die Verkaufszahlen, haben sie aus der Textilbranche gehört.

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Die ist Vatter nicht unbekannt. Sein Großvater hatte nach dem Zweiten Weltkrieg in Schongau eine Sockenfabrik gegründet, in der unter anderem Strümpfe für die Marken Belinda, Nur die und Ergee produziert wurden. Als er 16 war, hatte ihn sein Vater nach seinem Interesse an der Firma gefragt. "Damals konnte ich mir nichts Langweiligeres vorstellen, als in der Provinz in einer Sockenfabrik zu stehen", sagt Vatter. Mit etwas Reife sehe er das jetzt anders. Aber sein Vater hat sich aus dem Familienunternehmen zurückgezogen. Immerhin, nun ist er stiller Teilhaber bei seinem Sohn und stützt die Finanzierung. Thomas Vatter spricht von Investitionen im sechsstelligen Bereich.

Genäht wird in der Türkei und in Griechenland

"Wir hätten es einfacher, wenn wir nicht total organisch produzieren würden", sagt er. Aber umso mehr er sich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, desto irrsinniger fand er, "was für einen Footprint die Textilindustrie hinterlässt". Er hat BWL studiert und wollte "irgendetwas im Internet" machen. Nach dem Studium versuchte sich Vatter mit einer Musik-Flirt-Plattform, was kein Flop war, aber auch nicht richtig zündete. Vielleicht weil er davon nicht so schwärmen konnte, wie jetzt über durchgewebte Punkte in einem hellblauen Dobby-Stoff.

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Sie haben Familienunternehmen in der Türkei und in Griechenland gefunden, die kleine Stückzahlen nähen. Inzwischen sind die Produkte auch in Läden zu haben. In Müchen bei U.G.L.Y. etwa und bei Phasenreich, wo die Vatter-Unterwäsche die meistgekaufte Marke ist. Inhaberin Bianca Mirkovic sagt: "Die Kollektion kommt gut an." Sie hatte nicht erwartet, dass sich Männer-Shorts für knapp 40 Euro so gut verkaufen. Sie selbst aber habe, wie Vatter, jahrelang nach schöner, nachhaltig produzierter Unterwäsche gesucht.