Etikette:Wie hält man denn jetzt das Besteck richtig? Darüber herrscht große Unsicherheit

Brissa nimmt lieber die Flasche Mineralwasser, um seinem Gegenüber nachzuschenken, und erzählt, warum er ein Benimmbuch geschrieben hat. Er ist eigentlich Jurist und auf Militärgeschichte spezialisiert, unter anderem hat er darüber geforscht, ob sich Franz Josef Strauß im Zweiten Weltkrieg als Agent des US-Geheimdienstes OSS betätigt hat - auch eine Art, deutsche Politik zu beobachten. Aber in den vergangenen Jahren sei er von allen möglichen Leuten gefragt worden, wie man sich in bestimmten Situationen benimmt. Wie man zu Veranstaltungen einlädt, sich vorstellt oder das Besteck hält, "da herrscht eine große Unsicherheit". Brissa kann sich noch gut an den Shitstorm erinnern, den eine Abgeordnete auf Twitter lostrat, als sie auf einer Einladung des Bundespräsidenten den Dresscode "kurzes Kleid" erblickte. Sie witterte Sexismus, dabei war es einfach der übliche Hinweis, dass man nicht im langen Abendkleid erscheinen muss.

Für Brissa hat diese Unsicherheit nicht nur damit zu tun, dass die Leute immer weniger in Strukturen eingebunden sind, in denen es Feedback für ihr Verhalten gibt, Kirchen, Vereine, Familien. Sondern dass man in einer sich beschleunigenden Arbeitswelt auch ständig mit neuen Regeln konfrontiert wird. Er wolle nicht belehren, sagt Brissa. Die "Pseudo-Autorität", mit der in klassischen Benimmkursen vermittelt werde, wie man essen muss oder niesen darf, finde er furchtbar. Es gehe ihm darum, Verhaltensregeln als Form der zwischenmenschlichen Kommunikation zu begreifen und wieder schätzen zu lernen. Und dafür liefere das politische Protokoll nun mal gute Beispiele.

Allein die Zeremonien beim Ankommen. Wer wo vorfährt und auf wen zugeht. Und was einzelne Gesten dabei ausmachen können, wie sie politisch werden: Konrad Adenauer etwa, wie er sich bei einem Treffen auf dem Petersberg selbstbewusst zu den Alliierten auf den Teppich stellte. Oder aber der Kniefall von Willy Brandt in Warschau, als die Fotografen erst dachten, es habe ein Attentat gegeben, weil Brandt plötzlich aus dem gewohnten Bildausschnitt verschwunden war. In seiner Dienstzeit habe ihn besonders ein Moment beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten, "einem Hochamt des Protokolls", berührt, sagt Brissa. Als Joachim Gauck seinen Platz im Defilee verließ, um eine hochbetagte Holocaust-Überlebende in den nächsten Raum zu begleiten.

Brissa ist selbst in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Manieren wichtig waren, in einer deutsch-italienischen Familie in Heidelberg. Vor allem bei den italienischen Verwandten habe "ein strenges Regiment" geherrscht. Vor Besuchen musste er sich stets penibel vorbereiten, welche Großtante mit welchem Kosenamen angesprochen und auf die Wange geküsst werden wollte, "und die Flasche beim Nachschenken habe ich auch nur einmal falsch gehalten".

"Wir hassen Sie" - diesen Satz hat er schon gehört, wenn er Politiker zum Aufbruch drängt

Natürlich sei gutes Benehmen von der Erziehung abhängig und davon, was einem an Werten vermittelt werde, sagt Brissa. Aber vor allem sehe er darin etwas, das sich jeder aneignen kann: die Fähigkeit, Empathie zu zeigen. Wer sich mit den Regeln gegenüber anderen beschäftige, bekomme auch einen Sinn für die Bedürfnisse anderer. Gibt es einen Politiker, der das gut hinbekommt? Zu deutschen Politikern will sich Brissa nicht äußern, aber er sagt, dass ihm Obama als Beispiel für einen souveränen Politiker mit weltläufigem Benehmen einfalle. Weil er Autorität ausstrahle und gleichzeitig ein Gespür für den Moment habe. So wie bei einem Empfang im Weißen Haus, als ihn ein afroamerikanischer Junge fragte, ob er dieselben Haare habe wie er. Und Obama sich zu ihm hinunterbeugte und sich ins Haar fassen ließ.

Oft erwähnt Brissa in seinem Handbuch Dinge wie Respekt und Wertschätzung. Dass es nicht um Manieren der Manieren wegen gehe, sondern darum, Haltung zu zeigen und auf andere zuzugehen, "das Parkett kennt nur Respektspersonen". Gerade in Zeiten wie diesen, in denen "Diffamierungen, Hetze und Fake News" zu den Mitteln derjenigen geworden seien, "denen es allein um die aggressive Durchsetzung ihrer Interessen ankommt".

Und so kommt die Botschaft von Enrico Brissa zwar so dezent daher wie er selbst als Protokollchef, wenn er eine Tür schließen oder Politiker zum Aufbruch mahnen muss, weswegen ihm in einer hochrangigen Runde schon mal der Satz "Wir hassen Sie" um die Ohren flog. Aber diese Botschaft ist eindeutig, und sie hat in ihrer Eindeutigkeit etwas nahezu Subversives: dass es aus gutem Grund Umgangsformen gibt, banale Regeln der gegenseitigen Wertschätzung und des Respekts vor anderen. Und dass man sich gefälligst daran hält, gerade und vor allem in der Politik.

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