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Römische Geschichte:Das Rätsel um die Dodekaeder

So hübsch der Gegenstand aussieht, so rätselhaft ist sein Nutzen.

(Foto: Fredvida, CC BY-SA 4.0)

Bis heute kann die Wissenschaft nicht erklären, wozu die Menschen in der Antike dieses seltsame, aus zwölf Fünfecken bestehende Metallgehäuse benutzt haben. Doch vor einigen Jahren kam eine Theorie auf, die plausibler ist als alle anderen.

Von Nicolas Freund

Auf den ersten Blick könnte man sie für ein Spielzeug, einen Massageball oder ein Teil einer Maschine halten. Die antiken Gegenstände, die als römische Dodekaeder bekannt sind, haben zwölf Seiten mit jeweils fünf Ecken, an denen kleine Kugeln sitzen. Die Objekte sind hohl und jede Seite hat eine unterschiedlich große runde Öffnung. Hergestellt wurden sie aus einer Metalllegierung, trotzdem sind die meisten wegen ihrer dünnen Wände sehr leicht. Mehr als hundert dieser Artefakte sind bisher in Europa gefunden worden, aber bis heute ist nicht geklärt, welchem Zweck diese scheinbar weit verbreiteten Gegenstände dienten.

Der erste Fund eines solchen Dodekaeders kann auf 1739 datiert werden. Am 28. Juni jenes Jahres soll es in London als ein unbekanntes, bei Grabungen im englischen Aston zutage gefördertes Objekt vorgestellt worden sein. Seither sind die geheimnisvollen Vielecke an den verschiedensten Orten, vor allem in Nordeuropa, gefunden worden, oft als Grabbeigaben, aber auch in Brunnen und Flussbetten, als seien sie verloren gegangen. Immer lag der Fundort in der Nähe antiker römischer Siedlungen. Datiert werden sie auf das zweite bis dritte Jahrhundert nach Christus. Eigenartigerweise sind keine bildlichen Darstellungen der Gegenstände überliefert, die auf ihren Verwendungszweck schließen lassen könnten.

Mehr als dass die Dodekaeder wegen ihrer Fundorte römischen oder keltischen Ursprungs sein müssen und dass sie im Wachsausschmelzverfahren hergestellt wurden, lässt sich über die Gegenstände kaum mit Sicherheit sagen, weshalb sich Wissenschaftler und selbsternannte Experten zu allerlei Theorien über deren Verwendung hinreißen ließen.

An der regelmäßigen geometrischen Form scheint die Vorstellungskraft viele Ansatzpunkte zu finden. So waren die Objekte schon für die Verwendung als Standartenständer, Kerzenhalter oder Vase im Gespräch, obwohl sie für solche profanen Zwecke offensichtlich zu aufwendig gearbeitet sind.

Andererseits muss es sich um einen wertgeschätzten, aber alltäglichen Gegenstand gehandelt haben, wofür die Anzahl wie auch die Fundorte der Dodekaeder sprechen. Zwar wurden einige Exemplare in der Nähe heiliger Stätten entdeckt, doch scheinen sie in keinem Zusammenhang mit kultischen oder heidnischen Riten gestanden zu haben. So ist auch die These, es könnte sich um die Spitzen von Zeptern oder die Köpfe einer keulenartigen Waffe handeln, eher unwahrscheinlich. Dafür sind sie zu filigran gefertigt und zeigen kaum Spuren, die auf eine entsprechende Benutzung hinweisen würden.

Gemein ist vielen Erklärungsversuchen, dass sie des Rätsels Lösung nicht in der Form oder den Eckkugeln, sondern in den verschieden großen Öffnungen an den Seiten der Dodekaeder vermuten. Könnten sie dazu gedient haben, kleinere Objekte wie Münzen nach Größe zu sortieren? Unwahrscheinlich. Handelte es sich um Verbindungsteile zwischen Rohren oder Stangen? Aber warum sollte man dann nicht gleich genau passende Teile herstellen, um eine Wasserleitung zu verlegen oder Zeltstangen zu verbinden? Als Spielzeug könnten die Dinger taugen: Man kann sie als Würfel verwenden oder für ein Spiel einiger nordischer Völker, bei dem ein Gegenstand mit verschiedenen Löchern in die Luft geworfen wird und mit einer Stange aufgefangen werden muss. Aber wenn der Verwendungszweck auf den Löchern beruht, wozu dann die zwölf Seiten und die Knubbel an den Ecken?

Das zwölfseitige Polyeder ist keine willkürliche Form, sondern eine der fünf streng symmetrischen geometrischen Figuren, die als platonische Körper bekannt sind. Ihnen wurde bis weit in die Renaissance eine Assoziation mit den Elementen und Himmelskörpern zugesprochen, wobei dem Dodekaeder eine besondere Stellung zukommt, da es als die komplexeste Form mit dem Kosmos und dem aristotelischen Element des Äthers in Verbindung gebracht wird. Auch, weil es von den fünf Formen dem Ideal der Kugel am nächsten kommt. Es ist also möglich, dass den römischen Dodekaedern eine kosmische Bedeutung beigemessen wurde, obwohl dies durch keine Quellen gedeckt ist und auch nicht die verschieden großen Öffnungen erklärt, die für einen Ziergegenstand nicht nötig wären.

Nützlich für die Architektur oder für die Kriegsführung

Eine praktische Verwendung für diese verschiedenen Löcher haben einige Mathematiker vorgeschlagen: Blickt man durch zwei Öffnungen auf ein Objekt, lässt sich unter Berücksichtigung der Größe des Dodekaeders die Entfernung zu dem Objekt berechnen - für die Architektur, aber auch für die Kriegsführung ein äußerst wertvolles Instrument. Es stellt sich allerdings die Frage, ob solche Berechnungen im Feld nicht möglicherweise zu umständlich sind. Und warum ein so nützliches Werkzeug nicht im ganzen Römischen Reich, sondern nur in den nördlichen Regionen zum Einsatz kam.

Eine der überzeugendsten Theorien wurde erst 2014 in mehreren Youtube-Videos vorgeführt: Bei den Dodekaedern soll es sich ihnen zufolge um Werkzeuge zur Herstellung von Textilien handeln, genauer gesagt von Handschuhen. Webt man einen Faden um die fünf Kugeln an jeder Seite, lässt sich durch das Loch in der Mitte ein Stoffschlauch häkeln. Die verschiedenen Größen der Löcher entsprechen dabei den Fingern der Hand, und durch die benachbarten Seiten lassen sich die Finger zu einem ganzen Handschuh verknüpfen. Der große Vorteil dieser Theorie: Sie erklärt wirklich fast alle Eigenschaften der Dodekaeder, und außerdem wird klar, warum diese Artefakte nur im Norden Europas gefunden wurden - im Süden braucht man einfach keine Handschuhe.

© SZ vom 05.05.2018/olkl/cat
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